Die brave und freundliche Hausfrau trotzt in der Regel allen Widrigkeiten und stürzt sich, unbeeindruckt von allen Hindernissen, die sich ihr in den Weg werfen, wie zum Beispiel Rücken oder Knie oder Hände, also den üblichen Befindlichkeitsstörungen, die keinerlei Beachtung verdienen, in ihr tägliches Geschäft.
Das Badezimmer zu reinigen gehört zwar nicht zum täglichen Geschäft, aber im Rhythmus von zwei Wochen sollte es doch einer gründlicheren Reinigung unterzogen werden. Sonst drohen Seuchen und Epidemien.
Und so kam es, dass ich heute das Badezimmer zum Ziel meiner zwanghaften Reinigungsaktivitäten auserkoren habe. Die Küche ist nämlich soweit in Ordnung, die Böden sind gewischt, die innere Ordnung ist aber noch immer nicht wieder hergestellt, darum beackere ich das Drumherum.

Ich nahm geschwind den Lappen und die Reinigungsmilch mit zartem Zitrusduft, verrieb sie leidenschaftlich auf der Keramik, wendete mich kurz der weißen Schüssel zu und füllte ihr lilalavendelduftende Schmutzentfernung unter den Rand, begab mich mit einer kleinen Drehung, mehr braucht es nicht auf eins Komma fünf Quadratmetern Badezimmer, dem Waschbecken wieder zu und ließ beherzt das Wasser an, um die Schmutzpartikel durch den Abfluss zu jagen. Aber herrjeh und ach, da tat sich nichts. Das Wasser lief ein aber nicht mehr ab. Ein Blick genügte und mir war klar: Haare. Wiedereinmal verstopften drei Kilo Haare den Abfluss. Das ist kein Problem für die brave und freundliche Hausfrau. Sie hüpft in den Keller, holt Eimer, Rohrzange und Gummihandschuhe, hüpft wieder hinauf in das Bad und beginnt damit, diese großen Dinger unter dem Waschbecken abzudrehen, nachdem sie den Eimer untendrunter platziert hat. Zur besseren Vorstellungskraft hier eine kleine Hilfe:

Rohre

Die Drehdinger, diese großen Schraubteile, lassen sich recht gut entfernen, wenn man eine gescheite Rohrzange hat. Und da ich meinem Vater damals, als wir das Haus sanierten, diverse gute Werzeuge entwendete, bin ich natürlich im Besitz einer solchen.

Schnell waren die Dinger abgeschraubt, das U ebenfalls, das Kilo Haare herausgepopelt, der Brechreiz sehr geschickt unterdrückt und ich wollte mich gerade eben an das wieder anschrauben machen, da gab es ein kleines, sehr unschönes Geräusch. Und dann hatte ich das längere Rohrstück in der Hand. Oha, dachte ich, das ist sicher nur da oben so herausgerutscht.
Aber mitnichten. Es war nicht rausgerutscht. Das unschöne Geräusch entstand durch Materialbruch. Bedauerlicherweise war oben so ein Rand abgebrochen. Und nun ließ sich das Rohr nicht mehr an das Becken schustern.

Eine kurze Panik setzte ein und ich legte mich ganz still vor das Badezimmer in den Flur. Im Badezimmer hat man ja keine Möglichkeit dazu, es ist viel zu eng. Ich legte mich also auf die Dielen und atmete erst eine Runde geschmeidig vor mich hin, während ich darüber nachdachte, warum mir immer so ein Scheiß passieren muss. Warum ich Sanitärinstallationsarbeiten freiwillig ausführe. Warum ich nicht die Finger davon lasse.
Darauf gibt es nur eine Antwort. Weil. Ich. Es. Kann.

Ich sprang auf, setzte die Rohrzange an, drehte, schraubte, zog und zerrte, schaute mir das hier an und tauchte tief hinein in die wunderbare Welt der Badkeramik und der Badmetallurgie. Nach einer Zeit, nun, einer gewissen Zeit, also nicht zu wenig aber auch nicht ganz zuviel Zeit, hatte ich eine weiter Schraubdingse gelöst und das Rohr fiel mir in die Hand. Ich lief in die Küche, spülte es kurz durch, man will ja nicht den Anschein erwecken, man wäre eine Rohrsau, und fuhr damit zügig zum Baumarkt meines Vertrauens.

Auf dem Parkplatz, ich hatte formvollendet rückwärts eine Parklücke erwischt, postierte sich eine junge Frau vor dem Auto und schaute mir beim Abschnallen zu. Oha, dachte ich, vermutlich zum hunderfünfundsiebzigsten Mal an diesem Morgen. Oha.
Ich schaute sie an, sie schaute mich an und ich analysierte die Situation.
Ich stand auf dem Parplatz, hatte rückwärts eingeparkt und dann tauchte sie auf und schien darauf zu warten, dass ich aussteigen würde.
Die Einparkhilfe hatte nicht gepiept, da war ich sicher. Die Musik war nicht so laut, dass ich es hätte überhören können. Es hatte auch nichts gerumpelt oder gekracht oder geknirscht. Ich war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht irgendwo gegen oder drüber gefahren. Auch gab es rundherum jede Menge Parkplätze, also erwartete mich vermutlich auch keine Tracht Prügel wegen eines Parkplatzdiebstahls.
Die Frau sah irgendwie latent bedrohlich aus und ich spielte kurz mit dem Gedanken, einfach wieder zu fahren (aber erst die Türen von innen zu verriegeln, man weiß ja nie), weil ich aber heute vielleicht noch einmal Hände waschen wollte, brauchte ich dieses verfluchte Rohr. Außerdem, wer Rohre verlegen kann, der wird auch mit offensichtlich übellaunigen jungen Damen ganz in schwarz mit einem fetten Kajalstrich unter den Augen und einer Kippe im Mundwinkel und einer kleinen Portion Übergewicht fertig.

Ich sammelte meinen Mut, öffnete die Tür und stieg aus.
In rheinischem Singsang sprach die kleine Gothikfrau mit Piercing in der Braue mich auch gleich an. „Darref isch Sie mal wat fraaaagen?“
„Jojodat!“, gab ich zurück. „Sinn Sie sisch bewusst, dat Ihre Scheib ene Steinschlach hätt?“
„Hä?“
„Lurens hier. Da issene Loch mit Rissbildung in dää Scheib.“
Ich schaute auf die Stelle, die ihr schwarzlackierter Fingernagel markierte. Ich kratzte einmal darüber, weil ich es für Fliegenschiss oder Insektenmatsch hielt. Aber nein, tatsächlich, ein klitzeklitzekleiner Katscher in dää Scheib.
„Mir künne dat maache, jeht janz flux un dat zahlt die Teilkasko.“
„Ähm, nää, tut mir leid!“, sagte ich und fuchtelte mit dem Rohr. „Isch hab Waschbecken.“
Sie nickte verständnisvoll und ich lief sehr zügig in den Baumarkt hinein.

Kann es sein, dass, als ich den Baumarkt betrat, alle Baumarktmitarbeiter den Baumarkt parallel sofort verlassen haben? Nein, bestimmt nicht. Die waren nur woanders.
Ich stand allein und einsam in der Rohrabteilung und verglich mein Rohr mit den anderen Rohren. Und siehe da, ein Tauchrohr sah so aus wie das meine. Ich schnappte es mir, lief Richtung Kasse, fand unterwegs auch noch eine Mitarbeiterin, die ich im Vorbeimarsch kurz fragte, ob das wohl passen täte. „Jojodat!“, sagte sie, so bezahlte ich, rannte zu meinem windschutzscheibendefekten Auto und fuhr nach Hause.

Dort angekommen zeigte sich, das Rohr war das korrekte. Ein Tusch. Ich installierte es, drehte alle Schraubdinger dran, zog sie mit der Rohrzange fest und mit einem heiteren „Wasser marsch!“ auf den Lippen ließ ich das Wasser laufen, welches auch gut gelaunt in die Rohre lief. Und neben den Rohren. Und unter die Rohre. Auf den Boden, weil ich den Eimer zur Seite gestellt hatte.
Ich schraubte alles wieder ab, alles noch einmal dran, wieder ließ ich Wasser laufen und wieder lief es unkontrolliert in der Gegend herum. Dichtung heißt das Zauberwort, Dichtung.
Ein Rohr lässt gerne alles laufen,
wenn Du vergisst, etwas zu kaufen,
womit Du es …

Die Art der Dichtung ist entscheidend. Worte allein reichen nicht. Es braucht Gummi. Und drei Zentimeter Durchmesser. Ich gestehe, behelfsweise habe ich einen einige Millimeter zu klein geratenen Dichtungsring aus einer Trinkflasche aus und in das Tauchrohr eingebaut.

Dadurch tröpfelt es nur noch und läuft nicht mehr. Und dann habe ich den Fürsten angerufen und gefragt, ob er von der Arbeit einen Dichtungsring mitbringen kann. Denn einen weiteren Besuch im Baumarkt würde ich nicht verkraften und mein Tagesprogramm käme endgültig aus dem Takt.

Wenn das nächste Mal das Waschbecken nicht gescheit das Wasser durchlässt, werde ich das tun, was ich mir auf den Dielen liegend auch durch den Kopf habe gehen lassen. Ich packe einfach meinen Koffer, es braucht nicht viel, ein bisschen Unterwäsche, zwei oder drei Kleidchen, eine Zahnbürste, und dann findet man mich auf den Fidschi-Inseln wieder. Da gibt es sicher Orte ohne Waschbecken.