Ich habe es mir schon so oft versprochen, hoch und heilig geschworen, Eide geleistet und Strafen ersonnen, die mich treffen sollten, wenn ich mich nicht an meine Schwüre halten sollte.
Darum hatte ich auch jetzt wieder einen abscheulichen Pickel, den habe ich mir mit dem Ausruf: „Und wenn ich das noch einmal mache, dann soll ich doch einen fetten Pickel am Arsch kriegen!“ selbst eingebrockt.

Und vermutlich bekomme ich bald noch Ausschlag dazu, denn ich habe es doch wieder getan. Ich bin, blöd und bescheuert, bekloppt und dämlich, wie ich nun eben bin, doch wieder hinauf gegangen. Habe das zweite Stockwerk erklommen und einen Blick hinein gewagt in die Hölle des Unrats, die Müllkippe des Hauses, den Schweinestall vom Dienst.

Und wie ich meinen Blick so hineinwarf und ihn schweifen ließ über dies und das, da überfielen mich schlimmste Zuckungen und Wallungen. Ich raufte mein Haar, ich streckte die Hände gen Himmel und ich rief aus: „WAS FÜR EINE SCHEIßE IST DENN DAS HIER?“
Aber es blieb stille und ich bekam keine Antwort auf meine Frage. Was aber nicht von Belang ist. War eh rhetorisch gemeint. Ich weiß nämlich sehr wohl, was das für eine Scheiße ist. Pubertätsunfähigkeitsscheiße. Aufräumlähmungsscheiße. Verwahrlosungsscheiße.

Und dann hatte ich mich nicht mehr unter Kontrolle und machte einen Schritt hinein. Damit war mein Schicksal besiegelt. Ich trug aus dem Saustall viele Teller, viel Besteck, viele Gläser, viele Pfandflaschen und viele Lebensmittelreste heraus. Obwohl ich mir geschworen hatte, dies niemals nicht und nimmer mehr zu tun. Aber wenn drei Scheiben Toast mit Käse in der Lage sind, einen Cancan zu tanzen, dann muss ich einfach eingreifen. Natürlich hat mich die Bananenschale als Rassist beschimpft, als ich leise murmelte, dass es schwärzer nun nicht mehr gehe. Und auch die Reste des köstlichen Käse-Kirsch-Kuchens, der plötzlich aus der Küche verschwunden war, am Samstag, vier Stücke waren es noch gewesen, das wusste ich genau, aber als einziger Kommentar auf meinen Einwurf, vier Stücke Kuchen auf einmal aus der Küche zu karren sei maßlos und noch dazu maßlos übertrieben, bekam ich ein pampiges „Hunger“ um die Ohren, diese Reste, die ich so gern gegessen hätte, lagen vermatscht, verbratscht und angegammelt in einer dunklen Ecke. Vermutlich hätte ich sie erst noch mit einem Schaschlikspieß durch das Herz vernichten müssen, denn es war Leben in ihnen. Untotes Leben.

Auch eine Brotdose ward gefunden. Eine Brotdose, deren Verbleib mir schon seit Wochen rätselhaft war. Seit Wochen. Und das ist keine Übertreibung.
Aber Brotdosen kann man reinigen. Nach dem Gebrauch. Normalerweise.

Ich war mutig. Ich war tapfer. Ich habe sie geöffnet.

Lecker? Och nö.

Und nun habe ich schreckliche Angst davor, eine Aspergillose zu haben. Wie damals die Forscher, die ägyptische Pharaonengräber öffneten. Da kann es auch nicht schlimmer gerochen haben als in dieser Brotdose.
Mich hüstelt es nun die ganze Zeit und ich fühle meine wunderbaren kleinen Lungenalveolen, die im Kampf mit den Pilzen tapfer fechten, aber doch langsam in die Knie gehen.
Da hilft kein Spülen mehr, da hilft nur noch die große Tonne, in die noch weitere Dinge verbracht werden. Wobei das viel zu freundlich klingt. Gekloppt, das ist treffender beschrieben. Es wurden also noch diverse Quarktrockenfladen, ehemals Tiefkühlbeerenmischungen, ungezuckert, halbleere Eisschachteln mit Vanillearoma im Pelzmäntelchen und noch dies und das in die Tonne gekloppt.

Dabei stellt sich nun die Frage:
Wenn man in nur wenigen Tagen das neunzehnte Jahr hinter sich gebracht hat, den neunzehnten Geburtstag erlebt, das zwanzigste Jahr in den Startlöchern sitzt, bereit die Welt zu erobern, ist das nicht das optimale Alter, endlich zu verstehen, dass Lebensmittel, die leise und traurig vor sich hingammeln, eine Gesundheitsgefährdung darstellen?
Ich möchte nicht die Ebolaepedemie verharmlosen, aber wenn ein Seuchenfacharzt sich aussuchen könnte, wo er lieber sein möchte, hier im zweiten Stock oder in Madrid, dann bin ich mir sicher, er würde mir antworten: „Madrid oder Mailand, eh egal, Hauptsache Italien.“

Was war das nur, damals, als es in der Brotdose eingezogen ist?

Nun, ich hinterlegte mit letzer Kraft einen Zettel, auf dem schon die Anrede vorgab, in welchem Takt die Musik nun spielt.
„Pass auf, Prinzessin“ schrieb ich ihm, gefolgt von einer kurzen Auflistung, was ich von ihm erwarte und vor allem wann. „HEUTE! JETZT! Hunger? Duschen? DRUFF JESCHISSEN! Aufräumen, jetzt.
Sonst, sind wir keine Freunde mehr.“
Vermutlich wird das nicht viel helfen. Aber versuchen muss ich es. Das ist meine Aufgabe. Es ist meine Suche nach dem heiligen Gral, diesem kleinen Rübenschwein ein bisschen Ordnungsfähigkeit beizubringen.

Jetzt werde ich mich leise röchelnd zurückziehen, in Erwartung seines Auftauchens heute Abend. Und seines Genöles bezüglich meiner UNverschämtheit, ihm seine Freunde wegzunehmen. Denn ich vermute, all diese Lebewesen, die in und um sein Bett herum lebten und nun in der Tonne weiter existieren, werden ihm fehlen. Ich habe bestimmt sein Leben zerstört mit meiner Handlung.

Nur, wenn ich es nicht getan hätte, wenn ich einfach alles so gelassen hätte, ich würde ganz bald so aussehen:

Tierchen.

Oder so:

"Ice Age" desktop wallpaper number 1 (800 x 600 pixels)

Und das möchte ich nicht. Dann doch lieber einen Pickel an entfernter Stelle.