Ich habe ja jetzt Erfahrungen mit und Zugang zum Ballett. Hin und wieder, wenn es sich einrichten lässt, bin ich zeitig genug unterwegs, um mich auf den Fluren der Tanzanstalt herumzutreiben. Was ich dort alles erlebe, das hätte ich mir nicht träumen lassen.
Ich sah schon junge Frolleins, die erbarmungswürdig hungrig aussahen. Am Liebsten wäre ich mit diversen Schokoriegeln, die sich stets als Notfallmedikament in meiner Handtasche befinden, hinterhergelaufen, um sie ihnen in den Mund zu schieben. Diese dürren und sehr knochigen, zähen Lederläppchen haben aber Muskeln, die verdächtig nach kenianischen Marathonläufern aussehen. Das Wolkenköpfchen, von Natur aus mit einem untergewichtigen Bodymassindex versehen, erklärte mir erst vor wenigen Tagen, sich übergewichtig zu fühlen, neben der ein oder anderen Tanzkollegin. Dies erzählte sie mir am Telefon, wobei ich mich dabei fast an meinem köstlichen Stück Käsekirschkuchen verschluckte, weil ich vor mir dieses kleine Hüpferchen sah und kaum fassen konnte, dass man sich da noch dick fühlen kann.
Zum Glück hörte ich sie knatschen und schmatzen, während sie mir erzählte, sie fürchte sich davor, der Magersucht anheim zu fallen. Wenn sie bei solchen Gesprächen noch in der Lage ist, genussvoll einer Tüte Gummibären den Garaus zu machen, ist keine Panik geboten.
Und eine weitere halbe Stunde später war sie überzeugt, dass die anderen Hungerhaken das Problem haben und nicht sie. Sie ist nicht zu dick, die sind zu dünn und haben ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper. Und wie will man denn sechs Tage die Woche tanzen können, wenn man nicht gescheit isst? Da fällt man doch aus den Spitzenschuhen. Das tat am nächsten Tag dann auch ein Frollein. Zu wenig gegessen, zu wenig getrunken, heimwehgeplagt und schon tat es einen Schlag und es lag im Ballettsaal.
So ein Schreck sorgt für regelmäßige Nahrungsaufnahme.

Aber nicht nur watschelige Ballerinaanwärterinnen laufen durch das große Treppenhaus, auch Mütter. Und hier sei die Spezies der Tiger-Mom genauer betrachtet. Bisher war mir eine solche persönlich noch nicht über den Weg gelaufen. Das hat möglicherweise etwas damit zu tun, dass meine Kinder im Waldorfflausch beschult wurden und werden. Viele Leute dort wollen gern ihren Kindern Freiheiten bei der Suche nach den eigenen Wegen ermöglichen. Da wird nicht heftig asiatisch das Kind geschoben, geschubbst, gejagt.

In der Tanzanstalt auf dem Flur, da stehen sie, die Moms, die ihre Kinder schon als erste Solisten auf der Bühne sehen. Picken wir uns ein besonders auffälliges Exemplar heraus, legen es unter das Vergrößerungsglas und betrachte es in all seiner Pracht.

Die Dame ist dank ihrer hohen Hacken ungefähr einsachtzig groß und sehr blond. Extrem blond. Beim letzten Mal, als ich ihr begegnete, trug sie in ihrem langen blonden Haar ein noch etwas blonderes Haarteil mit Korkenzieherlocken in einer kunstvollen Hochsteckfrisur. Das Gesicht ist gestrafft und rötlichbraun, die Schminke scheint eine Schutzschicht gegen Gemütsausdruck durch Mimik zu sein und die Lippen sind saftig rotglänzend. Wimpern in der Länge gibt es normalerweise nicht, zumindest in dieser Galaxie. Wie das allerdings links hinter Beteigeuze aussieht, darüber habe ich keine Informationen.
In einem Twinset, Bleistiftröckchen (heißt das so? Ich weiß es nicht. Aber was kann man erwarten von einer Frau, die wegen einer am Hintern durchgescheuerten, sieben Jahre alten Lieblingsjeans knapp an einem Nervenzusammenbruch vorbeischrammt?), Nylons, Lederjäckchen, Handtäschchen und dann diese Papiereinkaufstasche mit Kordelgriff, bedruckt mit irgendeinem Designerlabel, steht sie vor der großen Tür zum Tanzsaal und schaut durch das Bullauge hinein, um ihren blonden Burschen zu beobachten.
Ihr Gesicht wirkt noch um einige Umdrehungen fester gespannt und hin und wieder geht ein Ruck durch ihren Körper. Dann fuchtelt sie mit einer Hand vor ihrem Gesicht herum und erregt so seine Aufmerksamkeit. Mit wenigen Gesten und nahezu ohne Gesichtsausdruck macht sie unmissverständlich klar, dass er sich mehr anstrengen soll, mehr Körperspannung aufbauen muss, die innere Mittellinie gefälligst in die Balance bringen soll und zwar sofort und mit einem Lächeln im Gesicht.
Dieses Schauspiel ist wohl täglich zu beobachten. Und wenn gerade kein Training ist, liegt der arme Bursche auf einer Pilatesmatte irgendwo im Flur herum und wird von seiner Mutter gedehnt, verbogen, verknotet, damit er beim Unterricht gut aufgewärmt ist.
Ich persönlich hätte, selbst wenn ich quasi direkt neben der Tanzanstalt und nicht zweihundertvierzig Kilometer entfernt wohnen würde, keinerlei Ambitionen, Tag für Tag dort herumzulungern und das Wolkenköpfchen zu puschen, auf dass es Primaballerina werde. Ich komme eher aus der Familie der Bremser. Ich hätte sicher auch gut Schiffschaukelbremser werden können, wäre ich nicht Koch geworden, damals, bevor ich dann Mutter wurde und anschließend Heilpaprika.
Ich bremse also gern ein bisschen, damit das Kind sich nicht völlig die Gesundheit ruiniert. Seltsamerweise bewirkt das eher Gegenteiliges. Wenn ich sage, sie könnte doch einfach mal einen Tag Pause machen, wenn ihre Körperteile schmerzgeplagt das morgendliche Aufstehen verweigern wollen, geht sie auf jeden Fall zum Unterricht und reißt sich noch mehr ein Bein aus als sonst, nur um zu beweisen, dass es geht. Wie man es macht, man macht es falsch.
Nun, die Tiger-Mom sprich auch gern von ihrem Tanzbub. Sie sind aus der italienischen Hauptstadt angereist, der Tanzbub spricht noch nicht so viel Deutsch, aber das wird wohl schnell besser, denn während er sich am Boden liegend dehnt und gedehnt wird, muss er kräftig deutsche Vokabeln lernen. Tiger-Mom selbst spricht waschechtes Mannheimerisch. Breit und ein bisschen bräsig, aber versehen mit einem leichten, italienischen Zungenschlag. Sehr interessant zu hören. Sie scheint einen Mann in der Ferne zu haben und für die Karriere des Tanzbub mit ihm vorrübergehend in die alte Heimat zurückgekehrt zu sein. Der ältere Bruder vom Tanzbub geht wohl irgendwo auf ein College seit er zehn Jahre alt ist. Und hat dort gelitten, weil er der Jüngste war und die anderen ihn quälten. Viel geweint hat er. Und da hat Tiger-Mom schon mitgelitten.

Es wird also viel erzählt, vor den Türen des Ballettsaals. Ich höre zu und wundere mich. Warum holt man ein bitterlich weinendes und verzweifeltes Kind nicht zu sich an sein Herz? Warum ist ein College wichtiger als die seelische Gesundheit? Seltsam.

Eine andere Mom mit französischem Einschlag erzählt vom Unwillen und der Faulheit des angehenden Sterns am Balletthimmel und dass sie jetzt aber doch dahinterher ist, weil jeder eine Durststrecke haben kann und hinterher wird es zu Dankbarkeitsbezeugungen kommen.
„Ich danke meiner Mutter. Ohne sie hätte ich diesen Preis als gelenkigste Ballettgröße aller Zeiten niemals bekommen. Ich hätte sonst nur vor dem Fernseher gesessen, oder vor dem Computer, oder vor der Playstation, wenn sie mich nicht dazu gezwungen hätte, meine Beine hinter den Kopf zu klemmen. Danke, meine liebe Mutter.“

Ein Tanzmädel fährt vier Tage in der Woche je eineinhalb Stunden hin und eineinhalb Stunden zurück mit dem Zug zum Ballettunterricht. Mit der Großmutter zusammen, weil es selbst noch zu klein ist, allein zu fahren.
Eine kleine Hupfdohle kommt aus Australien und einige aus England, aus China und aus wasweißichnochwoher.
Spannend ist das schon.
Und nicht alle haben Tiger-Moms, die fordern und im Nacken sitzen.

Das Wolkenköpfchen sitzt sich selbst im Nacken. Sie ist sich ihre eigene Tiger-Mom.
Als ich sie fragte, ob sie es schon einmal bereut habe, diese Entscheidung, wirklich in die Ferne zu gehen und zu tanzen, in so jungen Jahren, da sagte sie: „Mit jedem Unterricht will ich es mehr. Ich muss es machen. Ich kann nicht anders. Ich will nicht anders. Wenn ich tanze, dann bin ich.“

Sie braucht ganz offensichtlich keine Tiger-Mutter.

Hupfdohle