Es geschah an einem Samstag im November. Die Sonne schien vom Himmel herunter auf die Welt und gab ihre letzte Wärme an die herumirrende Menschheit.
Diese, also die herumirrende Menschheit, wusste nichts mit diesem frühlingshaften Novembertag anzufangen und irrte darüber nur noch heftiger umher. Die kosmischen Strahlen, der Magnetismus des Planeten und das entsprechende Sternbild sorgten dafür, dass sich die Menschheit einem großen Schwarm gleich direkt zu einem Möbelhaus verirrte.

Da standen nun am Samstag im November unzählbar viele Menschenwesen und begehrten Einlass, der ihnen auch gewährt wurde.
Warum ich zu diesen Hornochsen gehörte, das ist ein Mysterium, das ich in den folgenden Stunden und Tagen noch in mir zu ergründen haben werde.
Ja, es war das Möbelhaus aus Skandinavien. Und es ist zum ersten Mal passiert, dass ich nichts dort gekauft habe. Ich ging hinein, ich ging hindurch, ich ging hinaus und ich zahlte nichts. Weil ich keine Waren eingesteckt hatte. Wie konnte das sein?

Nun, ich wollte einen Spiegel kaufen, aber erst nächste Woche. Denn es empfiehlt sich, im Flur vor dem Verlassen des Hauses einen kurzen Blick in den Spiegel zu werfen, um zu kontrollieren, ob sich in den Mundwinkeln noch Tomatensoße befindet. Oder ob die Frisur aussieht, als hätte man ein Spinnennest auf dem Kopf.
So gänzlich ohne Spiegel ist ungut. Und der Blick in den Zwergenspiegel des Kindergartenklos (dieser Name ist der Größe geschuldet) klammert alles unterhalb der Nase aus, ist also ungeeignet für einen Körpercheck.

Wie kam es, dass ich Samstagmittag um dreizehn Uhr dort landete? Wo ich doch normalerweise der Typ für den Spaziergang in der Sonne bin?
Es war nicht der Magnetismus und auch nicht das Sternbild. Es war der Familienadlige, der mich dazu brachte. Fürst Griku liebt das Hinstellen von vollendeten Tatsachen, so geschehen am Donnerstag, als er fröhlich verkündete: „Ich will Fische.“
„Guten Appetit.“, wünschte ich und dachte noch an ein feines Fischessen am Abend.
„Nein, ich meine ein Aquarium. Mit Fischen drin.“
„Auf keinen Fall!“, polterte es aus mir heraus. „Was ist das denn für eine Scheißidee? Das sind Lebewesen, die brauchen Essen und müssen versorgt werden und bisher warst du mal nicht der Verlässlichste, was die Versorgung von Hausgetier anbelangt.“
Nun grinste er mich blöde an. „Ich habe es schon gekauft. Kommt am Freitag.“

Ich darf nicht vergessen, bei der Versicherung anzurufen und den Versicherungsschutz bezüglich Wasserschäden zu klären, dachte ich. Und ich muss überlegen, ob ich von meinem Hausrecht Gebrauch machen und die Fische ins Klo den Fischen den Eintritt in unser Haus verwehren kann, darf und sollte.
Mir ging sovieles durch den Kopf. Während der Fürst auf und ab hüpfte.
Was ich sagte, war dann das:

„Ich werde mich niemals nie und nimmer nicht auch nur im kleinsten Ansatz um dein beklopptes Sushi kümmern. Ich hatte mal zwei Goldfische, Harry und Banane, die habe ich innerhalb von vier Wochen beide umgebracht. Ich bin also gänzlich unqualifiziert in der Fischpflege, aber sag mir bescheid, wenn du sie loswerden willst. Ansonsten belästige mich nicht mit dem Aquaristikgeschisse.“
Sprach`s und glaubte mir auch noch, ich Naivchen.

Das Aquarium kam dann nicht am Freitag sondern am Samstag. Also heute. Und es stellte sich die Frage, wo soll das denn drauf stehen?
Die dazugehörigen Fische (wie das Aquarium sind auch sie gebraucht, also nicht mehr die frischesten) standen plötzlich in einem Gefäß in meiner Küche und schwabberten hysterisch hin und her. Und da hatten sie diesen Blick drauf, der natürlich direkt in mein Herz hineinzielte. So schnell wie möglich musste also ein Unterbau für dieses beknackte Aquarium her, damit die Fische nicht mehr in meiner Küche auf der Arbeitsplatte würden leiden müssen.
Ich erklärte mich bereit, zum Möbelfritz zu fahren und ein TV-Möbel als Unterlage zu besorgen.

Kaum in der Nähe des Möbelfritzparkplatzes angekommen, beschlich mich eine unheilvolle Ahnung.
So viele Autos, meine Güte, und so viele Menschen, Himmel hilf. Wo kommen die her? Hier muss irgendwo ein Nest sein.
Der Gott des Parkplatzes meinte es gut mit mir und ich fand direkt ein Örtchen, wo ich mit meinem Schiff anlegen konnte.
Nun eilten wir, der Fürst und meine Wenigkeit, in das bis zum Bersten befüllte Möbelhaus und schlugen uns durch bis zu den gesuchten Möbeln.
Nun scheint die Statik von TV-Möbeln nicht für Aquarien gemacht. Zumindest, wenn das Aquarium die Ausmaße eines Swimmingpools hat. Ein einhundertzwanzig Liter fassendes Glasbehältnis stellt man nicht auf ein Holzgestell für maximal fünfundsechzig Kilo. So blöd ist man nicht.
Dann schaut man bei Arbeitsplatte und Holzböckchen und merkt, das klappt hier nicht. Der Spiegel sah dann auch noch total Scheiße aus und damit war das Thema durch und das schnelle Verlassen des Möbelhauses schien nur noch eine Kleinigkeit.
Dass es sich um eine Großigkeit handelte, merkte man auf dem Weg zur Treppe, die von einer Menschenmasse bewältigt werden wollte.
Stufe. Stehen. Stufe. Stehen. Langsam schob man sich vorwärts, es war eine Erfahrung für die Tiefensensorik, alle Körperpartien wurden gepresst, gequetscht, gedrückt. Nächste Woche muss ich nicht zur Physiotherapie, das kann ich mir schenken.

Bei dem Möbelfritz geht man nach der Möbelausstellung ja durch die ausführliche Krempelabteilung. In der Krempelabteilung bleiben spontan Leute mitten im Gang stehen und halten ein kleines Stand-In ab. Es ist nicht möglich, sich an ihnen vorbeizuschieben. Nach dem dritten Stand-In überkam mich eine leichte Ungehaltenheit und ich ranzte: „Ich muss hier vorbei, rück mal.“ Und beim Vierten grantelte ich: „Euer Ernst? Weg da!“
Kurz vor den Lagerregalen, wo Hinz und Kunz sich Bille und Zottel, Ivar und Egon und sonstige abstrus benannte Möbelstücke auf große Wagen laden, standen Männer. Viele Männer, die leicht vornübergebeugt in einen Schacht starrten. Sie bewegten sich nicht und ich vermute, sie überlegten, wer von ihnen sich in die Höhle des Löwen des Einkaufswagen wagen würde (man beachte diese hübsche Alliteration, die ganze Sache hatte nämlich durchaus etwas sehr Poetisches). Ich wollte nicht darauf warten, was sie tun und befürchtete, sollte ein einzelner Einkaufswagen aus dem Schacht rollen, würde das eine Schlacht entfesseln, die mit Blut, Tränen und vielleicht der ein oder anderen Witwe enden würde.
Einige Schritte weiter liefen ein paar glückliche Männer mit Einkaufswagen herum, die bereits vollgeladen mit in Kartons befindlichen Möbelstücken waren. Sie schoben ihre Beute und es sah aus, als führten sie einen Tanz auf. Sie schoben nach links, sie schoben nach rechts, hier eine kleine Drehung, da eine ganze Pirouette. In einer fein abgestimmten Choreografie bewegten sie sich Richtung Kasse und nur das jahrelange Training und Feintuning konnte diesen formvollendeten Volkstanz ohne Zusammenstöße und Unfälle ermöglichen.

Und dann kam der Moment, der mir für immer und ewig im Gedächtnis bleiben wird. Ich ging durch den Kassenbereich hindurch, ohne auch nur ein einziges Teil zu haben. Erst an den Schlangen vorbei, dann an den sich selbst abkassierenden Menschen und hinaus aus diesem Haus, mit genau dem Inhalt im Portemonnaie, mit dem ich den Laden auch betreten hatten.
Ein Tusch.

Auf dem Parkplatz ereilte mich ein heftiger Lachanfall, als ich im Vorbeigehen einen älteren Herrn zu seinem Freund, einem anderen älteren Herrn, sagen hörte: „Dat hält bombenfest.“ Das ist an sich nicht zum Lachen. Aber wenn man bedenkt, dass er soeben ein zwei mal zwei Meter großes verpacktes Möbel mit Paketschnur auf seinem Autodach befestigt hatte und zum Beweis seiner Aussage einmal daran rüttelte, dann erklärt sich der Heiterkeitsausbruch. Ich wollte ihnen gerade einen guten Rat geben, aber der Fürst zog mich kopfschüttelnd weiter.
Das weiß doch jeder, dass man Paketschnur doppelt nehmen muss. Doppelt! Das hält sonst auf keinen Fall.

Nun war aber das Fischproblem noch nicht gelöst. Und darum machten wir uns auf den Weg zum Baumarkt. Der Plan war, ein stabiles Brett auf mehrere Steine zu legen und das Aquarium darauf zu positionieren.
Aber ach, auch hier war es voll bis oben hin. Der erste Baumarkt hatte das stabile Brett, aber leider war die Steineabteilung schon seit dreizehn Uhr geschlossen.
An der Bude vor dem Baumarkt wollte ich mir eine Portion Pommes erstehen, denn irgendwie wurde mir langsam schwummerig, denn das Frühstück war schon so lange her. Als ich aber nach fünf Minuten noch immer von der Frau Wurstteufel ignoriert wurde, dachte ich mir, da scheiß ich drauf, dann habe ich zwar noch Hunger aber auch ein bisschen Fett gespart. Dafür kann ich abends einen Schokoriegel mehr…

Im anderen Baumarkt stapelte sich die Kundschaft bis ins oberste Regal. Und man staunte, warum nur zwei Kassen sich mit dem angefallenen zahlungswilligen Kundenhaufen befassen wollten.
Aber dann kam die oberste Kassendomina und ließ die Peitsche knallen. In drei Sekunden eröffneten zwei weitere Kassen und wir hatten das Glück, mit vier hübschen Steinen sofort an der Reihe zu sein.
In der Zwischenzeit hatte sich Zuhause telefonisch gemeldet und nachgefragt, ob wir noch lebendig seien. Und wo wir überhaupt wären. Wir hätten doch um drei bei Zuhause sein wollen. Es sei nun fast vier. Und das Auto würde gebraucht. All dies wurde mit quengeligem Unterton durch die Luft geschickt. Früher war das ja noch ein Kabel. Heute ist es die Luft. Und da geht wirklich jede miesmuffelige Anfrage durch. Ein Kabel hätte das Gemecker vermutlich irgendwo auf halber Strecke verrecken lassen. Da hätte man an der Kasse gestanden, sich nichts gedacht und Zuhause wäre einem am Arsch vorbei gegangen, weil Zuhause hätte einen überhaupt nicht erreicht.

Zuhause angekommen wurde das Auto umgehend entleert, das Aquariumsgedöns gebaut und gemacht und getan.
Und dann wurden die Fische in ihre einhundertzwanzig Liter zimmerwarme Brühe geworfen. Sie versteckten sich sofort in einem Piratenschiff und einem Totenschädel.
Es sind sechs Fische. Ich habe sie extra gezählt. Das Wolkenköpfchen vermutet, der Bruder wolle sich sein eigenes Sushi züchten. Ich dachte an Fischfilet Bordelaise. Auf jeden Fall würde es auffallen, wenn einer wegkommt. Das habe ich dem Fürsten auch gesagt. Ich habe den Fischen dann Namen gegeben. Einer heißt Aschloch, einer Beschloch, einer heißt Ceschloch, einer Deschloch, einer Eeschloch und einer Ludovika.
Damit sie eine Persönlichkeit haben. Das ist wichtig. Wenn der Fürst ihre Namen kennt, steigen ihre Überlebenschancen.

Und als ich dann, nachdem ich bei der Wasserbefüllung assistiert und ein wenig Fischkacke aus dem Aquarium geangelt hatte, weil da jemand die Steine nicht ordentlich abgespült hat, bei einem kurzen Kontrollblick ins Aquaristenzimmer anmerkte, die Pumpe würde ungesunde Geräusche machen und auch gar nicht pumpen, da bekam ich einen harschen Anwurf, der dazu führte, dass ich fluchtartig entschwand, mich auf die Couch setzte, eine Wutanfall bekam, weil ich meine eigenen Aussagen ad absurdum geführt hatte (wir erinnern uns, weiter oben, viel weiter oben:

„Ich werde mich niemals nie und nimmer nicht auch nur im kleinsten Ansatz um dein beklopptes Sushi kümmern. Ich hatte mal zwei Goldfische, Harry und Banane, die habe ich innerhalb von vier Wochen beide umgebracht. Ich bin also gänzlich unqualifiziert in der Fischpflege, aber sag mir bescheid, wenn du sie loswerden willst. Ansonsten belästige mich nicht mit dem Aquaristikgeschisse.“

und beschloss, auf die Fische zu pfeifen. Und alles was dazu gehört. Und einen Kursus zu besuchen. Eine Fortbildung. Weiterbildung.
Thema:
„Wat kümmert mich mein dumm Jeschwätz von eben?“

Und warum im Keller jemand das Friteusenfett auf den Betonboden gegossen hat, das werde ich morgen erst genauer untersuchen. Ich bin gespannt.