Man kennt den Anfang von Märchen. „Es war einmal…“ gern auch in Verbindung mit „…vor langer, langer Zeit…“. Man rollt sich innerlich zusammen wie ein Katze auf der Heizung, genießt die wohlige Wärme dessen, was nun kommt. Eine Geschichte über Zwerge, über Drachen, böse Feen und herzlose Stiefmütter. Und alles wird gut durch die wahre und glückliche Liebe.
„…und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende.“
Und schon ist das kindlich glückliche Gefühl vorbei. Denn die Liebespaare, die sich im Märchen finden, heiraten und hexige Stiefmütter in glühenden Pantoffeln zum Todestanz schicken, dürften meiner Erfahrung nach nicht sehr alt geworden sein.
Denn wenn sie glücklich und zufrieden waren, bis an das Ende ihrer Tage, wie lange kann das wohl noch gedauert haben? Ganz sicher nicht bis zur Pubertät der Kinder. Wenn sie überhaupt welche bekommen haben, denn das Glück und die Zufriedenheit können schon in dem Moment auf wackeligen Beinen stehen, wenn im frühen Lebensalter des Kindes auf das glückliche Paar die ersten Auseinandersetzungen über den Umgang mit Bauchweh, Schlafstörungen und Weisheiten der Schwiegermütter hereinprasseln.
Und wie bereits gesagt, die Pubertät läutet den Untergang der Insel der Glückseligen ein. Atlantis gleich macht es dreimal leise Blubb und die Pubertisten haben den Kontinent des Glücks versenkt mit ihrer unnachahmlichen Art. Darum sind alle Märchenpärchen ganz sicher nicht alt geworden. Vermute ich.

Und wenn es nicht die Kinder waren, die dem Leben ein Ende setzten, weil man nur glücklich und zufrieden leben wollte, dann war es unter Garantie die Ehekrise, die zum Ableben führte. Wie sagte mein Schwiegervater im Sommer, als wir gemeinsam im sonnendurchfluteten Garten saßen, ein Wasser tranken und ein bisschen über seine Wünsche zu seiner eigenen Beisetzung sprachen (was seinen Sohn dazu brachte, krampfhaft nach einem Themenwechsel zu suchen, was ihm aber nicht gelang, da der alte Herr das mal geklärt haben wollte und ich, als vertrauenserweckende Person nun mit der im Falle des Falles nötigen Abwicklung beauftragt bin) so schön?
„Soviele alte Kollegen von mir sind tot. Ich hab sie sterben sehen. Und? Was hatten sie alle gemeinsam? Sie waren verheiratet. Wäre ich noch verheiratet, ich wäre auch längst tot, ich hätte mich totgeärgert.“

Habe ich nicht auch einmal eine Geschichte über eine Frau gelesen, die ihren Mann niedermetztelte, weil er soviele Brötchenkrümel beim Frühstück unter sich gehen ließ und sie von seiner Art zu kauen extrem abgestoßen wurde?

Akute Lebensgefahr besteht hier im Hause im Augenblick eher nicht, denn ich bin keine Prinzessin, auch wenn ich gern eine wäre. Für eine Prinzessin ist meine Taille nicht schmal genug, jede Disney-Prinzessin würde sofort die Nahrungsaufnahme verweigern, hätte sie meinen Hüftumfang.
Und ich habe keinen Prinzen geheiratet. Weder hat er ein Pferd noch einen Umhang oder eine Krone. Das einzige, was man an ihm Märchenhaftes finden kann, ist die Tatsache, dass er sich mitunter benimmt wie eine Prinzessin auf der Erbse. Damit ist das auch schon erschöpft.
Und eigentlich war ich auch nie so von Illusionen erfüllt, dass ich dachte, mein Leben wäre wie ein Märchen und ich würde vor lauter Glück und Zufriedenheit nicht wissen wohin mit mir. Der goldene Löffel ragte nicht so häufig aus einer meiner Körperöffnungen. Darum ist das Lebensende vermutlich ganz unmärchenhaft, wenn man der Statistik glaubt, in ungefähr vierzig Jahren angepeilt.
Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart, aber eine Lieblingsfreundin und ich, wir setzen sehr auf diese Statistik. Wenn diese sich an ihre eigenen Vorgaben hält, werden wir nämlich länger leben als die ehelichen Begleiter. Und dann werden wir täglich Eierlikörtorte und Likörchen zu uns nehmen und dabei sinnfreie Gespräche mit viel Humor führen.
So ist der Plan. Und ich bin ein geduldiger Mensch, also kann ich warten.

Man soll ja auch nichts übereilen.