Wenn mich schon so früh am Tag der Wunsch überfällt, der Welt einen Sprengsatz in den Hintern zu schieben und sie in die Hölle zu bomben, bedeutet das, der Tagesbeginn war recht unentspannt.
Im Vergleich zu früheren Zeiten aber gänzlich anders unentspannt.
Damals, also vor ungefähr ein oder zwei Jahren und auch in den Jahren davor, die Zeit zwischen neunzehnhundertneunundneunzig bis zu diesem Sommer, war geprägt von zeternden und hysterischen und nicht aufstehen wollenden Kindern. Was gab es jeden Morgen für ein Trara und Theater. Der eine bekam seinen Körper nicht aus dem Bett gehieft und stand immer erst fünf Minuten nach der Zeit am Auto, um sich kutschieren zu lassen. Zwei Personen nutzten den Morgen für erste Fingerübungen im Bereich der Konfliktlösung unter Körpereinsatz.
Das Geplärre aus meinem Hals rundete die morgendlichen Aufstehrituale trefflich ab.

Heutzutage ist es ja erbärmlich ruhig hier. Wenn ich aufstehe ist einer schon weg auf dem Weg zur Arbeit. Der Fürst muss früh los. Und jeden Morgen durchströmt mich Glück aber auch Verwunderung. Ein komplettes Jahrzehnt kam er nicht aus dem Bett, am Morgen.
Was wurde alles versucht. Mehrere Wecker, nasse Lappen, Eiswürfel, Fenster auf, laute Musik, Gebrüll, nichts hat geholfen, er schlief immer wieder ein. Und nun? Steht er auf und geht schaffen. Möglicherweise hat er alles Verschlafen und alles Verbummeln schon aufgebraucht und kann jetzt regelmäßig pünktlich sein.
Das Wolkenköpfchen, welches morgens immer fröhlich aus dem Bett hupfte und mich anlachte, ist nicht mehr da. Sie wird anderweitig geweckt, meldet sich aber stets auf dem internetfähigen Smartphone zu Wort um die ersten Tagesminuten zu kommentieren. Meist mit einem sanften Genöle über Müdigkeit und schmerzende Gräten. Wie man sich bettet, so liegt man, geht es mir dann immer durch den Kopf. Oder, je nach dem, wie meine Formulierungsfähigkeit in der Früh gestrickt ist, auch einmal ein knackiges Selbst Schuld.
Den dritten im Bunde weckt man leicht. Licht an, Bursche wach. Und weil er nicht mit ungewaschenem Körper in die Welt gehen mag, springt er sofort unter das Wasser. Das ist ihm wichtiger als zu schlafen. Da gibt es hier auch andere. Was dafür spricht, dass Eltern zwar vorleben können, dass Waschen eine sinnvolle Sache ist, aber ob der Nachwuchs das Angebot annimmt, liegt allein in dessen Hand.
Killerdog vermisst seine Schwester morgens am Meisten. Er weiß einfach nicht, wem er zum Wachwerden eine verpassen soll. Die früheren Kreischereien im Sinne von „Geh aus meinem Zimmer, mach das Licht an, mach das Licht aus, geh mir aus dem Licht, geh mir aus dem Weg, geh da weg, guck mich nicht so blöd an, Finger weg von meinen Sachen…“ haben keinen Ersatz und der Verlust ist schmerzlich.
Und so ist es nun ruhig im Haus. Still. Leise. Seltsam. Manchmal meine ich fast noch das Echo früherer Morgenprügeleien zu hören, ganz leise wispern die Wände von vergangenen Zwistigkeiten.
Dann lehne ich mich zurück und bedauere eine Viertelsekunde, es damals nicht mehr genossen zu haben, all das Getöse.
Um dann sofort die entstandene Ruhe entsprechend ausgiebig zu genießen, denn wer weiß, wie lange sie hält.

Trotzdem braucht der Mensch hin und wieder etwas, über das er sich ausgiebig echauffieren kann. Das hilft ungemein bei niedrigem Blutdruck. Schon gestern regte ich mich über dies und das auf. Aber es war ein bisschen halbherzig. In erster Linie ging es dabei um meinen Körper und so etwas ist bekanntlich müßig, da sich gewisse Dinge nicht ändern lassen. Bei der Optik fehlt das Geld für Straffungen und Absaugungen, wobei mir hier kein kontinuierlicher Leidensdruck zu schaffen macht. Das ist eher zyklusabhängig und darum als hormonelles Hässlichfinden zu verbuchen. Und gesundheitlich gibt es Sachen, die sich auch nicht mit allem Geld der Welt sortieren lassen. Und weil das so ist, wie es ist, kam mein Blutdruck nicht recht in Schwung. Mit neunzig zu sechzig geht man nicht mehr steil, um es salopp zu sagen. Hypoton durch das Leben schlappen ist so, als würde man ständig durch Erbsensuppe laufen. Alles ist etwas träge. Darum ist Aufregen hervorragend geeignet, um ein bisschen Schwung in die Gefäße zu bringen.

Heute suchte ich mir also etwas deutlich Lohnenderes aus, was mir einen ordentlichen Anstoß gab. Mein Blutdruck war ganz sicher bei einhundert zu siebzig, mir rauschten schon die Ohren. Ich kontrolliere das aber nicht, darum ist das ein Schätzwert. Es gibt Menschen, die messen täglich bis zu dreimal ihren Blutdruck. Ich gehöre nicht dazu. Gestern tat ich das auch nicht. Gestern war es das nette Frollein in der Praxis, die den Blutdruck maß. Ich war gestern einmal zum Check, was sich so in den weiblichen Organen tut. Und ich muss schon sagen, wenn ich wollte, ich könnte immer noch dafür sorgen, dass hier wieder alles auf Anfang geht und die Kindersache noch einmal bei Null anfängt. Aber allein der Gedanke daran lässt mich erschauern und führt zu einem sofortigen Knoten im Eileiter.
Wo war ich?
Genau, heute früh regte ich mich auf. Für den Blutdruck, die Gesundheit und zum Spaß.

Es gibt eine Stelle im täglichen Autoverkehrsablauf, eine Stelle, die ist wahrlich gut geeignet, mich aus der Reserve zu locken. Es handelt sich um einen Kreisverkehr. Oder vielmehr um einen werdenden Kreisverkehr. Seit bald einem halben Jahr entsteht er. Und wenn er fertig ist, dann ist es bestimmt ein wunderbarer Kreisverkehr. Aber bis dahin verstopft er eine Stelle, die sowieso sehr eng ist. Darum müssen hunderte Kamele jeden Morgen durch dieses Nadelöhr fahren. Es hilft eine Ampel. Deren Intervalle liegen bei vier Minuten. Vier Minuten in die eine Richtung, vier Minuten in die andere Richtung und vier Minuten für den Verkehr von der Seite. Darum steht es sich recht lange dort herum. Und wenn der Hirselhuber vor einem schon bei gelb bremst und stehen bleibt, darf man noch eine weitere lange, sehr lange Rotphase herumstehen, mit bangem Blick auf die Uhr, mit gelangweiltem Blick auf die Baustelle.

In der Entwicklung des Kreisverkehrs konnten verschiedene Stadien beobachtet werden.
Erst war es ein Viertel-Kreisverkehr. Dann folgte der Halbe-Kreisverkehr. Jetzt sind wir bei Dreiviertel-Kreisverkehr angelangt. Und darin lag heute früh die Tücke. Auf dem Rückweg, also meinem zweiten Kreisverkehrkontakt, war kurzentschlossen von den stolzen Vätern des Kreisverkehrs die Verkehrsführung geändert worden. Und so flog ich an falscher Stelle aus dem unfertigen Kreisel.
Nun könnte man denken, kein Problem, drehen und noch einmal rein. Aber dann hätte es bedeutet, sich hinten anstellen zu müssen. An eine sehr lange Autoschlange. Und als ich deren Ende erreicht hatte, war ich unwillig. Ich hätte sicher eine Viertelstunde stehen müssen um in den Dreiviertel-Kreisverkehr hineinzukommen. Und wer weiß, wo der mich dann rausgefeuert hätte. Also fuhr ich einfach geradeaus und hoffte.
Je länger ich fuhr, um so ärgerlicher wurde ich. Was ist denn das für eine gequirlte Scheiße, dachte ich vor mich hin und bombadierte meine Schwester mit Sprachnachrichten über die Einsamkeit der Landschaft, in die ich geraten war. Ich bat sie, einen Suchtrupp zu entsenden, sollte sie nichts mehr von mir hören.
Und dann kamen mir all die schlimmen Filme in den Sinn, wo einsame Menschen in einsamen Gegenden wegen einer Autopanne halten mussten und das endete bekanntlich nie besonders angenehm. Kaum gedacht war ich sicher, das Auto würde seltsame Geräusche machen und regte mich noch mehr auf.
Ich meine, wenn man ausversehen im Siebengebirge landet, weil einen der Kreisverkehr an falscher Stelle rauswarf, kann man Angst bekommen. Das wird nicht besser, wenn man durch Orte kommt, die Freckwinkel heißen. Die Asoziationskette ist vorprogrammiert. Freck ist die Kurzform von Verreck und im Grunde sagt Freckwinkel nichts anderes als: Verreck doch im Winkel. Da steht Leatherface ganz sicher an der nächsten Kreuzung. Und zwar nicht als Schülerlotse.

Ich hätte natürlich umdrehen können. Das liegt aber nicht in meiner Natur. Ich hätte auch das Navi anschalten können. Dem vertraue ich aber grundsätzlich nur eingeschränkt, nachdem es mich kürzlich in einen Feldweg schicken wollte, den ich verweigerte, und von einer netten Anwohnerin, die gerade ihren Hund spazieren führte und nicht wahnsinnig aussah, eine detailierte Wegbeschreibung erhielt, die mich sicher ans Ziel führte. Es lag in entgegengesetzter Richtung zum Feldweg.

Irgendwann musste ich lachen, es war dieses Lachen, was einen auch auf Beerdigungen überfallen kann. Unangemessen aber nötig für die Psyche. Ich lachte und kicherte, sah den vermutlich letzten Irokesenträger des Rhein Sieg Kreises an einer Bushaltestelle stehen und wunderte mich, wie schnell man in den Sieben Bergen ist.
Ich fuhr weiter und weiter, hatte ich doch in der Handtasche immerhin einen Schokoladenriegel, den ich mir in der Nähe von Nirgendwo auspackte und gierig hinunterschlang. Als er gegessen war, verfluchte ich mich. Erstens klebte mir das Zeug gewaltig zwischen den Zähnen und ich hatte keinen Tropfen Flüssigkeit dabei um meinen Mund einmal durchzuspülen, zweitens hätte ich mir die vorhandene Nahrung einteilen müssen. Es hätte ja wer weiß was noch passieren können und dieser Riegel hätte möglicherweise mein Überleben bedeutet. Wenn mich irgendein gestörter Psychopath erwischt hätte, wäre er wohlmöglich mit einem Schokolädchen zu besänftigen gewesen und hätte mich laufen lassen, anstatt mir die Füße abzuschneiden und mich dann als Bodenputze zu versklaven.

Nach zwanzig Minuten des Herumirrens, das kann sich ziehen, das fühlt sich deutlich länger an, kam ein wunderbar herrliches, gefeiertes Schild in Blau. Mit einem Pfeil versehen. Da lang ging es zur Autobahn. Welch ein Glück, welche Freude. Das Gute und Schöne an der Gegend hier ist, dass man nie weiter als zwanzig Minuten von der nächsten Autobahnauffahrt entfernt ist.
In südlicheren Gefilden ist das anders und es gibt Leute, die brauchen eine Stunde bis zur nächsten Auffahrt, da habe ich viel Mitgefühl.
Aber hier wird recht schnell alles wieder gut.

Als mich also die Adrei wiederhatte, gab ich mich noch einmal der erhöhenden Bludruckwelle hin und verfluchte die Kreisverkehrsväter auf das Heftigste, die mir diesen Joyride verschafft hatten. Und überhaupt, warum stehen die da immer nur in ihren Warnwesten herum? Die lachen sich doch sicher den halben Tag kaputt, wenn sie dabei zusehen, wie hilflose Autofahrerinnen ins Siebengebirge geleitet werden. Das ist eine Scheißart von Humor.
„Jupp, hässe jesehn? Die Olle hät janz verzweifelt ausem Auto jejlotzt. Die weiß at widder uff jar keine Fall, wie die fahre sull. Die dumm Truschel.“
Danke, Jupp.

Was mich aber wirklich auch sehr beschäftigte während meiner lavendulaischen Irrfahrt, war der Gedanke, warum ich nicht das Schlafanzugoberteil ausgezogen habe. Wenn ich nun wirklich weggeschnappt worden wäre, der Psychopath hätte sich doch sicher über mein Sternchenoberteil gewundert. Oder später die Polizei, die mich zersägt gefunden hätte. Und wie wäre es denn dem Gutfrisierten ergangen? Die Polizei hätte gefragt: „Nun, was trug ihre Frau denn, als Sie sie das letzte Mal sahen?“
„Ihren Sternchenpyjama.“
„Aber sie hat doch das Haus verlassen…“
„Ähm, ja…. und?“
Und im Radio: „Vermisst wird die Mitte vierzig alte Frau Lavendel, graugesträhntes, mittellanges Haar, leichten Speckansatz, sie trug einen Sternchenpyjama und abgelatschte Waldschuhe.“

Ich werde mich vernünftig anziehen müssen, in Zukunft, wenn ich das Haus verlasse. Man weiß ja nie. Das hat schon meine Großmutter immer gesagt (Huch, eine leichte Schockwelle durchläuft mich gerade. Warum denn das?).

Nun, auf den letzten Metern der Odysee, abgetaucht in die Glückseligkeit des eigenen Reviers, dem, was man vielleicht auch Heimat nennt, bekannt, vertraut, beruhigend, gerade gut um den außer Rand und Band befindlichen Blutdruck zu kalmieren, hörte ich im Radio das neue Jugendwort des Jahres. „Läuft bei Dir.“

Ja. Danke. Bei mir auch.