Ich habe eine hervorragende, exzellent ausgebildete vorweihnachtliche Scheißlaune. Mein lieber Herr Gesangsverein, wirklich erstklassig. Da kann man nicht meckern.

Schon die ersten bewussten Momente am Morgen sind erfüllt von diesem grau-explosiven Ziehen im Magenbereich, direkt gefolgt von erstem leichtem Rotschimmern vor den Augen.
Streift mich ein Atemzug aus der anderen Betthälfte ist es annähernd so, als hätte Kim Jong Un auf den roten Knopf gedrückt.
Angeatmet werden ist ein Scheißlauneverstärker. Perfekt ist es, wenn der Anatem auch noch Geräusche macht. Und zwar morgens um fünf, wenn es so dunkel wie in einem Hühnerarsch ist, eigentlich Schlafenszeit, aber die hormonellen Schwankungen dafür sorgen, dass das Husten einer Waldmaus in zweihundert Metern Entfernung für den Zustand Glockenhellwach sorgt. Ganz zu schweigen von den warmlaufenden Turbinen der Frachtmaschinen auf dem nicht ganz so weit entfernten Flughafen. Ein Hoch auf das Nachtflugverbot, das hier niemals erteilt werden wird.

Auch egal. Alles egal. Scheißlaune halt. Sich so in einen Lebensmittelladen zu begeben, zwei Tage vorm Fest, wie soll man das nennen? Blödheit? Wahnwitz?
Nein. Es ist eine Notwendigkeit, dort erlebt man nämlich, dass man keineswegs allein ist, mit der Scheißlaune.
Man schaue sich nur die ganzen Essigfressen an, die an der Kasse stehen. Das ist ja fast, als würde ich in den Spiegel sehen. Mein Mund ist ganz sicher genauso runtergezogen. Was für eine elende Kacke. Ich will nicht so aussehen. Das macht mir noch schlimmere Laune, wenn ich so aussehe. Vielleicht hätte ich wenigstens die Haare bürsten sollen, bevor ich das Haus verließ. Oder etwas Wimperntusche auflegen. Ich lege nie Wimperntusche auf. Aus gutem Grund, sehe ich doch sehr schnell aus wie der Uhu Schuhu, denn Augenreiben ist mein Hobby. Und wenn Wimpern getuscht sind, überkommt mich ein unbezähmbarer Zwang, meine Augen zu reiben.
Lippenstift? Auftragen und sofort will ich die Lippen lecken. Dauernd. Nicht, weil der Lippenstift so lecker ist, dann könnte ich den auch so weglutschen, ohne Umweg über die Lippen. Nein, ich bin der festen Überzeugung, durch Lippenstift extrem trockene und spröde Lippen zu haben und dann muss ich sie anfeuchten.
Also liegt nicht einmal ein Hauch von Kosmetik auf meinem Gesicht und es zeigt mein Gefühl ungeschminkt und ehrlich. Das Gefühl, gleich jemanden beißen zu wollen. Oder auf jemandes Backen zu schlagen. Mit einem satten Klatsch.
Um mich herum schauen alle so zurück.
Man könnte sicher mit einer halben Stunde Vorlauf ein a cappella Backpfeifenstück einüben. Die Backen von der ollen Trulla hinter mir würden im Bass klatschen. Maria durch ein Dornwald ging würde ich bevorzugen, da wird mir eh immer ganz warm ums Herz von. Eine Weihnachtsschlägerei in C-Dur. Wie schön.

In diesem Scheißladen, wo ich mit Scheißlaune Lebensmittel für die Festtage einkaufen muss, ist die Scheißgefrierabteilung komplett ausgefallen. Alle Tiefkühlschränke sind mit gestreiftem Flatterband zugeklebt, zwei Mitarbeiter räumen aufgetaute Waren aus und reinigen die Scheiben. Und? Ich könnte in die Schränke treten. Hätte ich doch nur die Stahlkappenschuhe angezogen. jetzt gibt es hier kein Scheißeis, weil alles aufgetaut ist und ich muss auch noch in einen anderen Supermarkt fahren. Die gleiche Prozedur nochmal von vorn. Am liebsten würde ich den vollgeladenen Einkaufswagen irgendwo in die Ecken schieben, rausrennen, auf dem Parkplatz noch gegen ein paar scheißgeparkte Autos spucken und dann außenspiegelabrasierend nach Hause fahren. Dort täte ich mich mit einer Wärmflasche ins Bett legen und nächstes Jahr erst wieder rauskommen. Am dritten Januar. Oder am vierten. Egal.
Wenn der ganze Scheiß vorbei ist.

Hier sieht es auch aus wie Hulle. Kann bitte jemand zum Putzen kommen? Die Hundehaare, diese Scheißhundehaare. Ich könnte kotzen, wenn ich diese Hundehaare sehe. Und diese Dunkelheit. Mittags um zwei überall Licht an, weil man sonst nur noch schemenhaft erkennt, was um einen herumsteht.
Und Udo Jürgens ist tot. Vermutlich hat er es nicht mehr ertragen und sich vorm Fest vom Acker gemacht.
Meine Freundin hat gesagt, es wird vermutlich das traurigste Weihnachten aller Zeiten für ihre Mutter. Weil der Udo tot ist.
Nun gut, auch ihr Mann ist in diesem Jahr gestorben, aber der Udo…, also dass der Udo tot ist, das trifft sie jetzt wirklich bis ins Mark.

Jetzt frage ich mich, ob ich schon genug geflucht habe. Nein, es fühlt sich noch nicht gut an. Es ist noch nicht genug geflucht.
Blasphemische Dinge gehen mir durch den Kopf, sie betreffen die heilige Familie, die uns den ganzen Scheiß eingebrockt hat.
Meine Güte, manchmal ist es schon gut, dass Gedankenlesen nur in Filmen und Büchern passiert. Sonst wäre ich eventuell schon von irgendwelchen christlichen Fundamentalisten in die Luft gesprengt worden. Ich will nicht vergessen, an dieser Stelle zu erwähnen, dass ich in einem Kirchenchor singe. Und mich hat, trotz meiner Gedanken, noch nicht der Blitz erschlagen. Womit bewiesen wäre, Gott gibt es nicht. Ich meine, wer lässt sich denn schon in seiner eigenen Hütte unflätig beschimpfen und sei es nur gedanklich, ohne Konsequenzen?
Also, kein Blitz weit und breit.

Jetzt aber. Was ist denn hier los????
Soeben wurde unaufgefordert der Hausmüll entsorgt! Ich falle vom Glauben ab. Und das, obwohl der Mülleimerdeckel noch zuging!!
Dieser Tag, soll er sich doch noch zum Guten wenden? Sollte es möglich sein? Wenn jetzt auch noch frische Müllbeutel in die Eimer gehängt werden und die Mülleimerschranktür geschlossen wird, dann falle ich möglicherweise vom Unglauben ab. Kann das ein göttliches Zeichen sein? „Siehe, ich der Herr weiß was Du brauchst! Einen leeren Mülleimer. Und wenn Du nicht forderst noch darum bittest, wird es doch geschehen. Werde ich es für Dich geschehen lassen.“
Danke, Herr. Super. Meine Laune bessert sich deutlich.

Wie wenig es doch braucht, für eine gute Vorweihnachtszeit.
Ich genieße das jetzt, für die nächsten zehn Minuten. Dann werde ich mich wieder der Scheißlaune hingeben. Denn so leicht bin ich nicht zu kaufen, mein Lieber. So leicht nicht.