Jetzt nähert sich das Ende des Jahres. Welche Überraschung. Es kommt immer so unerwartet, das neue Jahr. Habe ich mich doch gerade erst daran gewöhnt, bei Daten eine vierzehn zu schreiben. Bis ich die fünfzehn verinnerlicht habe, dauert es auch wieder ein Jahr.

Was macht dieser Mann bloß in der Küche? Ich bin im Wohnzimmer auf der Couch und kann von dort aus nicht in die Küche hineinsehen. Alles, was ich wahrnehme, ist ein rhythmisches Klopfen und Musikscheppern aus Kopfhörern in Verbindung mit unregelmäßig auftretendem Geklapper.
Ich versuche hier den ultimativ netten Jahresendblogeintrag zu verfassen und all meine Gedanken drehen sich nur darum: Was macht der da? Denn jedes Klopfen dringt ohne Umwege gleich in mein zentrales Nervensystem. Ich bin bereits mein ganzes Leben lang empfindlich, was Lärm und Geräusche angeht. Durch die Kinder musste ich diesbezüglich schon sehr an mir arbeiten. Kinder haben nun einmal die Eigenschaft, nahezu ununterbrochen in irgendeiner Art und Weise akustische Reize auszusenden. Daran habe ich mich fast gewöhnt.

Wenn aber der Gutfrisierte, der von meinem Unvermögen schon wusste, bevor Kinder auftauchten, in der Küche sitzt und bei seiner selbstgemachten Musik, die ich nur scheppernd als Kopfhörerentfleuchung höre, im Takt auf seinem Bein rumklopft, dann passiert folgendes:
Ich werde über alle Maßen aggressiv!!! AGGRESSIV!! AGGRESSIV!!!
Dann möchte ich töten!!!

Zumal ich eigentlich konzentriert denken will. Kann ich aber nicht. Es klopft und klopft. Und klopft und scheppert. Klopft. Scheppert.
Der weiß das doch, dass ich das nicht ertrage. Ich habe es doch erst zweimillionen Mal gesagt. Muss ich es denn immer noch sagen? Ist es denn zuviel verlangt, daran zu denken, dass die Mitbewohnerin, die Frau, die man mit diesem Geräuscheertragungsdefizit geheiratet hat, im Nebenzimmer sitzt und Schaum vor dem Mund hat?
Blut tröpfelt aus meinen Ohren und vor meinem inneren Auge spielen sich Filme ab, die auf Grund ihrer Brutalität und Blutigkeit auf den Index gehören.
Ich kann nicht mehr, nein, ich kann wirklich nicht mehr. Ich wollte doch über gute Vorsätze im neuen Jahr schreiben. Und über den guten Vorsatz vom jetzt frisch vergehenden Jahr, nämlich mein Haar keinmal schneiden zu lassen. Geschafft. Ich habe das durchgezogen und war nicht einmal beim Frisör. Ich habe auch selbst keine Schere angefasst. Mein Haar wuchs ein Jahr unbehelligt runter. So sieht es auch aus. Dafür habe ich ein paar nette Haarspangen und Haargummis, mit welchen ich das Haar mehr oder minder elegant am Kopf verknödele.
Wie soll es denn weitergehen, mit meinem Haar im neuen Jahr?
Darüber wollte ich denken, überlegen, philosophieren.

Stattdessen fühle ich mich wie Stephen King oder wie diese Gruselheimer sonst noch heißen. Ich möchte Heerscharen von unheimlichen Dingen in die Küche schicken. Oder gleich selbst hingehen. Zur Schublade des Küchenschranks. Es ist die linke Schublade, darin befinden sich einige metallische Gegenstände, noch aus meinen Zeiten als Köchin. Damals bekam ich einen Koffer, angefüllt mit scharfen Klingen, mit denen man ein Haar der Länge nach spalten konnte. Das dazugehörige Lachsmesser wurde mir während meiner Zeit in einem sehr großen Haus geklaut. Auch der Ausbeiner ist verschwunden. Aber ich habe noch ein hübsches großes Messerchen für vielerlei zu verwenden und ein echtes Hackebeilchen für Kotelettknochen.
Ich lege das Laptop zur Seite, stehe leise ächzend von der Couch auf, nachdem ich den Gutfrisierten viermal bei seinem Namen rief, aber keinerlei Reaktion erfolgte. Ich gehe langsam und schleppend wegen des vorhherrschend Rückenproblems (gibt es eine Möglichkeit, Winterschuhe anzuziehen ohne sich zu bücken?) in die Küche. Den Blick fest auf die Schubladen gerichtet. Meine Hand schiebt sich vor und greift nach dem Metallbügel. Sie zieht langsam daran und die Schublade gleitet heraus. Huch. Das war die rechte, nicht die linke Lade. In diesem Durcheinander von Tütchen, Zettelchen, Streichhölzern ist nichts zu finden, was dem Klopfen ein Ende bereiten könnte.
Ich schaue zum Tisch, zum Gutfrisierten, der komplett entspannt gegen die Heizung gelehnt sitzt und mit einem seligen Grinsen Rhythmen klopft.
Ich lege meine flache Hand auf seinen Rücken, er schaut mich an, ich sage:
„Du musst jetzt mit dem Klopfen aufhören. Glaube mir. Es ist besser, wenn Du jetzt aufhörst damit.“
„Okay.“, antwortet er, macht die Musik aus und geht duschen.

Er weiß nicht, wie knapp er mit seinem Leben davongekommen ist. Er weiß es nicht.

Über das Ende des Jahres denke ich ein anderes Mal nach. Jetzt informiere ich mich darüber, wie man Sachen und anderes spurlos verschwinden lassen kann.