Silvester ist heute. Es müssen noch ein paar Kleinigkeiten eingekauft werden, nicht viel. Ein bisschen Obst, frischer Salat, ein Becher Eiscreme dazu, das war es schon.
Dann rufe ich bei der alten Dame an, weil ich mich in diesem Jahr ein letztes Mal um ihre Beine kümmern möchte.
Und ich muss mich immer telefonisch anmelden. Denn oft liegt Frau Lotti noch im Bett. Manchmal steht sie um elf Uhr auf und manchmal um dreizehn Uhr. Ganz wie es ihr in den Sinn kommt.
Und ich rufe an, damit ich nicht vor der Türe stehe und warten muss. Es kann sonst sein, dass ich eine halbe Stunde vor der Tür stehe und sie sich noch eine Hose anzieht und ihre Schuhe und sich ihre Tasche umhängt, bevor sie eine sehr enge Wendeltreppe Stufe für Stufe hinabsteigt, wobei sie sich mit beiden Händen am Geländer festhält.

„Hallo Frau Lotti, ich bin es. Sind Sie schon auf?“, frage ich sie durch das Telefon, nachdem es über eine Minute geklingelt hat, bevor sie dran geht. Vielleicht hat sie das Telefon wieder in ihrer Tasche gehabt und die Tasche ist unter das Bett gefallen und dann dauert es, bis sie das Telefon in ihre alten, wie mit faltigem Papier bezogenem, knochigen Hände bekommt. Manchmal ist es auch nicht aufgeladen und dann klingelt es unaufhörlich ohne dass sie es bemerkt.
„Nein, ich weiß nicht. Ich bin nicht fertig. Wegen der Leute. Ich brauche noch eine lange Tafel, damit alle sich zum Essen setzen können.“
Seltsam. Frau Lotti bekommt höchst selten Besuch und nie mehr als zwei Personen. Was ist denn da los?
„Wer ist denn bei Ihnen?“
„Ich kenne die Leute nicht. Ich glaube, die arbeiten hier.“
„Frau Lotti, wir machen das so. Ich komme jetzt einmal vorbei und dann schaue ich, ob ich den Leuten behilflich sein kann und dann kümmere ich mich zuerst einmal um ihre Beine. In Ordnung?“
„Ja, das ist gut. Kommen Sie, Frau Lavendel, kommen Sie schnell einmal vorbei.“

Fünf Minuten später stehe ich bei Frau Lotti vor der Tür und drücke auf die Klingel. Ihr Rollstuhl steht unten, ich sehe ihn durch die Scheibe, also ist sie noch nicht herunter gekommen. Ich gehe zur Nachbarin und besorge mir den Schlüssel. Im Haus ziehe ich meinen Mantel aus und rufe nach ihr.
„Frau Lotti?“
Alles bleibt still. Ich gehe die Wendeltreppe hinauf.
„Frau Lotti! Ich bin es, sind Sie auf?“
Dann höre ich leise ihre Stimme aus dem Schlafzimmer.
„Kommen Sie rein.“, krächzt sie. Ich öffne die Tür und gehe hinein. Sie liegt halb auf dem Bett. Sie ist halb angezogen. Und auf ihrem Gesicht liegt ein halbes Lächeln.
„Ich muss alles für die Leute richten.“, sagt sie.
„Welche Leute?“, frage ich sie.
„Die Leute, die immer hier arbeiten. Ich weiß auch nicht. Ich kenne die Leute gar nicht.“
„Und wo sind die Leute jetzt? Unten war niemand.“
„Das weiß ich nicht. Sie sind bestimmt mit dem Bus gefahren. Und wenn sie Glück haben, dann fahren sie zu unserem Koch. Das ist ein wunderbarer Koch. Ganz hervorragend.“
„Frau Lotti, wissen Sie was? Am Besten, Sie ziehen sich jetzt einmal in Ruhe fertig an. Ich gehe schon hinunter und bereite alles vor für ihre Beine. Und dann kommen Sie und wir schauen gemeinsam, was notwendig ist. Einverstanden?“
„Ja, danke.“, sagt sie und ich nachdem ich das Fenster noch zweimal auf und zweimal zu machen soll, das Licht erst aus und dann wieder einschalten und zwei Bandagen mitnehmen darf, gehe ich hinunter und es ist immer noch niemand da. Keiner will etwas zu essen und niemand arbeitet.

Ich bereite alles vor. Lege die Handtücher auf die Chaiselongue, hole die Salbe, mache einen Bottich mit heißem Wasser fertig und dann warte ich.
Es dauert. Und dauert noch ein bisschen länger. Ich warte.
Und irgendwann kommt sie die Treppe herunter. Jeder Schritt tut ihr weh und sie atmet schwer. Wie anstrengend es sein kann, eine Treppe hinunter zu gehen.

Sie geht zur Chaiselongue, legt sich hin, ich wickele ihr die Verbände von den immens geschwollenen Beinen.
„Schauen Sie, Frau Lotti, Sie können ganz entspannt sein. Es ist niemand da, es kommt niemand und Sie können ganz entspannt sein. Wir machen jetzt Ihre Beine fein. Und dann essen Sie erst einmal selbst.“
„Ach, das ist aber gut.“, sagt sie und entspannt sich sichtlich.

Von vorgestern zu heute ist irgendetwas in ihrem Kopf durcheinander geraten. Vor zwei Tagen war sie vergesslich. Aber die Realität war die Realität. Heute sieht alles ganz anders aus.
Heute hat sie vor wenigen Tagen mit ihrer Schwester telefoniert, die schon seit vielen Jahren tot ist. Heute muss sie sich überlegen, wie sie all die Leute satt bekommt, die bei ihre arbeiten. Heute weiß sie nicht, ob sie noch einen großen Tisch aus dem Keller holen muss.
„Wissen Sie, dass morgen schon ein neues Jahr beginnt? Morgen fängt zweitausendfünfzehn an.“, sage ich und sie schaut mich desinteressiert an. „Ja? schade, dass der Schnee schon geschmolzen ist, es sah so hübsch aus am Morgen.“

Morgen ist zweitausendfünfzehn. Wie schade, dass der Schnee schon geschmolzen ist. Er sieht so hübsch aus am Morgen.
Und wenn es Mittag ist, am ersten Januar, gehe ich hinüber zu Frau Lotti. Ich denke, es ist an der Zeit, jeden Tag vorbeizuschauen.
Falls plötzlich jede Menge Leute bewirtet werden müssen.