Wenn man die Nachrichten sieht, gefriert…, nein. Falsch.

Es muss heißen, wenn ich die Nachrichten sehe, gefriert mein Blut in meinen Adern. Denn mit man halte ich es mir vom Hals, betrachte es aus der Ferne. Schüttele ungläubig den Kopf und spüre eine Erschütterung.
Aber ich, ich schaue mir diese Bilder an aus Paris, der Stadt, in der ich mit fünfzehn wunderbar wie ein wandelndes Klischee zum ersten Mal verliebt war in einen jungen Franzosenburschen, der mir unwiderstehlich erschien.
Ich sehe diese Männer, die wahllos oder gezielt schießen, auf alles, was nicht ihrer Meinung ist.
Und denke an die Toten, die Sterbenden, die das Pech hatten, ihnen zu begegnen.

Das Töten im Namen Gottes.
Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Da ich nicht an Gott glaube, kann ich es nicht wissen. Was ich sehr wohl weiß, diese Rückständigkeit, anderen mit Gewalt die eigene Sicht aufzupressen, diese Brutalität, mit der diese Ansicht vermittelt wird, hat nichts mit Gott zu tun und ist zutiefst von Unmenschlichkeit geprägt.

Im Namen von etwas, das es vermutlich nicht einmal gibt, Leben zu beenden, das einzige, das was wir haben, unwiederbringlich, das ist so verstörend und in keinster Weise nachvollziehbar.

Soziale Ungerechtigkeit, Armut, Benachteiligung, gesellschaftliche Missstände, Verachtung.
Gibt das jemandem das Recht, einem anderen das Leben zu nehmen?
Geschlecht, sexuelle Orientierung, Lebensweisen, Glaubensrichtung, sind das Gründe, die das Töten rechtfertigen?

In Paris sterben Menschen, weil sie Zeichnungen machten, über die man lachen konnte. Oder auch nicht. Trotzdem nur Zeichnungen.
In den vom IS umkämpften Gebieten werden Frauen gezielt vergewaltigt.
Menschen werden geköpft, Menschen verhungern, Menschen sterben an Krankheiten, die behandelbar sind.

Ich habe es gut. Ich sitze hier in Wolkenkuckucksheim, gemütlich unter einem Deckchen, draußen plätschert der Regen, in der Tasse dampft ein Tee und ich habe die Zeit, über die Welt nachzudenken, denn meine Existenz ist gerade nicht bedroht.
Und neben dem Gefühl der Erleichterung darüber, dort zu leben, wo es sehr sicher ist, regt sich in mir der Zorn.
Der Zorn darüber, dass es Menschen gibt, die sich als Herren über Leben und Tod aufspielen. Nicht nur die, die irgendwo hereinspazieren und töten, weil sie ihren Propheten rächen wollen, der darum nicht gebeten hat.
Auch die, die Reichtum sammeln und dafür über Leichen gehen. Sei es in Rohstoffminen, in Nähereien, in Rüstungsbetrieben.

Diese Welt ist zutiefst ungerecht, brutal und unmenschlich.
Und?
Was tun?

Es quält die eigene Unzulänglichkeit und fast noch mehr die Machtlosigkeit.