Als ich vom Hundausführen nach Hause kam, machte ich mir eine Tasse Kaffee, was meine neueste Mode ist. Es muss allerdings ein Kaffee ohne Koffein sein, sozusagen ein alkoholfreier, denn sonst ist der Tag für mich gelaufen. Koffein vertrage ich nicht. Teein vertrage ich auch nicht. Und wenn ich so aus dem Nähkästchen plaudere, kann ich gleich zugeben, dass ich Alkohol nicht nur aus Prinzip nicht trinke, sondern wegen einer Unverträglichkeit. Zwiebeln im Gurkensalat sind ebensowenig möglich.
Sehr gut vertrage ich Schokolade und Eis. Und mit Milchprodukten habe ich keinerlei Probleme. Auch Weizen macht mir nichts. Zuckeraustauschstoffe, die gehen wiederum überhaupt nicht.
Aber egal.
Ich saß nun in der Küche und trank einen völlig vermilchten, entkoffeinierten Kaffee und ließ den Blick schweifen. Dabei sinnierte ich über die seit Jahren erfolglose Planung eines neuen Küchenanstrichs. Meine eigenen Fehler bei der fehlenden Umsetzung ließ ich ausgiebig Revue passieren. Ich legte bisher vermutlich nicht genug Nachdruck in meinen Wunsch nach einer frisch gestrichenen Küche. Es reicht eben doch nicht, diverse Farbkarten mitten auf die Wand zu bappen und in Selbstgesprächen immer und immer wieder auf das Thema Anstrich zu kommen.
Der Gutfrisierte ist nun kein Mann der Tat und wenn ich sage, die Küche müsste gestrichen werden, sagt er ja und dann ist er auch schon weg. Zack. Ich stehe da und wundere mich, wie schnell man verschwinden kann. Selbst wenn man noch da sitzt, kann man weg sein.
Ich könnte selbstverständlich selbst und allein die Küche streichen. In meiner Phantasie. Da kann ich das nämlich alles noch. In der Realität sieht das bedauerlicherweise ein kleines bisschen anders aus, da bräuchte ich schon Hilfe. Das gebe ich nicht gern zu. Es ist aber so. Ich kann das nicht mehr allein. Früher, ja früher, da konnte ich ganz allein einen Umzug machen. Wirklich. Gut, es waren nicht so viele Sachen, aber schon eine komplette Multivan-Ladung.
Das war bei der ersten Trennung vom Gutfrisierten. Das ist jetzt, moment, ich rechne kurz nach…… fünfundzwanzig Jahre her. Da habe ich von heute auf morgen das Weite gesucht. Waren das noch Zeiten. Da konnte ich so einiges.

Während ich meinen Kaffee trank und die Gedanken so schweiften, nahm ich mir einen Putzfeudel und reinigte ein Küchenregal. Das war eher ungeplant. Aber sinnvoll, denn das Regal war von einer Schicht überzogen.
Diese kleine und unbedachte Handlung war der Startschuss für eine Reinigungseskalation der höchsten Güte.
Ich sage nur: Auf den Schränken.
Wir sind keine Riesen in dieser Familie. Die eins fünfundsiebzig werden von niemandem geknackt. Wir stammen vermutlich aus dem Auenland, was sich durch einen Blick auf den ein oder anderen Fuß auch bestätigen lässt, da braucht es keine genetische Untersuchung. Diese Größe oder vielmehr Kleine verhindert einen zufälligen Blick auf die Schränke.
Man weiß eigentlich, was sich auf Küchenschränken neben dem Herd tut. Aber man möchte es nicht wissen. Man wendet sich innerlich ab. Hin und wieder streift einen eine Ahnung, ein Hauch, aber man hört sofort weg und befasst sich mit wahrhaft wichtigen Dingen.

Gestern war es dann jedoch soweit. Eine leise Stimme flüsterte mir ein: „Komm schon, ein Blick auf den Schrank kannst Du wagen! Trau Dich. Wenn schon keine schicken, frisch gepinselten Wände, dann doch wenigstens eine reinliche Umgebung…“
Und ich stieg auf den Stuhl und schaute von oben auf die Schränke und ich sah: So muss das Leben entstanden sein.
Huihuihui.
Wörter wie Pottsau, eklig, unfassbar geisterten mir durch das Bewusstsein.
Und so nahm ich Anlauf und sprang kopfüber in die Aktion „Reinigung von Oberflächen“.

Dazu benötigte ich unter anderem einen Schaber, um diese gummiartige, schwärzliche, haarige Oberfläche vorsichtig abzutragen.
Und Reinigungsmittel. Und eine Leiter. Und zwischendurch dachte ich, nun, wenn ich das kann, kann ich vielleicht auch streichen. Aber im Grunde stimmt das nicht, denn da muss man die Möbel ja auch noch rücken und tragen, nachdem man sie geleert hat.
„Und wenn ich schon keine frisch gestrichene Küche haben kann, dann will ich wenigstens eine saubere Küche haben!“, plapperte ich dieser bescheuerten inneren Stimme nach, die vorher unaufgefordert in meinem Kopf herumflüsterte.

Es gab einige Barrieren des Ekels zu überwinden. Verhungerte Spinnen waren nur eine davon. Fettrückstände, Staub, undefinierbare Irgendwasse. Ein ganzes Sammelsurium an Widerwärtigem.
Und während ich, sogar irgendwann mit Gummihandschuhen ausgestattet, weil ich mir eine tiefe Fleischwunde beim Reinigen der uralten Brotschneidemaschine zugezogen hatte, diese dann sofort medizinisch versorgen und darum den Finger vor dem Kontakt mit diesen sicher höchst ungesunden Substanzen schützen musste, wobei es später noch eine unschöne Szene bei der Suche nach der keimtötenden Salbe mit dem Gutfrisierten gab, bei der es um das Verschlampen von Tuben und das nicht adäquate Hinschauen beim Suchen ging, schrubbte und putzte (kriegt man diesen Satz noch auf die Reihe? Eigentlich nicht. Sollte ich mehrere daraus machen? Ach, ich habe keine Lust.), dachte ich darüber nach, was einen alles ekeln kann.

Und da kommt das Fernsehen ins Spiel. Es kommt doch gerade dieser Dschungelkram. Ich persönlich gucke das nicht. Ich gucke ja nur dreisat. Oder arte. Diesen Satz höre man bitte mit dieser Etepetete-Stimme. Leicht affektiert und abschätzig. Und verlogen. Denn das ist es auch. Aber das kann mein Geheimnis sein. Wer will denn schon wissen, dass ich schrecklich gern Verfilmungen von guter Literatur sehe, diese aber ganz sicher links liegen lasse für die X-Men. Oder Captain America. Oder den Hulk.
Nun ja, aber den Dschungelkram, den gucke ich wirklich nicht. Erstens nervt mich Werbung. Und ich vermute, ich weiß es nicht genau aber ich vermute, dass ständig Unterbrechungen gemacht werden, um Werbung zu zeigen. So oft muss ich nicht pinkeln oder etwas essen, dass ich solche Verhackstückungen gut fände. Hätte ich eine Reizblase, ich würde vermutlich anders darüber denken. Habe ich aber nicht.
Also, die Werbung ist schon mal ein Ausschlusskriterium. Und dann diese Leute. Diese zwei Komiker, die Chef spielen, im Dschungel. Nein. Schon in den Vorschauen, als sie auf der Raupe ritten, hatte ich innerlich damit abgeschlossen, mir irgendetwas davon anzuschauen.

Und wie ich nun auf der Leiter stand, den Schmodder von ungefähr fünf bis zehn Jahren abkratzte und viele Leichen entsorgte, wurde mir klar, dass mich die Ekelprüfungen nicht reizen.
Ich befinde mich seit fast zwanzig Jahren im Müttercap. Und da holt mich keiner raus. Und da muss man Ekelprüfungen ablegen, da kann man über den Verzehr von irgendwelchen Hoden doch nur müde lächeln. Oder das Tauchen in irgendwelchen glibberigen Substanzen. Das ist lächerlich im Vergleich zu dem, was eine Mutter so im Laufe ihres Daseins an Ekeldingen schaffen muss.

Schon in den ersten Tagen des Mütterdaseins geht es los. Oder nein. Schon bei der Geburt. Entbindest Du auf natürlichem Wege, ist Dir nichts mehr peinlich. Alles, was Dein Körper von sich geben kann, tut er auch. Erbrechen, Blasenentleerung, Darmentleerung, das ganze Programm und gern mit Zuschauern. Und wenn Du das hinter Dir hast, dann kommt das Baby mit der ersten Darmentleerung. Und die Kacke klebt. Bis Du das vom Kinderärschlein hast, klebt es meist auch überall an Deinen Händen. Und an den Klamotten. Den Möbeln. Denn am Anfang stellst Du Dich auch dappisch an.
Es folgt das Angekotztwerden. Das Angepinkeltwerden.
Bei einer abendlichen Autofahrt, damals, als der Fürst noch niedlich war, noch kein Jahr und anbetungswürdig, da wurde er sehr unleidlich, was für ihn ungewöhnlich war. Weil er irgendwann brüllte wie ein Berserker, nahm sein Vater ihn während der Fahrt (ich fahre immer. Immer. IMMER. Was sehr schön ist, denn ich fahre gern, aber eben auch ungewöhnlich. Immer.), im absoluten Widerspruch zu Verkehrssicherheit und Vorschriften, aus dem Kindersitz und auf den Arm, um ihn zu beruhigen.
Nur Sekunden später hörte man einen sehr kräftigen, bauarbeitergleichen (Hallo Vorurteil. Es gibt sicher Bauarbeiter, die nicht rülpsen.) Mörderrülpser. „Ach!“, flötete ich, „Da geht es ihm jetzt sicher besser!“ und kicherte.
Es kam ein jammerndes „Der hat mir ins Gesicht gekotzt!“ von der Rückbank.
Tja. Was macht man dann? Ein Packung Taschentücher nach hinten reichen und schneller fahren.
Auch die aus der Hose purzelnden Kackeköttel im Flur eines Krankenhauses sind eine gute Abhärtung, was Ekel angeht.
Das Essen von vorgekauten Speisen gehört genauso dazu wie das Entfernen überdimensionaler Rotzpopel aus Nasen, von Möbeln und aus Zimmerecken.
Und wer schon einmal gesehen hat, wie ein Vater, der eben noch entspannt mit seinem Baby in der Wanne lag, urplötzlich wie von Furien gejagt aus dem Bad rennt und dabei quietscht wie eine Plastikente, der weiß, das Baby hat in die Wanne gekackt.

Da ist doch Würmer essen ein Scheißdreck dagegen.

Jetzt ist die Küche sauber, ich muss mich nicht mehr ekeln und die Sache mit dem Dschungelcamp ist auch ordentlich durchdacht.
Wofür eine Putzeskalation gut sein kann!