Und wie war der Tag denn jetzt gewesen?

Blömscher

Es gab Blömscher für mich. Ein zartes Sträußchen. Wunderschön und höchst erfreulich.
Die gab es aber erst am Abend von den Gesangskollegen.

Fangen wir doch von vorne an. Obwohl, chronologisches Vorgehen wird schwierig. Ich werde ein bisschen durch den Tag hüpfen.

In der Frühe hatte ich eine Verabredung mit dem netten Herrn aus der Werkstatt. Der wollte schon vor acht Uhr mein Auto sehen. Das brauchte nämlich dringend eine neue Scheibe. Ein Laster hatte eine Eisplatte vom Dach rutschen lassen als ich genau hinter ihm auf der Autobahn fuhr. Das hat Killerdog auf dem Beifahrersitz fast zu Tode erschreckt, weil die Platte auf meine Scheibe krachte. Und einen Tag später fing es mit einem kleinen Strich an, der nach kurzer Zeit einen Riss einmal quer über die komplette Scheibe bildete. So kann man aber nicht fahren. Und weil das so ist, brauchte es eben eine neue Verglasung.
Jetzt war die Werkstatt nicht gerade um die Ecke. Also entwickelte ich ein Konzept, nach dem mir eine schnelle und sichere Heimkehr gelingen sollte.
An einer Bushaltestelle stand ich nach der Abgabe des Autos. Der nächste Bus sollte in fünfzehn Minuten kommen. Es war sackrattig kalt. Eisig. Eine viertel Stunde in der Arschkälte zu stehen, schien mir keine besonders schlaue Idee. Viel besser fand ich, einfach zur nächsten Haltestelle zu laufen. Das sollte mich warm und fit halten und zeitlich machbar sein. Es endete darin, dass ich laufen musste. Richtig schnell, denn der Bus kam etwas früher und ich hatte mich ein klein wenig verschätzt. Es sollte nicht die einzige Verschätzung des Tages bleiben.
Mit einem Hechtsprung erreichte ich den Bus gerade noch und war dann gezwungen, schwarz zu fahren. Ich hatte keine Münzen. Und der Busfahrer verkaufte keine Fahrkarten.Der Automat nahm keine Scheine. So kann es gehen. Also hatte ich keine Fahrkarte, den Busfahrer hat das nicht gestört und mir war es auch irgendwie wurscht.
Sechs Stationen weiter musste ich aussteigen, um den Bus zu wechseln. Was soll ich sagen? Der Bus war genau zwei Minuten vorher abgefahren. Der nächste sollte erst in einer halben Stunde fahren. Und?
Genau.
Kalt, eisig, sehr frisch. Zu frisch um zu warten. Und so lief ich los. Es ging nur um eine Station. Ich dachte, in einer halben Stunde laufe ich doch nach Hause, da brauche ich nicht hier herumzustehen und festzufrieren. Und ich habe auch keine Münzen und müsste ja schon wieder schwarz fahren.
Ich lief los. Und lief. Und lief immer noch. Und dann fuhr nach der Hälfte der Strecke der Bus an mir vorbei und ich lief dann noch eine halbe Stunde länger, alleweile ich mich fragte, wie dämlich man sich verschätzen kann.
Aber ich versuchte, es von der launigen Seite zu nehmen. Denn wer will am Geburtstag schon rumnörgeln, nur weil er mit der Einschätzung, fünf Kilometer in dreißig Minuten zu schlendern, hübsch ins Klo gegriffen hat. Niemand.

Nach knappen vier Kilometern kam ich an einer Ampel vorbei.

Wirklich jetzt?

Und ich fand mich auch ohne Auto ziemlich dumm. Und unfähig, Geschwindigkeiten vernünftig einzuschätzen.
Wie sagte meine Schwester anschließend so schön? Für fünf Kilometer in einer Stunde muss man joggen. Danke, jetzt weiß ich das auch. Aber ich wusste ja nicht, dass es sich um fünf Kilometer handelte. Und vor allem fahre ich diese Strecke ständig mit dem Auto. Da dauert das drei Minuten. Kann doch keiner ahnen, dass Laufen so langsam geht.
Meine Güte, was waren meine Schenkel tiefgekühlt, nachdem ich endlich fertig war mit dieser blöden Lauferei. Kurz vor dem Ende traf ich noch eine Bekannte aus dem Kaff, die mich fragte, ob ich gerade auf der Landstraße herumgerannt sei. Ja, das sei ich wohl gewesen. Sie hätte mich gesehen und überlegt, anzuhalten. Aber da wäre sie dann auch schon an mir vorbei gewesen und hätte es gelassen.
Danke. Das wollte ich wissen. Und dann bin ich erst einmal mit dem Hund spazieren gegangen. Was dann auch egal war, denn immerhin war ich da schon stolzer Besitzer zweier sehr frischer Eisbeine. So kalte Schenkel hatte ich selten.

Zeitsprung zum Nachmittag, als das Auto fertig war. Ha. Nein. Ich fuhr nicht mit dem Bus. Ich lief auch nicht. Ich ließ mich hinchauffieren. Das ging so wunderbar schnell und war herrlich warm.
Bei der Werkstatt dachte ich, mich trifft der Schlag. Mein Auto stand vor der Halle. Und es war kaum wiederzuerkennen. Im Rahmen des Fenstertauschs wurde mein Auto gewaschen. Es war glänzend und frisch und nicht mehr diese verschmierte Dreckschleuder. Freudestrahlend holte ich mir den Schlüssel, bezahlte meine Selbstbeteiligung und warf mich in das Auto hinein. Und da… blieb mir der Mund offen stehen. Die hatten das auch von innen geputzt. Ausgesaugt, die leeren Bonbonpapiere weggeworfen, alle Scheiben gesäubert. Ich war zu Tränen gerührt. Das hatten die bestimmt gemacht, weil ich Geburtstag hatte. Ich stieg noch einmal aus, lehnte mich in die Werkstatt und rief: „Danke, meine lieben Freunde, Ihr seid die Besten!!“, winkte und ging.
Jetzt habe ich ein Auto mit einem Reinlichkeitsfaktor, der in meinem Besitz eigentlich nicht erreichbar ist.

Was ist sonst noch geschehen?
Nun, es gab Kuchen, Nudelsalat, Frikadellen.
Es gab Besuch.
Es gab Geschenke.

Killerdog schenkte mir etwas für meine trockene Pelle. Wolkenköpfchen konnte mir noch nichts schenken, denn ihre Geschenke liegen in der Tanzheimat. Da liegen sie gut und auf Grund von einer einwöchigen Tanzabstinenz wegen ihrer Beteiligung an den großen Epidemiespielchen im Virenreich.
Der Fürst hatte sich in der Frühe mit dem völligen Vergessen meines Geburtstags hervorgetan, versuchte das aber mit einer Packung Toffifee wieder auszubügeln. Das ist ein ziemlicher Zuwachs im Vergleich zu dem Geburtstag, als er mir einen angekauten ollen Kugelschreiber in einem Papiertaschentuch verpackt kredenzte.
Der Gutfrisierte schlingert weiterhin unsicher herum und scheint nicht recht weiter zu kommen. Ich helfe ihm nicht. Warum auch? Soll er doch ein Ründchen schmoren. Außerdem hat er auch bald seinen Jubeltag. Und ich sinniere, wie ich es am Besten angehe. In gleicher Münze zurückzahlen? Oder, noch hinterhältiger, mich richtig ins Zeug legen und ein phantastisches Geschenk klar machen?
Beides ist eine herrliche Gelegenheit, ihm eine gewisse Art der Unzulänglichkeit unter die Nase zu schmieren. Ja, dann bin ich halt ein Arschloch. Ich kann hier nicht immer die heilige Lavendel vom Berge sein.

Was war noch?

Pralinen

Davon sind nicht mehr alle da. Und die, welche nicht mehr da sind, die sind ganz nah bei mir. In mir. Und nur bei mir, in mir. Ich gebe nichts ab. Nicht mal einen Krümel. Meins. Meins. Nur meins. Ich will nicht teilen. Die sind sehr gut. Um nicht zu sagen, sie erfreuen mich bis in die Tiefe meiner verknoteten Geburtstagsseele und breiten dort ihre wohltuende Wirkung aus.
Selbst die mit Zartbitterschokolade sind großartig. Und ich bin eigentlich kein Freund von zartbitterer Schokolade. Hier gefällt sie mir.
Diese Tüte ist reines Glück. Glück in Tüten. Wie herrlich.

Sehr erfrischend fand ich eine Karte, die ich von meiner Mutter bekam.
Ich wollte sie erst hier einstellen. Aber jetzt nehme ich doch Abstand davon. Denn ich vermute, der Sturm der Entrüstung, den sie entfesseln würde, wäre so heftig, dass das Internet davon zerstört werden würde. Solche Unverschämtheit habe ich selten erlebt. Aber es passt schon. Mutter eben. Und Mutter, soviel ist klar, hat eine Essstörung.
Es gibt ja zweierlei Arten, älter zu werden. Das weiß ich von meiner Schwester. Die einen werden zur Kuh, die anderen zur Ziege. Ich habe definitiv Kuhtendenzen. Mutter nicht.
Und darauf zielte die Karte. Traf. Versenkte.
Bedauerlich. Wieder einen Minuspunkt auf der Sammelliste. Das gibt einmal garstig Haare bürsten, wenn sie das nicht mehr kann.

Das Fazit des Tages lautet, es ist auch egal, wenn jetzt am Horizont das nächste Jahrzehnt heraufzieht und mit schnellem Schritt näher kommt. Scheißegal.
Und das Gefühl, gewollt zu sein, kann auch woanders überzeugend erlebt werden.

Aber trotzdem…
Schöner Tag, auch.