Die Zugbrücke ist hochgezogen. Die Vorräte sind aufgestockt, das Klopapier wird reichen. Auch Wasser ist in ausreichender Menge vorhanden und Lebensmittel ebenfalls. Es kann im Grunde nichts passieren.
Im Grunde.
Wenn nicht die Pubertista wären. Die sind nämlich auf der Piste, genauer gesagt auf der karnevalistischen Piste. Und weil ich eine Mutter sein möchte, auf die Verlass ist und gern mit bloßen Händen heiße Kohlen aus dem Grill fischt, habe ich mich zu folgender Aussage hinreißen lassen:
„Gib gut auf dich acht, mein Burschi, lass`dich nicht auf Schlägereien ein, bedenke, der Alkohol ist ein Teufel und wirft Menschen ganz anderen Kalibers aus den Galloschen. Wenn es arg ist, ruf`mich an. Ich komme Dich holen. Wo auch immer, wie auch immer. Aber bitte nicht komplett strack wie ein Seemann nach dem Erhalt der Heuer.“

Das habe ich jetzt davon. Irgendwann fahre ich los und sammele das Kroppzeuch von der Straße auf.
Aber lieber so, als zuhause zu hocken und auf den Anruf von wem auch immer zu warten. Gern werden besoffene Söhne auch von blau uniformierten Menschen vor dem Haus abgeladen, mit einer Ansprache zum Thema.
Da fahre ich lieber selbst. Ich fahre ja sowieso gern Auto. Und während ich diesen Satz schreibe, puste ich mir die Haare aus der Stirn und runzele selbige über meinen mir eigenen Irrsinn.

Karneval. Welcher Honk hat das eigentlich zu dem werden lassen, was es heute ist?
Den Winter vertreiben, da mache ich mit. Die Eisgeister in die Arktis verschicken, die Nachgespenster mit Licht und Lärm verjagen ist ganz mein Ding. Aber das Gesaufe? Nein, dieses Gesaufe dazu, das ist doch wirklich widerwärtig. Junge Herren, die nichts mehr können außer kotzen. Junge Damen, die Erfrierungen an den Beinen davontragen und es nicht einmal bemerken, weil sie so volltrunken sind.
Aber nicht nur das junge Pack gibt sich die Kante. Auch die anderen Karnevalisten, das Alter ist eigentlich wurscht, gießen sich in den hiesigen Gefilden auf offener Straße den Kanal bis zum Überlaufen voll.
Ältere Damen benehmen sich wie wilde Ferkel, laufen quieckend durch die Gegend und bützen alles, was ein Schwänzchen hat. Meine Güte.
Ich kann diese Veranstaltung nicht leiden. Merkt man, oder? Vermutlich hängt auch das mit meiner tiefverwurzelten Abneigung gegen geistige Getränke zusammen. Meiner Erfahrung nach zerstören diese nämlich den Geist. Von Beflügelung habe ich jedenfalls nie etwas bemerkt. Eher von dem Verlust jeglicher Kontrolle. Und was macht der alkoholisierte Mensch nicht alles für wunderliche Dinge.
Wobei wunderlich ein Euphemismus ist.

So war ich heute früh noch schnell in den Geschäften, habe mich großzügig eingedeckt und muss die Zwergenburg, wenn ich nicht möchte, auch nicht verlassen. Kann mich verbarrikadieren, bis der Angriff der Saufzombies vorbei ist und alle mit grauem Gesicht am Mittwoch wieder zur Arbeit kriechen. Restalkohol bis an den Kragen und vermutlich um eine Geschlechtskrankheit reicher.
Und nur für meine Kinderchen werde ich diesen selbstgewählte Hausarrest kurz unterbrechen. Mich der Szene stellen. Hoffentlich fahre ich keinen von den Besoffenen tot. Letztes Jahr ist hier eine Frau auf der Straße eingeschlafen und war auf Grund von einsetzendem Schneefall und Dunkelheit nicht mehr zu erkennen. Morgens um drei Uhr. Da ist dann ein Lastwagen drübergefahren und der Fahrer vermutete eine Bodenschwelle. Fast. Aber nicht ganz.
So ist das nämlich mit besoffenen Menschen. Die legen sich auf die Straße.
Oder ersticken an ihrer Kotze. Oder kotzen anderen Leuten in die Kellerschächte. Und in den Garten. Aber das war ja eine andere Geschichte.

Aber wenn ich einen Lappenclown vor den Kühler kriege, dann garantiere ich für nichts.
Vor Schreck könnte ich die Bremse mit dem Gaspedal verwechseln. Das dürfte wieder einigen Ärger nach sich ziehen. Wie damals, als sich der Radfahrer auf mein Auto stürzte. Also hoffe ich, dass ich mich nicht allzusehr erschrecken werde.

Doch, die Lustischkeit im Rheinland während der tollen Tage kennt keine Grenzen. Und jetzt werde ich mich todesmutig in den Wald stürzen. Dort begegnet man in der Regel nur solchen wie mir. Menschen, die bei dem Lied „Wenn et Trömmelsche jeht…“ aussehen, als wäre gerade ihr Liebstes verstorben. Die Mundwinkel bis ganz weit runter. Vielleicht ist das beim ein oder anderen sogar so. Als meine Omi gestroben war, war ich ganz arg erschüttert. Und das hielt sich auch. Diese Traurigkeit. Doch, sie ist da, wenn auch für einen anderen.
Damals fuhr ich hinter dem Kamellewagen her und bekam Bützje und Strüssjer angeboten. Und weil ich kein Lächeln für die Jecken hatte, wurde ich beschimpft. Danke, Ihr besoffenen Volltrottel.

Im Geschäft heute früh bekam ich jedenfalls bestimmt den Orden für besondere Hackfressen verliehen von der lustig verkleideten Belegschaft, die mir Alaaf entgegenbrüllte und lustig schunkelte. Ich hätte sie gern mit ein paar Scheiben Käse beworfen. In dem Maße, wie deren Vergnüglichkeit stieg, sank meine Laune.

Aber wie das so ist, hier, in der Nähe der Karnevalshochburgen, ist man es selber schuld und man ist ein Arsch, wenn man nicht mit der Karavane zur nächsten Tränke zieht, weil der Sultan Doosch hätt.

So. Närrinnen und Narralesen, Jeckinnen und Jecken, Clowns und andere Verkleidungskünstler, leckt mich jetzt mal alle.
Ich mache Volkstrauertag.