Wir erinnern uns, ich hatte im November des vergangenen Jahres Kontakt mit einer Sachebarbeiterin. Damals war ich verwundert über die Aussagen bezüglich der Verjährungsfristen, die langsam am Himmel aufziehen. Nach drei Jahren ist jegliches Unheil, welches in einem Hospital ablaufen kann, verjährt.
Für Konsequenzen des fürstlichen Dramas wäre dann kein rechtlicher Handlungsspielraum mehr gegeben.

Das Drama, selbst nach zweieinhalb Jahren hat es immer noch das Zeug, mir kurzzeitig das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Ich muss nur dreiundzwanzig Sekunden daran denken und alles ist in meinem Kopf, hellerleuchtet und kontrastreich.
Der Anruf, dass der Fürst auf der Straße kollabiert ist, die nächtliche Fahrt von Berlin nach Köln in nur knapp fünf Stunden, das Gefühl, dass gerade etwas wirklich Schlimmes in meinem Leben Anlauf nimmt, um mir mit voller Wucht ins Gesicht zu springen.
Die Sonne, die unbeirrt vom Himmel scheint, sich nicht darum schert, was auf diesem Planeten vor sich geht.
Der Geruch der japanischen Zierkastanien, die in rauen Mengen im Krankenhauspark stehen und blühend einen betäubenden Geruch ausströmen, dem man nicht entkommt.
Der Moment, an dem ich morgens in das Krankenzimmer komme und es ist leer. Kein Fürst, kein Gutfrisierter, kein Bett. Der Weg zum Schwesternzimmer, meine atemlose Stimme, die ein kleines bisschen lauter als gewollt fragt, wo mein Kind ist. Der Blick der Schwester, die mir sagt, er ist wieder auf der Intensivstation.
Die Entscheidung, ihn ein weiteres Mal zu operieren, wobei all seine Systeme anzeigen, dass sie vor dem Kollaps stehen. Die Weigerung, mir zu garantieren, dass er lebend aus dem OP-Bereich kommt.
Der Krankenhausseelsorger, der plötzlich neben mir steht und von meinem entsetzten Blick direkt vertrieben wird.
Der Gutfrisierte, der genau weiß, was gerade passiert, weshalb ihm Tränen kommen, die ich ihm verbiete, denn geweint wird ein anderes Mal. Jetzt nicht.
Die Stunden auf der Parkbank, mit einer Zeitung in der Hand, an die ich keinerlei Erinnerung habe, die ich aber dreimal durchlese.
Die Gesichter vom Gutfrisierten, vom Lavendelopa, der nur mit Mühe davon abzuhalten war, die komplette Mannschaft der Chirurgie zum Duell zu fordern, und von mir, die sich im Laufe der Stunden immer mehr röten, weil wir in der Sommersonne sitzen und niemand denkt über Sonnencreme nach.
Am Ende des Tages werden wir alle drei aussehen, als hätten wir einen Tag am Strand von Mallorca verbracht, wenn nicht unsere Augen in völliger Panik sprühen würden.

Das Frieren bei dreißig Grad, das Fehlen von Hunger und Durst, der stetige Drang, sich bewegen zu wollen. Die Flucht zu ergreifen. Darum im Krankenhaustreppenhaus die Stockwerke rauf und runter laufen, sonst platzt etwas in mir.
Die Fahrt mit dem Auto, immer wieder über die Brücke, jeden Tag zum Schichtwechsel. Tagsüber ich, nachts der Gutfrisierte. Das Piepen der Instrumente, das Anspringen der Alarme, das Kind, das so klein wirkt, so dünn, so leer, so weit weg, dessen ganzer Körper im Herzschlag auf und ab springt, mit neunzig Schlägen in der Minute, mit sinkendem Blutdruck, mit steigender Atemfrequenz, mit hohem Fieber. Und keiner weiß, was passieren wird.

Alles da. In Farbe.

Jetzt wäre es an der Zeit, einmal ein fertiges Gutachten der ärztlichen Gutachterkommission zu bekommen. Durchschnittlich dauert soetwas fünfzehn Monate. Und ich bin ein geduldiger Mensch und mache auch nach siebzehn Monaten kein Fass auf.
Weil der erste Gutachter aber nach knapp zwei Jahren bescheid sagte, er könne das Gutachten nicht erstellen, wurde ein neuer Gutachter bestellt. Der hat nach drei Monaten mitgeteilt, er sei befangen. Vor meinem phantasiebegabten Auge entsteht das Bild von zwei Herren auf dem Golfplatz, die anschließend noch einen Schoppen trinken.
Aber besser, er sagt, dass er befangen ist. Und die Gutachterkommission hat einen neuen Gutachter benannt. Was sieht mein erstauntes Auge da? Es ist in der Tat der Gutachter benannt, der schon beim ersten Mal zwei Jahre brauchte, um mitzuteilen, dass er das Gutachten nicht erstellen könne.

Ich rief dann bei der Kommission an. Beziehungsweise bei der Sachbearbeiterin. Und ich war, man möge es mir nicht verübeln, zu keinerlei Scherzen mehr aufgelegt. Denn ich sah vor meinem inneren Auge eine Gruppe von fünf Herren, die nach gespieltem Golf Richtung Clubhaus zogen, um sich dort einen Schoppen zu genehmigen. Wobei sie, nur am Rande natürlich, erzählten von fürstlich missratenen Blinddarmentfernungen.

„Wollen Sie mich verarschen?“, fragte ich. Mein Ton war aber nicht unfreundlich, eher interessiert.
„Warum?“, fragte mich die Sachbearbeiterin.
Ich schilderte ihr meinen Eindruck, dass ich es für Verarsche hielte, wenn man das Gutachten an den Gutachter schickt, der zuvor abgelehnt hatte, ein Gutachten zu erstellen.
„Oh! So etwas ist ja noch nie passiert!“
Nicht? Ich bin mir nicht sicher, ob ich daran glauben soll.
„Hören Sie, die Verjährung steht bald an. Sie haben deswegen gesagt, sie würden sich ein bisschen beeilen (den anderen Qutasch, den sie gesagt hatte, ließ ich einfach unter den Tisch fallen). Wenn das Beeilen ist, wie geht es dann normalerweise bei Ihnen zu? Und kommt Ihnen das nicht auch ein kleines bisschen seltsam vor, dass dieser Fall, das haarscharf überlebte Drama meines Kindes, dermaßen verzögert wird? Bin ich ein Schelm, wenn ich langsam Böses dabei denke?“
Sie konnte verstehen, dass ich ärgerlich bin und meine Wortwahl nicht mehr ganz gepflegt war, sie wolle sich auch sofort darum kümmern. Dass es ihr leid tun würde, nun, das hat sie nicht gesagt. Aber druff jeschissen.
„Wissen Sie was? Jetzt werde ich mir anwaltliche Hilfe nehmen. Und die wird sich nicht nur mit dem Fall meines Sohnes befassen sondern auch mit den Gebahren der Kommission, meine Liebe.“
„Ich leite alles sofort weiter. Sie hören morgen von uns.“
„Hoffentlich!“

Nun habe ich am Freitag meinen allerersten Anwaltstermin. Dass ich das noch erleben darf. Ich wollte schon immer einmal sagen: „Meine Anwältin wird Ihnen den Arsch aufreißen…“
Vielleicht habe ich bald die Gelegenheit dazu.
Ich wünsche es mir sehr.