Es hilft alles Diskutieren nichts. Frau Lotti sieht die Welt, wie sie ihr gefällt. Und wenn ich ihr noch so oft erkläre, dass sie die Nacht doch besser in ihrem Bett verbringt, anstatt sich an dem Esstisch sitzend und in sich zusammengesunken eine Mütze Schlaf zu gönnen. Denn nach solchen Nächten sind ihre Beine ein Graus. Und es schmerzt sie so, dass sie kaum noch einen Schritt laufen kann.

Sie ist der festen Überzeugung, sie sei in ihrem Bett gewesen und wird fuchsteufelswild, wenn ich erkläre, dass dem nicht so ist. Ihr Bett ist unberührt und sie sieht aus, als wolle sie ab morgen vielleicht sogar unter einer Brücke nächtigen.
Wie oft sie denn noch dusche, habe ich sie gefragt. Jeden zweiten Tag, so lautete ihre Antwort. Das ist nicht wahr und doch nicht gelogen. Sie hat früher sicher jeden zweiten Tag geduscht, möglicherweise sogar jeden Tag. Heute jedoch wäscht sie sich mit irgendwelchen Läppchen und traut sich nicht mehr in die Dusche hinein.
Mein Angebot, ihr zu helfen, lehnt sie brüsk ab. Denn sie duscht ja. In ihrem Kopf. In der Realität aber eben nicht. Die Dusche ist arg verstaubt und die andere Nachbarin, die sich um die haushälterischen Dinge kümmert, schüttelt besorgt den Kopf, während sie erklärt, die Dusche sei seit mindestens zwei Jahren nicht mehr genutzt worden.

Bisher war es zu tolerieren, dass sie ihre Körperpflege nur in einem Waschbecken vornahm. Jetzt kommt aber ein Problem dazu, welches Duschen eigentlich unerlässlich macht. Die Dichtigkeit funktioniert nicht mehr. Und das steigt einem mitunter in die Nase. Und es fällt auf, weil das Bett mehrmals in der Woche einen frischen Bezug braucht. Und es fällt auf, dass viel Wäsche gemacht werden muss.
Nein, ich kann all dem keinen heitern Aspekt mehr abgewinnen.
Natürlich kann man lächeln, wenn einem sehr glaubhaft und überzeugend dargelegt wird, dass Frau Lotti mit ihren Nichten beim Skifahren war. Da sie ohne Gehhilfe nicht einmal drei Schritte weit kommt, ist klar, das Skifahren war vielleicht vor fünfundzwanzig Jahren. Aber für sie war es eben am vergangenen Wochenende. Da heißt es lächeln, nicken und nicht diskutieren, denn es ist doch auch schön für sie, wenn sie glaubt, es am Wochenende richtig krachen gelassen zu haben.

Aber wenn sie glaubt, im Bett gelegen zu haben, während sie in der Realität am Tisch saß, wird das ungleich schwieriger, denn sie schadet sich damit enorm. Also habe ich mich auf eine Diskussion eingelassen. Wie überflüssig. Jede Logik verschwindet aus ihrem Leben und dann sind es alle anderen, die Märchen erzählen und sie verwirren wollen.
Auch auf meine Frage, warum ich ihr den einen Bären aufbinden wollen sollte und was mir das bringen würde, reagierte sie sehr ärgerlich. Woher sie denn wissen solle, warum ich so einen Spaß daran hätte, solchen Quatsch zu erzählen.

Also, Abschied von der Logik, Abschied von der Realität.
Wie schwierig das ist. Denn selbst nicht ärgerlich zu werden, es gelassen hinzunehmen und zu respektieren, dass hier ein Mensch auf seinen letzten Metern Lebensweg steht, die kein vergnüglicher Spaziergang sondern harte Arbeit sind, die Welt zu verlassen, wie es schon die Geburt war, anstrengend und auch schmerzvoll, das ist das Wichtigste.
Gerade muss ich lernen, dass ich es noch so wollen kann, dass sie versteht, was ich meine und sich entsprechend verhält, es aber vollkommen unnütz ist, denn ich habe es nicht in der Hand.

Morgen frage ich bei Leuten nach, die sich damit auskennen. Morgen werde ich einen Pflegedienst kontaktieren. Dann sehen wir weiter. Und wenn die nähere Verwandtschaft aus dem Leben rutscht, dann weiß ich schon ungefähr, was kommt.