Jetzt ist das große Haus seltsam leer. Nicht richtig leer. Eher verändert. Als hätte jemand etwas von seinem Platz genommen und alles andere wirkt dadurch verändert. Frau Lotti ist nicht mehr da. Und alles im Haus wirkt verändert.

Die Geburtsurkunde wird benötigt. Ein recht kleines Blatt Papier. Und niemand weiß, wo es ist. Es ist wie eine Schatzsuche.
Hunderte große und kleine Stapel mit Papieren, Briefen, Zetteln, Zeitschriften sind im ganzen Haus verteilt. In den vielen Schubladen und Schränken, auf Tischen, auf Stühlen, in Kartons, in Ordnern, in Heftern.
Stundenlang nehme ich jedes einzelne Papier in die Hand, schaue darauf, finde Kontoauszüge, private Post, Rechnungen, Mahnungen.
Winzige Zettel, auf denen kleine kryptische Botschaften stehen, die ich nicht verstehen kann, weil sie niemals für mich bestimmt waren. Und nun kommen sie in den Papiermüll. Rezepte, handgeschrieben, über Spargelcremesuppe und schwäbisches Hutzelbrot, Grünkernauflauf und der Wunsch nach neuen Hausschuhen wurden notiert.
Daten vermerkt, wer wann wo zu sein hatte, kleine Geldbeträge zusammengerechnet und Merkzettel. Unmengen von Merkzetteln, die offensichtlich ihren Dienst nicht ordentlich ausgeführt haben, wenn man die vielen Mahnungen betrachtet.

Aber keine Geburtsurkunde. Und keine Heiratsurkunde. Die wird auch gesucht, denn es gibt ein Hindernis, das die Erben zu bewältigen haben. Frau Lottis Mann, der Herr Peter der steht nämlich oben auf der Galerie direkt unter dem Fenster auf seinem Schreibtisch in einer hübschen grünen Urne.
Die Gelegenheit scheint gut, Herr Peter nun mit Frau Lotti gemeinsam in die Erde zu bringen, aber es braucht auch den Nachweis der Hochzeit.

Weiter wühlen wir in allen Unterlagen. Und immer wieder bleiben meine Augen hängen an den kleinen Notizen. So brauche ich länger, als es nötig wäre, aber ich kann sie nicht unbeachtet lassen, diese Notizen. Wer weiß, denke ich, ob vielleicht ein Schatz dabei ist.

Herr Peter starb vor einigen Jahren am gleichen Tisch wie Frau Lotti, auf seinem Platz, so wie sie auf dem ihren. Sie waren über fünfzig Jahre verheiratet. Beide ein bisschen exzentrisch, beide sehr eigen. Fast kann man sagen, zwei Seelen haben sich gefunden. Zwei Künstlerseelen.
Herrn Peter habe ich kennengelernt, kurz bevor er starb. Und jedes seiner Worte ließ erahnen, was für ein besonderer Mann er war. Bedauerlich, wie viel er schon vergessen hatte, erstaunlich, wie viel er noch behalten hat.
Zutiefst unglücklich war er, dass seine Hände nicht mehr die Musik auf dem Klavier spielen konnten, die in seinem Kopf doch noch so präsent war.

Sein Personalausweis war in einer der Schubladen, in einer anderen lag sein Führerschein, den er gemacht hatte, obwohl er das Fahren nicht mochte. Frau Lotti fuhr. Gern. Und schnell.

Weiter auf der Suche nach den Behördenpapieren nahm ich einen Stapel zerknitterte Werbeblätter aus einer Kiste. Nur Werbung, nichts besonderes. Aber ein Blatt war klein zusammengefaltet. Ich zog es auseinander.
Ein Papier mit der Gottesdienstordnung eines Krankenhauses in 2008. Da war er im Krankenhaus, der Herr Peter. Er hatte einige Herzinfarkte hinter sich gebracht. Ein schmaler, großer Mann, der sich, wie Frau Lotti sagte, von Kaffee und Zigaretten ernähren konnte.
Ich drehte das Papier herum und sah die kleine, unruhige Schrift von Herr Peter. Schwierig, sie zu lesen, dachte ich. Er hatte einen auspeprägten Tremor der Hände. Nicht nur Klavier zu spielen fiel ihm schwer, auch das Schreiben scheint eine Hürde geworden zu sein.
Ich begann zu lesen. Und fand einen Schatz.

„Nichts, was je geschah
Nichts, was seither uns begegnet sein mag
rührt an unser Innerstes:
jenes zarte schmetterlingshafte Flügelschlagen unserer Seele.

Sie macht uns Zittern ohn Unterlaß.
Sieh, ich halte dich umarmt, umfangen.
Wie man einen Schatz bewahrt.

Der aber gebietet: mich halte fest.
Ein Lebenlang fest, mit deiner ganzen Seele.

Was uns künftig begegnen wird,
nichts was uns künftig je begegnen wird

unsere Seele ist es, die uns zittern lässt“