Vorgestern lag im Briefkasten ein Zettel. Kreti und Pleti, Kinder der Nachbarn gegenüber, wobei nur einer der Beiden ein echtes Kind selbiger ist, sonst würde das doch gar nicht gehen, werden heiraten. Und darum wird im Vorfeld gepoltert.
Und gerade jetzt ist das Gepolter in vollem Gange.

Die werfen mit Waschbecken (hierbei stelle man sich eine angehobene Stimme und eine ebensolche Augenbraue meinerseits vor).
Und das poltert, mein lieber Herr Gesangsverein, wie das poltert.
Warum machen die das? Soll es dafür sorgen, dass die Ehe besonders glücklich wird? Heeeh, Baby, schau mal, Waschbecken, Glück allein!!
Spätestens, wenn es um den Klassiker, Zahnpastarotz, angetrocknet direkt neben dem Abfluss, geht, wird sich das Waschbecken als Stolperfalle der Ehe erweisen.
Wenn mit Waschbecken geworfen wird, warum nicht mit Kloschüsseln? Gehört sich das vielleicht nicht? Weil es bedeuten könnte: Ehe? Druff jeschissen!
Oder wie?

Warum hatte ich keinen Polterabend? Vermutlich, weil ich den Gutfrisierten zur Ehe genötigt habe. Zwangsehen haben keinen Polterabend verdient.
Ja, er wollte nicht. Er hatte Angst vor der Ehe. Ehemänner, so behauptete er, bekommen eine Glatze und einen Schmerbauch. Jetzt, knappe achtzehn Jahre später, lässt sich diese Theorie noch nicht endgültig beurteilen.
Das mit dem Bauch hat bei ihm nicht funktioniert, nach drei Schwangerschaften habe ich das übernommen. Ausgeleierte Teigtasche, herzlos ausgedrückt. Selbstliebend und esoterisch korrekt sollte es: „Raum der ehemaligen Fülle des Lebens“ heißen. Habe ich mir so ausgedacht.
Zum Glück habe ich nicht auch noch die Sache mit dem Haarausfall gebucht. Das hat er übernommen. Wobei er nicht glatzig wird, sondern eher seidig dürftig.
Ich bin mir aber sicher, das wäre ihm auch ohne Ehe widerfahren.
Eine Stunde musste ich damals im Kölner Stadtwald auf ihn einreden, bis er notgedrungen ja gesagt hat. Damals musste das Kind beim Jugendamt noch anerkannt werden. Und die Mutter hatte alle Rechte und der unverheiratete Vater keine. Einmal haben wir das unangebrachte Gespräch mit der Jugendamtsmitarbeiterin geführt, bei dem ich gefragt wurde, ob ich innerhalb der drei Monate rund um den Schwangerschaftsbeginn nicht doch andere körperliche Kontakte hatte.
„Mach ich nicht mehr, sowas, lass ich mich nicht noch mal fragen!“, habe ich danach gesagt.
Und weil ein zweites Kind angedacht war, so argumentierte ich, kann man auch mal heiraten.
Und Geld sparen.
Und wenn ich tot bin, gehört ihm alles vom Nix, wo ich habe.
Doch, die überzeugenden Argumente waren alle auf meiner Seite.

Darum haben wir geheiratet. Aber keinen Polterabend gehabt. Oder Junggesellenabschied. Oder sonstigen traditionellen Kram. Und während der Trauungszeremonie des Standesbeamten fragte ich mich, warum um Gottes Willen, dreiviertel aller Hochzeitsgäste in Schwarz kamen? Und dann hörte ich das Atmen meiner Schwester hinter mir, das mir eindeutig mitteilte, wie sehr sie mit einem Lachanfall kämpfte. „Was passiert, wenn ich jetzt nein sage?“, sorgte dann meinerseits für hysterische Zustände, weshalb ich auch nicht mitbekam, was der Beamte alles erzählte. Außerdem hing der Fürst unter dem Schreibtisch des Beamten und knibbelte an dessen Hosenbein. Mit einem Jahr darf man das.
Dann kam die Sache mit dem Küssen.
Und ich verabschiedete mich aus der Wirklichkeit. Denn ich sollte den Gutfrisierten küssen, sagte der Beamte, was ich auch gern tun wollte. Der Gutfrisierte aber sagte dauernd: „Mir schmerzen die Knie!“.
Sehr eindringlich flüsterte er das. Und ich dachte, er ist genauso durchgeknallt wie ich und kämpft mit Absonderlichkeiten der Phantasie.
Bis mir aufging, was er wollte.

Dazu muss ich erwähnen, ich hatte mir für die Eheschließung meine ersten und einzigen und nie wieder getragenen hohe Hacken gekauft. Und damit überragte ich den Gutfrisierten um gute zehn Zentimeter.
Darum bat er mich möglichst unauffällig darum, etwas in die Knie zu gehen, auf dass er sich nicht ganz so zu meinen Lippen hinaufrecken müsste.

Als mir das klar wurde, habe ich mir den ersten Contenancepreis des britischen Empires verdient. Ich habe mich nicht am Boden gewälzt. Und ich habe nicht gebrüllt vor Lachen. Ich habe weiter geatmet, mich ein klein wenig gebückt und ihn auf Augenhöhe geküsst.

Und anschließend das Kind unter dem Schreibtisch vergessen. Aber das habe ich, glaube ich, schon einmal erwähnt. Vielleicht habe ich das alles auch schon einmal zweimal erzählt. Aber es ist eben naheliegend, sentimentale Erinnerungen auszugraben, wenn nebenan mit Waschbecken gepoltert wird.