Es folgt ein Ausflug in die Abteilung Selbsthilfe ohne Gruppe. Eine Anleitung zum Ertragen unangenehmer Dinge.

Es gibt Sachen, die kann man mitunter nicht umgehen. Die müssen gemacht werden. Natürlich gehören solche Dinge wie Kloputzen dazu. Ich bin familienintern der Experte im Bereich Badreinigung und bedaure dies mitunter zutiefst. Aber leider putzt keiner das Klo so schön wie ich. Danach blinkt und blitzt es und alle haben wieder richtig Lust, auf`s Klo zu gehen und sich mit Freude zu entleeren. Auf dass ich es möglichst schnell noch einmal mache reinigen muss.

Nein, ich tue es nicht gern. Es gehört zu den unangenehmen Dingen. Mitunter sehr unangenehm, wenn die männlichen Einwohner hin und wieder ihre Unabhängigkeit und Stärke dadurch demonstrieren müssen, dass sie sich nicht auf die Toilette draufhocken, sondern davor stellen und zielstrullen spielen.
Ertragen lässt sich das eigentlich nicht. Da hilft nur, den Putzfeudel weiterzureichen und höflich, mehr oder weniger, darauf hinzuweisen, dass man dafür keinesfalls zuständig ist, die Strullertropfen von bornierten Pubertisten wegzutupfen. Wenn aber keiner da ist, der den Feudel übernimmt, dann malt man sich einfach einen Aufenthalt an der Südsee aus.
Da braucht es kein Klo, da macht man hinter die Palme, bisschen Sand drüber und gut ist. Und während man hier reinigt und dort wienert, ist man in Gedanken dabei, eine Kokosnuss zu vernaschen und kleine Wellen an den Füßen zu spüren bevor der Hai kommt und einem die Beine knapp unter dem Knie abkaut, huch, was war denn das?.

Und dann gibt es noch diese Sachen, mit denen man fertig werden muss, die nicht einfach nur unangenehm sind. Die richtig blöd sind. Saudoof. Vor denen man sich fürchtet.
Vergleichbar mit früher. Damals, Ende des zweiten Halbjahres, die vierte Mathearbeit, die vierte Fünf und dann beim gemeinsamen Abendessen die Frage: „Und? Mathe zurück?“.
Da hat man schon den ganzen Abend auf seinen Teller gestarrt, um nur keinerlei Anlass für irgendwelche Frage zu geben und dann erwischen sie einen doch. Mit drei Worten bist Du so vor die Wand gerauscht, dass Dir ganz schwindelig wird und Du nicht weißt, ob Du sofort stirbst oder erst, wenn Du „Ja“ gesagt hast.
Dämlich ist es, „Nein“ zu sagen. Nach fünf Wochen glaubt das niemand mehr. Natürlich habe ich nein gesagt. Aber es kommt immer raus. Jede Fünf. Sie kamen alle zum Vorschein. Und wenn das Gezeter losging, warum denn jetzt schon wieder und wie das sein kann und dass es eigentlich nicht sein kann, half damals schon: Die Südsee.
An einen Strand denken, an dem die Sonne auf dem Meer funkelte, man sich eine Zigarette ansteckte, weil man in diesen jungen Jahren meinte, es sei der gute Qualm der Freiheit, welcher einer Kippe entwich und in der Ferne eine wunderbar gutaussehende männliche Gestalt, die langsam durch den weißen Sand immer näher gekommen wäre um sich auf den Boden vor meine Füße zu wefen und zu rufen: „Liebe mich, ich kann ohne Dich nicht sein, Du allein, sei mein!“ bekannt zu machen.

In der vergangenen Woche hat mir aber die Südsee den Dienst verweigert. Ich habe versucht, dort hin zu kommen und mir wahlweise fesche Burschen, riesige Eisbecher und eine Hängematte imaginiert. Der Erfolg war nicht. Nicht da. Ich konnte es nicht.
Es war unangenehm. Denn mein Kopf beschäftigte sich die ganze Zeit mit den anstehenden Unannehmlichkeiten.
Wie in einem Hamsterrad drehten sich die Gedanken immer nur rum und rum und rum und rum. Sehr unbefriedigend, wenn die Flucht nicht gelingt.
So saß ich zum Zweck der Überlegung, ob ich nicht doch der Situation aus dem Weg gehen könnte, auf dem Bahnhofsvorplatz und wartete vor mich hin. Abhauen? Nicht abhauen? Doch? Nein? Bleiben und durchziehen? Abhauen und so tun, als wäre nichts gewesen? Keinem erzählen, dass ich gekniffen habe? Allen erzählen, dass ich kneifen wollen würde?
Logisch an die Situation herantreten. Was kann passieren? Nichts. Was kannst Du erfahren? Naja. Unerfreuliches. Aber vielleicht auch nicht.
Ist es besser, die Dinge zu wissen?

Ja. Gesundheitliche Belange. Es stand ein MRT an.
Der Kopf. Hin und wieder mal nachschauen, ob es noch Hirn gibt. Oder ob es schon in die Südsee gezogen ist.
Irgendwann nahm ich mein internetfähiges Smartphone und wischte darauf herum. Und dann konnte ich doch abhauen. Innerlich zumindest. Mit Lesen. Ich las bei Annika herum und um ein Haar wäre ich so abgetaucht, dass ich den Termin verbummelt hätte.
Und weil ich las, wie sie sich mit ihren Chefs herumplagt und wie sie in Berlin lebt, in diesem anderen Universum, auf irgendeine Weise verbunden in dieses meine Universum, dachte ich, ich bin jetzt nicht an der Südsee, ich bin in Berlin. Und ich trage Businesskleidung und gehe in mein Büro und dort arbeite ich viel und heftig und rauche ganz mondän eine Zigarette und trinke nach der Arbeit in einem Club einen Cocktail.

So gestärkt, wanderte ich in diese Röhre hinein.
Als ich den Kopf in dieses enge Ding quetschte, ein Gitter wie beim Torwart einer Eishockeymannschaft über das Gesicht gestülpt bekam und dann hineinruckelte, stellte ich mir mit aller Kraft vor, ich sei in der großen Stadt. In der ganz großen.
Es war schwierig. Denn wenn man in einem Gerät liegt, das Geräusche macht, als sei eine Horde Wale auf Speed, als würde eine Massendemonstration von unrund laufenden Presslufthammern unter dem eigenen Hintern stattfinden, als hätte mein Lieblingsfreund seinen Bass ausversehen auf Stadiongröße aufgeblasen und dann mit einer Kettensäge bearbeitet, kommt einem die Phantasie abhanden.
Darum habe ich angefangen zu rechnen.
Das kleine Einmaleins. Dann das große. Hin und her. Sechs hoch vier. Die binomischen Formeln auswendig aufsagen und im Kopf nachrechnen, ob es stimmt.
Den Satz des Pythagoras herauskramen und von allen Seiten betrachten. Über die Zahl Pi nachdenken.

Und da war es auch schon vorbei.
So schlimm war es gar nicht. Und das Ergebnis war auch nicht schlimm. Ich habe ein Hirn. Wie erfreulich.

Was ich aber einfach bei all dem nicht verstehe: Warum, zum Geier, befasse ich mich in Zeiten der Angst mit dem, was mir früher am meisten Angst gemacht hat? Das ist doch wieder so ein psychologischer Schnickschnack, den ich mir da leiste.

Hirn

(Ich habe ein Foto von meinem Hirn! Das ist doch total irre! Aber guckt mal, links ist ein Fjord. Und rechts eine Beule. Und meine Ohren sehen aus wie Schrankbeschläge. Und meine Nase wie eine Tigernacktschnecke. Das ist doch bestimmt nicht normal. Oder?
Außerdem sieht so auch der Hintern meiner Schwester aus. Weil, wir sind ein Kopp, ein Arsch.)