Schreiende Milch

 

Nach all den Wochen der Enthaltsamkeit, der Askese, des Fastens, ist es eine gute Sache, einen Becher mit Kaffee (wobei es einer mit ohne Koffein sein muss, weil ich sonst wieder völlig außer Rand und Band gerate, womit keinem geholfen ist, am wenigsten mir selbst!) und wunderbarem Milchschaum zu genießen.

Erschütternd ist aber, wenn der Milchschaum das für keine gute Idee hält, verspeist zu werden. Und seinem Missfallen und Entsetzen lautstark Ausdruck verleiht. Ich habe selten einen so verstörten Milchschaum erlebt.
Und war fast geneigt, ihn davonkommen zu lassen. Dann aber siegte meine Gier und mit einem eleganten Dreh eines Löffels beendete ich die Angelegenheit.
Ich kann so herzlos sein.

Als das zweite Osterwunder kann ich vermelden, dass gestern eine Osterwanderung unternommen wurde. Gut. Einer ist ausgeschert und hat sein pubertäres Desinteresse demonstriert, indem er im Bett blieb und bei der Rückkehr am späten Nachmittag immer noch dort aufzufinden war, in derangiertem Zustand. Was kein Wunder ist, wenn man abwechselnd geschlafen und am Computer gedaddelt hat. Da wirken die Augen wie nach einem ausgiebigen Drogenabusus.
Aber Wolkenköpfchen und der Fürst nebst Damenbegleitung wollten mitlaufen, für Freude und Frieden und Ostern.
So wanderten wir. Geplant war erst einmal, einer echten Wanderroute zu folgen. Dafür gab es aber nur ein Wort. Langweilig.
Darum schlugen wir uns schon nach wenigen Metern in die Büsche und folgten einer wohl eher für Mountainbiker ausgelegten Strecke.
Es war steil. Sehr steil. Und auf der anderen Seite ging es ebenso steil wieder herunter. Das ist nicht gut für Knie. Rauf ist nicht gut für das Herz, das klopft in der Brust, als wolle es gleich platzen. Oder wahlweise stehenbleiben. Runter rumort das Knie und jammert und flucht, weil die arthritische Kniescheibe an irgendwelchen harten Strukturen entlangschrabbt, die weit entfernt vom eigentlich angestrebten Gleiten im Gelenk sind.
Bei der folgenden Wegstrecke entlang eines recht breiten und zum Teil auch tiefen Baches war die Hüfte unerfreut, denn es ging über viele vom Hang daneben abgestürzte und wüst herumliegende Nadelgehölze. Oder darunter durch. Jedenfalls mussten die Beine ordentlich geschwungen werden.

Als großes Highlight kam dann der Uferwechsel. Man wollte auf der anderen Seite des breiten und tiefen Baches zurückwandern, denn umdrehen machen nur Weicheier, wie ich mir sagen lassen musste. Man habe ja schon alles gesehen und dann nochmal den Weg, das sei richtig scheiße. Auch meine Anmerkung, man würde ja alles aus einer ganz anderen Perspektive betrachten und darum gänzlich neue Eindrücke gewinnen, wurde abgeschmettert.

Über den Bach war eine Buche gestolpert und hatte sich dann zum Ausruhen liegen lassen. Über diese Buche sollte der Weg an das andere Ufer führen.
Der Gutfrisierte kletterte todesmutig auf den nicht ganz so breiten Stamm, teilte mit, dieser sei gar nicht rutschig und balancierte wie eine Elfe hinüber.
Ich überlegte alleweile, was passieren würde, wenn er trotzdem abrutschen täte. Er würde mit dem Schritt auf dem Holz aufschlagen, ein „Uff“ würde sich aus seinem Halse zwängen und er in Zeitlupe langsam zur Seite kippen, um dann in mit einem zarten Klatschen in die Fluten zu stürzen.
Wie sollte ich den schlimmsten Lachanfall meines Lebens unterdrücken? Und wie mit dem ewigen Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung umgehen?
Was für ein Glück für ihn, für uns, für unsere hin und wieder sowieso schon strapazierte Ehe, dass er unversehrt das andere Ufer erreichte.

Es folgte das Wolkenköpfchen, welches die Taktik des Rüberrutschens wählte. Es klammerte sich wie ein Äffchen an den Stamm und rückte Stück für Stück vorwärts. Das war recht problemlos, nur die Hose änderte die Farbe von blau zu grün.

Der Fürst tat es seiner Schwester nach. Erst wollte er es wie der Vater machen, draufstellen, ausbalancieren und dann hinübertänzeln. Aber schon nach dem ersten Schritt ging er auf alle Viere, schaute verdattert und meinte: „Oha, null Gleichgewichtssinn!“.
Wie gut, dass er nicht Dachdecker wird. Dann robbte auch er hinüber.

Seine Freundin machte es genauso, quietschte zwischendurch, als am Ende des Baumes doch noch feuchte Matsche übrig war und sie in selbiger fast bis zum Knöchel versank.

Und dann war es mein Turn. Ich musste den gefährlichen, reißenden Bach überqueren. Ich hatte nur gar keinen Bock dazu. Aber was soll man machen. Alle anderen waren drüben, sogar der Hund, wobei der durch das Wasser gelaufen war und darum heute noch nach fiesem Fisch riecht. Oder so etwas in der Art.
Ich überlegte, ob ich die Schuhe ausziehen und barfüßig durchlaufen sollte. Im Sommer hätte ich das getan. War aber nicht so warm. Und das Wasser auch nicht so flach. Eher bis zur Wade. Oder fast bis zum Knie. Gut, es war nicht der Rhein. Aber es war auch kein Rinnsal.
„Jetzt mach halt!“, kam es von der anderen Seite. Also setzte ich mich auf den Baumstamm und ruckelte langsam und vorsichtig hinüber. Meine Schenkel klemmten sich an den Baum, dass der vermutlich dachte, jemand wolle in zerquetschen. Oder auch nicht, totes Holz denkt vielleicht nicht mehr ganz so viel. Aber der Moosbewuchs, der war sicher nicht erfreut, weil ich ihn mir in die Jeans massierte.
Und dann entwickelte sich meine Familie zu miesen Arschlöchern. Verbrechern. Schweinen. Sie taten das Unglaubliche. Nein, sie liefen nicht weg und ließen mich auf dem Baum hocken. Sie fingen auch nicht an zu drängeln. Gut, sie lachten ein bisschen, aber das war mir schon vorher klar.
Es wurde ein Smartphone aus einer Jackentasche geholt. Muss ich noch mehr sagen?
Ich werde sie alle töten, wenn dieser Film auf Youtube auftaucht. Ich schwöre es.

Wobei ich später, zuhause, in der sicheren Geborgenheit meines Bettes, den Film bei näherer Betrachtung doch recht gut gelungen fand und meiner Schwester zur Ansicht schickte.
„Hihi“ lautete ihr Kommentar.
Nicht etwa „Elegant!“ oder „Alle Wetter, und das in deinem Alter!“.
„Hihi“

Es reichte dann auch so langsam und nach nur vier Stunden sind wir wieder heimgefahren und haben vorher noch im Imbiss Sachen gekauft, die sämtliche Energie- und Fettreserven umgehend wieder aufgefüllt haben. Für den Fall, dass weitere Osterwunder stattfinden.
Denn der letzte Marsch mit dem Fürsten, einem gutgelaunten Fürsten, lag sicher mehr als vier Jahre zurück. Möglicherweise kommt Killerdog ein bisschen früher wieder aus dem Quark, wo er schon freiwillig das Bad geputzt hat und dann gibt es am in Bälde eine Friede-Freude-Eierkuchen-Wanderung der kompletten Familie.

Ob ich dann aber nochmal einen Bach mit ohne Brücke überquere, das sei dahin gestellt.