Das ist eine Tatsache.
Hätte, würde, täte, nützt alles nichts. Was rum ist, das ist rum.
Aber es gibt immer wieder Momente in meinem Leben, da frage ich mich wirklich in Großbuchstaben:

WARUM DENN KÖCHIN?

Gern auch mit diversen Zusätzen wie: zum Geier, verdammt juchhe, und wenn es ganz schlecht läuft, dann gröhlt sich ein „Verfickte Scheiße“ dazu.
Ich habe einige Qualitäten, die in diesem Beruf völlig ungenutzt bleiben und das ist sehr schade.
Zum Beispiel das mit den Babys.
Ich wollte ja gern Hebamme werden und habe Praktika gemacht und war bei einer kleinen Menge Geburten dabei. Mittlerweile sind es so um die dreißig Geburten, die ich erlebt habe. Ich glaube, das hätte ich ziemlich gut gemacht.
So ist das aber leider nicht gekommen. Als ich Hebamme werden wollte, da war ich schon fertige Köchin. Und es war wirklich ein Herzenswunsch. Nur, wenn auf fünfzehn Ausbildungsplätze nun eintausend Bewerber kommen, stehen die Chancen schlecht. Schicksal? Nein. Nur einfach verdammtes Pech.

Und ich wollte ganz früher Krankenschwester werden. Das sei eine brotlose Kunst. Das Lieblingsargument der elterlichen Erziehungsgewalt. Vorgesehen war ja, Abitur zu machen, zu studieren, Akademiker zu sein und dann Geld zu verdienen. Viel Geld.
Nur kommt so etwas nicht von allein. Und wenn man sich als Eltern zurücklehnt, hauptsächlich mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist und diese mit Hilfe von einem Gläschen oder drei zu lösen versucht, kann man nicht unbedingt erwarten, dass sich Vorgesehungen auch erfüllen.
Vielmehr passiert etwas ganz anderes. Alleingelassene Jugendliche, sage ich nur. Ach, lassen wir die ollen Kamellen.

Ausgerechnet Köchin. Weit weg von Akademikern. Ein Beruf mit Blut, Schweiß und Tränen. Und Schimpfwörtern aus aller Herren Länder. Wenn ich wieder einmal lese, dass die Ausbildung Koch/Köchin diejenige mit den meisten Abbrechern ist, denke ich jedesmal: Überraschung!!! Da kann sich doch keiner ernsthaft drüber wundern. Sechzig Stunden die Woche, Teildienste, Wochenenddienste, extrem schlechte Bezahlung, rüdester Ton, in der Armee kann es nicht schlimmer sein und immer wiederkehrende sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz.
Selbst während meiner Gesellenprüfung wurde ich von einem der Prüfer, einem alten Sack von Mitte siebzig, angegangen. Damals trug ich mein Haar lang und rot. Und ich musste in der Prüfung Kräuterrahmsüppchen mit Lachsnockerln herstellen. Als ich versuchte, eine Lachsfarce zuzubereiten, ist mir der Mixer ein bisschen aus der Bahn gelaufen und ich hatte ordentlich Fisch im Gesicht. Und in den Haaren. Das nahm der Prüfer zum Anlass, mir feixend zu sagen, ich wäre ja eine ganz Schlimme. Ich hätte Sperma im Haar.
Ach, lassen wir die ollen Kamellen.

Mein Versuch, eine Heilpraktikerin zu sein, würde ich auch als gescheitert betrachten. Es war nett und ich habe viel Geld zum Fenster herausgeblasen investiert. Ich habe jede Menge gelernt über Körper und Medizin und seltsame Menschen. Das war spannend aber letztlich völlig erfolglos.
Aber lassen wir die ollen Kamellen.

Nur weil ich Köchin bin, konnte ich die Fische auch relativ undramatisch (also für mich, nicht für die Fische) von ihrem Leiden erlösen. Wir erinnern uns, die Fische, die im Zimmer des jugendlichen Helden, des Adligen vor sich hinschwabberten, in einer grünen Soße mit wenig Sauerstoff.
Ich hatte noch versucht, ein Asyl für sie aufzutun, aber selbst von einem großen Fischfreund und Aquarianer wurde die Empfehlung ausgesprochen, sie von ihrem Elend zu erlösen. Und weil ich auf Salzlösung und Kälte und was weiß ich, nicht wirklich Lust hatte, habe ich die gute, alte Kochmethode angewendet. Raus aus dem Glas, einmal schnapp, Kopf war ab. Keine Sekunde.
Gut, das Drama darüber, dass ich das mit meinem Karma versaut habe, weil ich sechs Fischen in genausovielen Sekunden die Köpfe mit einer Haushaltsschere abgetrennt habe, muss ich aushalten. Es wird mir auch von Killerdog im fünfundvierzig Minuten Rhythmus vorgehalten. Er findet mich schlimm. Sehr schlimm.
Und der Adlige wurde von mir dazu gezwungen, eine standesgemäße Beerdigung mit Grabsteinaufstellung (die Nachbarskatzen, die buddeln alles aus!) zu vollziehen.
Nur, karmamäßig habe ich mir wirklich Sorgen gemacht.

Aber heute habe ich gepunktet. Fett gepunktet, möchte ich meinen.
Als ich mit dem Auto durch ein Nachbarkaff fuhr, wir kamen gerade aus dem dortigen Wald, meine Freundin, unsere Hunde und ich, stand ich an der Ampel. Als sie grün wurde, bog ich rechts ab. Und siehe da, die Dame, die eben noch auf dem Fahrrad vorbeikam, lag nun unter selbigem auf dem Bürgersteig herum.
Ich habe angehalten, Warnblinker an, raus aus dem Auto und gleich mal geguckt, was Sache ist. Schlecht wäre ihr geworden, sagte sie, rappelte sich wieder auf, nur um fünf Sekunden später mit starrem Blick und verkrampftem Körper wieder aus den Pantinen zu kippen. Also mal liegen lassen, Beine hoch, Puls tasten, Rettungswagen rufen, auf Atemwege achten, ansprechen, Hand halten, Kopf tätscheln, das ganze Programm. Es kam noch eine Krankenschwester vorbei, die ambulant unterwegs war. Herrjeh, die maß den Blutdruck und ihre Fingerchen zitterten, dass ich dachte, na, das sollte aber mit etwas mehr Lässigkeit von statten gehen.
Und da fing dann das Gedankenspiel über verfehlte Berufe nach. Ich glaube nämlich, ich hätte auch gut Rettungsfritzchen werden können. Letztes Jahr, ich sang im Chor bei der Konfirmation einiger junger Leute, war es ja sehr warm und da kippte einer der Konfirmanden um, wie ein gefällter Baum.
Und ich bin dann sofort auf Autopilot. Aufspringen, hinrennen, Lage checken, loslegen. Überlegen tue ich nicht. Also überlegen im Sinne von „Soll ich? Muss ich? Macht ein anderer?“.
Wie gesagt, es macht mit mir, ohne dass ich daran etwas ändern kann.
Die Krankenschwester mit den zitternden Händen, die wäre vielleicht auch lieber etwas anderes.
Also meine Hände haben nicht gezittert. Ich hatte keine Angst und war auch nicht nervös. In Krisensituationen bin ich ziemlich belastbar. Kotzen tue ich später. Oder wenn ich einen Thunfisch ausnehmen muss. Oder vierzig Gänsen den Hintern zunähen, damit die Füllung nicht rauspurzelt.

Ich vermute, mit meiner heutigen Erste-Hilfe-Aktion habe ich mein Karmapunktekonto doch ein bisschen aufstocken können.
Es bleibt die Frage:

Was soll aus mir noch nur werden? So rein beruflich.

(Gut, es gibt Menschen, die kommen auf die Idee, meine Mousse au chocolate und meine selbstgemachten Pralinen seien Grund genug für die Ausbildung zur Köchin und dafür habe es sich allemale gelohnt. Ich bin nicht sicher. Und andere Familienmitglieder, die mit Abitur und Studium und Promotion, die wären auch viel lieber Tierarzt für Großtiere. Ich empfehle: Der Doktor und das liebe Vieh.
Gibt es eigentlich Menschen, die genau das machen, was sie machen wollen? Beruflich. Und nicht lieber Rockstar wären?
Wobei mir einfällt, dass ich mir ja durchaus noch einmal in den Arsch treten könnte, weil ich damals seinerzeit mit dieser verdammichten Kochausbildung angefangen habe, anstatt nach Essen zur Volkwangschule zum Vorsprechtermin wegen eines Schauspielstudiums zu gehen. Brotlos? Na klar.)