Mein Kopf sinkt immer tiefer zwischen meine Schultern, meine Hängebäckchen rutschen fast bis auf die Schlüsselbeine und meine Mundwinkel sind wieder einmal in einer Kanzlerinnen-Gedächtnis-Position.
Die ganze Körperhaltung drückt aus, was in Kopf und Seele, in Verstand und Gefühl vor sich geht.

Wie lange muss ich das noch ertragen?

Es gibt natürlich Momente. Momente, die von einer besseren Zukunft künden. Momente, die eine Versprechen gleich in mein Leben eingestreut werden. Sie zeigen, was sein wird. Irgendwann. In Äonen von Zeiten.
Wenn die Menschheit den Mars besiedelt hat. Vielleicht dann.
Aber bis es soweit ist, bleibt es, wie es ist und dauert an. Und dauert. Täglich. Jeden Tag. Wirklich immer. Immer soll man ja nicht sagen. Also bei Tests nach dem Multiple choice Verfahren sind Antworten, in denen Immer steht auf jeden Fall immer falsch. Es gibt das Immer trotzdem.

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Immer wieder sage ich: Räum`deine Schuhe weg, lass`deine Schuhe bitte nicht vor der Treppe stehen, wegen der Unfallgefahr, wenn man, in diesem Falle immer und stets ich, bepackt wie ein alter Esel mit Wäsche, Leergut und ollen Handtüchern, die Treppe nicht einsehend, herunterkommt.
Und immer wieder sage ich: Stell`die Schuhe auf den schmutzfangenden Teppich, der exakt auf Schuhgröße bemessen, am Rand liegt und die Schuhe von untern herrlich anwärmt, auf dass sie nicht auf dem kalten Steinboden stehen müssen.
Stell`deinen Ranzen hoch, das sage ich seit über dreizehn Jahren. Dreizehn Jahre. Wieviele Tage sind das? Wie oft habe ich es gesagt? Tausende Male.
Und häng`deine Jacke auf. Häng`doch einfach die Jacke auf, dann muss am nächsten Morgen auch nicht gejammert werden, dass die Jacke nass ist. Wenn sie hängt, dann trocknet sie. Von allein sogar, man muss nichts machen. Man muss sie nur aufhängen. Sonst nichts.

Wie lange wird sich mir dieser Anblick noch bieten, nachmittags, wenn die Sonne schon über den Zenit ist und die Arbeit getan?
Wie lange?
Und wie oft werde ich noch seufzen und all diese Sachen sagen?

Melancholie macht sich breit und ich hänge Gedanken nach, wie „Wenn sie alle weg sind, dann wünsche ich mir, dass jemand seine Sachen in den Flur wirft.“, oder auch „Wenn jetzt einer von ihnen bei einem Unfall sein Leben lässt, dann würde ich mir doch wünschen, derjenige könnte seine Sachen in den Flur werfen!“.
Es ist aber grottenanstrengend, das Leben immer in die Relation zum Tod zu stellen.
Ich glaube auch, dass keiner von den Hottentotten (darf man das noch sasgen oder ist das nicht korrekt?) denkt, wenn die Olle morgen den Löffel abgibt, wünsche ich mir, sie würde mich nochmal anpflaumen.

Doch. Diese Melancholie breitet sich weit aus in meiner Seele. Sie lässt meine Speckrollen erbeben und drückt mich tief ins Sofakissen.
Und beheben lässt sich so eine Melancholie nur mit einem Mittel.

Eis.

Leckeres und süßes und kühles Eis, das zart in meinem Mund schmilzt und mir Zucker durch die Venen schießt. Es macht mich lächeln und entspannt mein Gesicht, zieht meine Mundwinkel gen Himmel, es erfüllt mich mit Glück und Freude.
Und? Dann? Nach dem Gedanken an das Gefrorene will natürlich die Tat folgen. Da ist es nicht von Interesse, das es hellichter Mittag ist und noch keineswegs die Uhrzeit erreicht, an der ich persönlich das Essen kalter Köstlichkeiten für schicklich halte.
Ich brauche Trost, ich brauche, Glück, ich brauche Eis.
Und so gehe ich zum Kühlschrank, weil ich genau weiß, in der Abteilung Tiefkühl steht ein Behältnis, noch dreiviertelvoll, nur für mich allein. Für mich.
Um meine angerauten Stimmbänder zu beruhigen mit sahnigem Schmelz, ihnen Entspannung zu verschaffen nach den Strapazen, denen sie im Flur ausgesetzt waren.

Bin ich blöd? Es war noch Eis da. Gestern Abend war Eis da. Ich weiß es. Es war da. ES WAR DA!!
DADADADADAAAA!
Es war wirklich da. Und jetzt ist es weg. Es ist einfach nicht da. NICHT. DA.
Mein Eis. Mein sahniges, cremiges, wunderbares Eis. Mein Trost, meine Wonne, mein Ersatz für alles, was ich nicht habe, nicht kriege, nicht schaffe.

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Und als ich es finde, als ich zumindest das Gefäß finde, in welchem sich meine göttliche Speise einmal befunden hatte, bin ich froh, dass der Eigentümer des Zimmers, in welchem es sich befindet, noch nicht von der Arbeit heimgekehrt ist. Sonst würde sich die Sache mit dem Leben und dem Tod noch einmal in ganz anderer Weise darstellen.

Mein Eis. Es war mein Eis. Und nun steckt es in einem sehr spätpubertierenden Körper, hineingstopft ohne Gedanken. Ohne Genuss. Nur mit der Gier, die einem jugendlichen Wesen inne wohnt. Zwischen Dreck und Müll, Abfall und Unrat und getragener Unterwäsche steht dieses ehemalige Versprechen von Seligkeit und klebt am Dielenboden fest.

Ich bin traurig und die Melancholie schwemmt jeden Zorn hinüber in das Badezimmer, wo die Wut und der Ärger sich in die Toilette ergießen, was auf Grund des offen stehenden Klodeckels schneller geht als ich atmen kann. Meine Tränen tropfen auf die auf dem Boden herumlungernden dreiundzwanzig Handtücher und meinen Kopf möchte ich nicht auf dem Waschbecken ablegen, damit ich nicht nachher im Geschäft, wo ich mir, wenn ich mich ein wenig gesammelt habe, eine neue Eiskreation erstehen werde, Zahnpasta an der Rübe habe. Oder Seifenreste. Oder die langen Haare fremder Mädchen. Oder weiß der Geier was sonst für widerliche Widerlichkeiten.

Scheißtag. Echt.