Hier im Kaff ist das Brauchtum.
Gnadenlos ist es, dieses Brauchtum. Es wird schon vorher angekündigt, damit man weiß, es ist wieder soweit, es wird wieder gebrauchtumt, wenn man sich überlegt, wie man den Morgen des ersten Mais verbringen möchte. Nachdem meine Gedanken ein wenig abgeschweift waren, dahingehend, dass es Menschen in meiner Umgebung gibt, die Mais nicht mögen, aber auch welche, die ihn abgöttisch lieben, auf der Pizza, im Salat, ohne alles und ich ein bisschen Gehirnschmalz auf grammatikalische Überlegungen verschmierte, wann ein Genitiv aus einem Monat ein Gemüse machen kann, möchte ich zum Ursprung zurückkehren. Ich muss wirklich an meiner Konzentrationsfähigkeit arbeiten und mir eventuell eine Fläschchen von diesem Alte-Leute-Schnäpperken besorgen, welches Denkvermögen und Merkfähigkeit steigert. Davon kann ich den Kindern abgeben, denn es hilft auch bei Stress im Studium. Wie hieß der edle Tropfen noch gleich? Ich komme nicht drauf. Irgendwas mit Strom.

Wecken zum ersten Mai. So lautete die Ankündigung. Und wer hier länger als einen Mai lebt, der weiß, was das bedeutet. Es laufen lustige Leute durch den Ort und machen Geräusche. Es ist ähnlich wie bei Karnevalsumzügen. Querflöten, Blechbläser, ein senkrechtes Xylophon und die kleine und die dicke Trumm werden herumgetragen und bearbeitet. Heraus kommt volkstümliche Musik, Melodien, die man kennt.
Der Mai ist gekommen, Freut Euch des Lebens, Der Kuckuck und der Esel, um nur einige der Instrumentalstücke zu nennen.

Das erste Mal krochen die Geräusche um sieben Uhr und dreißig Minuten in mein Ohr. Aus der Ferne kamen sie, schlichen sich durch das gekippte Schlafzimmerfenster herein und verursachten mir eine Verwirrung.
Denn ich hatte mir für den heutigen Morgen ein ausgiebiges Ausschlafen verordnet, in der Hoffnung, diese lästige Erschöpfung in ihre Schranken zu weisen. Leider hatte ich die Weckankündigung gelesen und sofort wieder vergessen. Oder verdrängt.
Also war ich geweckt, sie haben ihren Auftrag erfüllt. Auf die Verwirrung folgte Entnervung. Aber da ich nun wach war, las ich mein Buch zu Ende (Commissario Montalbano ist der Kriminalbeamte, von dem ich gern hätte, dass er in Echt leben würde).
Da ich nicht in den Mai hineingefeiert habe, hatte ich keine Kopfschmerzen zu vermelden. Das ist ja bei in den Mai Feierern häufiger der Fall, weil sie dem Teufel Alkohol frönen. Und nach einem kurzen Blick aus dem Fenster konnte ich mich davon überzeugen, dass auch niemand eine Birke vor das Haus gestellt hat.

Das ist hier auch Brauchtum. Einem weiblichen Wesen wird eine mit bunten Bändern geschmückte Birke an die Dachrinne geknotet. Früher waren das noch meterhohe Bäume, heute ist alles eine Nummer kleiner. Die Birke, die ich im Alter von siebzehn Jahren bekam, als meine Haut noch faltenfrei war, mein Bauch straff, meine Brüste fest, mein Hintern schmal, mein Haar satt braun, meine Augen klar und strahlend, meine Oberarmunterseiten eng anlagen am Knochen und die Oberschenkel wie glatter heller Marmor wirkten, damals also, diese Birke war mit buntem Krepppapier behangen. Mitten in der Nacht waren meine beiden Kumpels vorbeigekommen und hatten das Bäumchen am elterlichen Bungalow befestigt. Noch dazu bekam ich einen Kaktus gesetzt. Der Sinn dieser Pflanze hat sich mir bis heute nicht erschlossen, ich habe aber auch nicht nachgeforscht, was der Künstler mir damit sagen wollte.
Als der Baum stand und die Kumpels rechtschaffen betrunken wieder von dannen wankten, schaute ich mir das Gewächs an und freute mich doch. In der Provinz hat man ja sonst nicht so viel zum Freuen.

Die Freude währte jedoch nicht lange. Noch in der Nacht regnete es. Und am nächsten Tag stand mein Vater fluchend auf der Leiter und versuchte mit einem Spülschwamm und Reinigungsmittel die bunten Streifen von der strahlendweißen Hauswand zu schrubben. Das Krepppapier war nicht wasserfest. Die Farben färbten. Alles, was in der Nähe war, färbten sie.
Und ich durfte mir das Genörgel anhören, womit die Provinzromantik ein schnelles Ende fand.
Warum hatte ich eigentlich von zwei Burschen einen Baum bekommen? Ging es hier um eine Menage à trois? Ach, was war ich naiv. Und der Kaktus dazu?

Bevor ich die Sache mit den Jungs entdeckte, habe ich am ersten Mai mein sonnengelbes Klappfahrrad mit bunten Bändern geschmückt und bin zum Marktplatz des Heimatkaffs gefahren, auf welchem im Leben nie ein Markt stattfand und auf dem heutzutage ein Kindergarten steht. Dort wurde unter großem Bohei die Maikönigin und der Maikönig gewählt. Anschließend fuhr das royale Paar mit einer Kutsche durch den Ort, begleitet von Horden Kindern auf ihren geschmückten Rädern.
Wenn ich heute daran denke, frage ich mich, ob die Farben wirklich Technicolor waren. Und ob wir alle im Superachtfilmtempo ruckelig durch die Gegend fuhren. Ich glaube, meine Erinnerung trügt ein bisschen.

Und heute gibt es also Brauchtum mit Weckfunktion.
Auf die erste Runde folgt auch die zweite, so kamen die Herrschaften um elf Uhr wieder vorbei.
Und da schlich ich mich auf den Balkon. Eigentlich wollte ich das Badezimmerfenster nutzen, aber das Badezimmer war von einem Mitglieder des Hochadels belegt, der fünfundvierzig Minuten dafür brauchte, seine doch insgesamt relativ haarlose Frisur in Form zu föhnen.
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(Bei Frisuren20 gesehen)
Und weil er dabei keine Beobachter gebrauchen kann, musste ich also mit dem Balkon vorlieb nehmen. Ich versteckte mich ein bisschen hinter dem abgeranzten Geländer und der häßlichen Balkongitterverkleidung, ich wollte nicht gern gesehen werden.
Dann filmte ich die Musikantentruppe auf ihrem Weg vorbei an unserem Haus. Diesen Film schickte ich umgehend dem nicht zuhause weilenden Wolkenköpfchen, damit sie den Tag auch standesgemäß begehen kann. Und meiner Schwester, die in der Ferne, in der Haupstadt der Müllbewacher, an dem Platz der Republik, der am Weitesten von jeglicher Autobahnauffahrt entfernt ist, Sehnsucht hat nach dem Brauchtum des Rheinlandes.
Und siehe da, sie fragte ganz erstaunt: Wat is dat?
Das, meine Liebe, sind die Leute, die solange mit ihren Instrumenten durch die Straßen des Ortes laufen, vor jedem dritten Haus stehen bleiben, einen Schnaps trinken und dann weitergehen, bis sie genau das nicht mehr können, nämlich weitergehen.
Wenn genug Schnäpse drin sind, ist das Wecken beendet und für die Weckkapelle beginnt um ungefähr dreizehn Uhr die nächste Nacht. 

Mai

(Ähnlichkeiten mit Maifeierlichkeiten in Berlin Kreuzberg sind völlig unerkennbar)

Ich hingegen werde mich relativ unerfreut und schnell ermüdend durch den Tag hangeln und möglicherweise gehe ich später zum Bürgerzentrum, direkt neben der freiwilligen Feuerwehr, schaue mir die anderen Kaffbewohner an, die sich, wie im Rheinland üblich, stangenweise Bier reinschütten und dabei werde ich eventuell ein Grillwürstchen essen.
Aber nur, wenn bis dahin die Sonne rauskommt. Sonst lasse ich das.

Und dass wir heute den Tag der Arbeit haben, das feiere ich damit, dass ich ansonsten nichts tue. Gar nichts.
Außer…. kochen.