Man muss sich nicht wundern, wenn man am Morgen Sodbrennen hat. Das kommt von einer Tiefkühlpizzza und einer fast komplett verspeisten Packung Dreiecksschokolade in Gipfelform mit Torrone innen drinnen, kurz vor dem Schlafen gehen.
Da heult die Magenbrühe auf und läuft nach oben und vergällt einem die Freude am Frühstück.
Dazu kommt noch der Grund für dieses abstruse Abendessen. Und der dazugehörige Ärger. Kennt man, weiß man, Ärger reizt den Magen.

Das große Thema des Wochenendes lautet „Verantwortung“.

Es stellt sich zu allererst die Frage, kann das Empfinden für Verantwortung genetisch am zweiten X-Chromosom befestigt sein?
Wenn nicht, wie lässt es sich erklären, dass bei der Anwesenheit dreier Y-Chromosomenträger keiner davon das Gefühl von Verantwortung spürte, wenn der Hund mit Tränen in den Augen um kurz vor acht am Abend noch nicht zur Entleerung in den Wald gebracht worden war?
Es lässt sich nicht erklären. Seit bald sieben Jahren lebt der Hund in diesem Haushalt. Seit bald sieben Jahren wird er jeden Tag zwischen vierzehn und fünfzehn Uhr an die Luft gesetzt. Wie kann es sein, dass bei meiner Abwesenheit niemand daran denkt, diese gute alte Tradition fortzusetzen?
Ist es nicht möglich, dass ich das Haus verlasse und das Leben seinen geordneten Gang geht, ein jeder genau weiß, was ansteht und dieses entsprechend abgesprochen wird?

Nein. Nein. Der Hund hat immerhin soviel Verantwortungsgefühl, dass er nicht unter das Klavier scheißt, dafür bin ich ihm sehr dankbar. Wenigstens einer, der weiß, was läuft. Aber der Hund ist eben ein Mädchen.
Die anwesenden Jungs waren nicht so zuverlässig.

Und ich echauffierte mich, hielt Vorträge über fehlendes Verantwortungsbewusstsein, über meine in Kürze anstehende Verantwortungsverweigerung und dass mich alle mal am Arsch lecken könnten.
Da auch niemand sich in der Pflicht sah, für ein wie auch immer geartetes Abendessen zu sorgen, sorgte ich erst für den Hund im Wald, dann für des Hundes Abendessen und nahm mir dann die letzte noch im Haus befindliche Tiefkühlpizza, was anschließend zu einiger Verärgerung bei anderen Hausbewohnern führte, weil diese meinten, es wäre ihr Essen gewesen.
Da ich mich aber nicht mehr dafür verantwortlich fühle, dass außer dem Hund, der sich nun sein Essen beileibe nicht selbst zubereiten  kann, weil er ein Hund und kein wilder Wolf ist, der sich dann eben an den krummen Haxen der hier Lebenden gütlich tun würde, irgendjemand von mir Essen bekommt, war es mir egal, das Genörgel darüber, hier gäbe es eh nie gescheites Essen (wahlweise zuviel Butterkäse oder zuwenig, kommt auf das Stockwerk an).
Ich hatte eine Pizza. Andere? Warum sollte ich an andere denken? Das bringt doch nichts. An andere denken ist doch total bekloppt.

Wer an andere denkt, der ist wirklich selbst dran schuld. Der verzärtelt und verwöhnt die Kinder, der verweichlicht den Ehegatten, der ist nicht überlebensfähig in einer Gesellschaft der Egozentrik und Ich-Bezogenheit. Selbst schuld also.

Ich bin selbst schuld, dass keiner mit dem Hund gegangen ist und auch niemand für das Abendessen gesorgt hat. Denn erstens habe ich das nicht gesagt, dass sich jemand kümmern soll. Und auch nicht, wer sich kümmern soll. Und zweitens habe ich mich eben immer um alles gekümmert und nie etwas von meiner Verantwortung abgegeben. Ich hätte deutlich mehr fordern sollen. Ich hätte egoistischer sein müssen. Ich hätte sie alle immer wieder vor die Wand fahren lassen sollen, dann wären bestimmt alle hier viel verantwortlicher im Umgang mit dem Hund und dem Essen. Und der Wäsche. Und dem Badezimmer. Und dem Teppich. Und der Küche. Und allem. Überhaupt. Komplett. Dann würden alle das total selbstständig übernehmen. Aber ich habe sie ja nicht gelassen. Und heute sind alle immer so schrecklich erschöpft. Weil alle soviel arbeiten.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist, acht Stunden zu arbeiten. Das weiß ich ja gar nicht. Harte körperliche Arbeit, das bin ich gar nicht gewöhnt. Ich weiß gerade eben, wie man das schreibt. Aber wie man das macht?? Nein. Da habe ich keine Vorstellung von. Und darum kann ich wirklich nicht wissen, wie das ist, wenn man von der Arbeit kommt und dann noch mit dem Hund raus soll. Oder sich was zu Essen machen muss.
Gut, Sonntags musste man nicht arbeiten gehen, aber da ist man so erschöpft, vom vielen Arbeiten. Da kann man leider auch keinen Wäschekorb die Treppe hochtragen. Das geht nicht. Zuviel, viel zu viel.

Nein, ich habe wirklich keine Ahnung davon, wie es ist, viel zu arbeiten. In meinem Leben ist nämlich jetzt und schon immer gewesen, kein Platz für Arbeit. Ich habe Vergnügen, den ganzen beschissenen Tag. Ich weiß kaum noch wohin mit mir, vor lauter Spaß und Freud.

Um halb sieben aufstehen und den ersten Deppen aus dem Bett werfen, der schon eine Dreiviertelstunde verpennt hat und somit nur knapp rechtzeitig zur Arbeit kommt? Ein Vergnügen („Scheiße, Mama, wie soll ich denn jetzt pünktlich dahinkommen? Kannste mich fahren?“ „Nein. Nicht meine Verantwortung.“).
Das zweite Vergnügen kommt im Bad, fünf Handtücher am Boden, Zahnpasta leer, Klopapier leer, Klodeckel aufgeklappt, Kloschüssel schon weit hinter der Grenze.
Der Spaß geht weiter mit dem Wecken des zweiten Deppen („Bist du wach?“ „Nicht richtig. Kannste mich in fünf Minuten noch mal wecken?“ „Nein. Nicht meine Verantwortung.“). Ob der aufsteht oder nicht, zeigt mir auch kein Licht, ist mir egal.
Um viertel vor sieben in der Küche stehen und dem Hund Wasser einfüllen. War leer, hat aber keiner bemerkt. Ja, sowas. Wenn der Hund nicht viel zu trinken hat, dass muss er auch nicht viel pinkeln. Ist ja praktisch.
Bisschen am Frühstück rummachen, eigentlich nicht meine Verantwortung. Könnte ich lassen. Auch die erste Maschine Wäsche einzuwerfen ist eigentlich nicht wichtig für mich. Es sind nicht meine Drecksklamotten, die gewaschen werden sollen. Aber ich mache es. Ist vielleicht mein Job.
Um zwanzig nach sieben Abflug in die Wallachei, damit der zweite Depp auf eine Schule gehen kann, die ihm etwas mehr von der Welt zeigt als allgemein üblich. Dafür nimmt man doch gern in Kauf, ein bisschen im Stau zu stehen.
Um zwanzig vor neun, direkt nach der Fahrerei, in die Gummistiefel springen und mit dem Hund durch den Regen tappern. Eine Stunde später den Hund duschen, weil er in der Scheiße lag und aussieht, wie ich mich fühle.
Danach im Keller eine Maschine Wäsche von der Leine holen, eine draufhängen, eine in die Mäschine reinstopfen. Dabei sinniere ich, warum dieser Pullover in der Wäsche ist, wo er doch nur drei Stunden getragen wurde. Kein Fleck, kein übler Geruch und trotzdem liegt er auf dem Wäscheannapurna.
Dann ruft die Küche nach einer Behandlung. Es gibt einige Bereiche, die einer Reinigung bedürfen. Als reinlicher Mensch erledige ich das mit Esprit und Frohsinn.
Wäsche wird gefaltet, das Badzimmer in einen Zustand der Minimumhygiene versetzt, ein bisschen gestaubsaugt, denn der Hund haart im Moment, als wolle er ein Nacktmull werden.
Und plötzlich ist es fünfzehn Uhr, der Hund muss wieder raus. Wieder rein in die Gummigaloschen und raus in den Regen. Diesmal habe ich den Scheißhaufen vor dem Hund gesehen und kann ihn daran vorbeischleusen.
Um sechzehn Uhr trudelt hier die Belegschaft wieder ein. Zwischendurch habe ich schon eine Fernhausaufgabenbetreuung absolviert und bei der Berechnung einiger nicht ganz einfacher mathematischer Aufgaben assistiert. Sachen mit zwei x sechstel mit vier fünftel ist gleich irgendwas anderes. Und ja, mein Ergebnis war richtig und natürlich fand ich mich toll, dass ich solche Aufgaben rechnen kann. Lieber wäre mir, ich könnte sie auch gut erklären.
Justamente platzt die Information darüber herein, dass die Porzellanabteilung im Obergeschoss eine Verstopfung zu beklagen hat.
Dieses Problem ist innerhalb weniger Minuten behoben und ich kann mich einem rasanten Einkauf hingeben, bei dem einige Lebensmittel in meinen Besitz übergehen. Diese werden bei erneuter Ankunft im Heimathafen zu schmackhafter Speise umgebaut. Zwischendurch werden ein paar Vokabeln besprochen, es wird über die innere Atmung diskutiert und darüber erzählt, dass Albrecht Dürer, der Jüngere, großes Interesse an der Kunst des Quattrocento hatte.
Dann beschäftigt mich die Frage, ob ich den Hund, der schon sabbernd an der Stelle hockt, wo sich eigentlich um kurz nach sechs Uhr wie von Zauberhand geschaffen seine Futterschüssel, gefüllt mit braunen Knubbeln, materialisiert, abfüttere, bevor die Menschen was zu essen bekommen, ob ich ihn warten lasse, in sein Körbchen schicke und mir die folgende Stunde sein hochfrequentes Dauerfiepen anhören möchte. Ich möchte nicht.
Der Hund rülpst wie ein anderer Hausbewohner, sie sind sich da nach dem Essen sehr ähnlich, und fällt sodann in Tiefschlaf, der für eine letzte späte Entleerung noch einmal kurz unterbrochen wird.
Das Menschenessen wird nach der Zubereitung schnell vernichtet, in der Regel kommentarlos oder gern mit solchen Worten: „Mag ich nicht, weißt du auch, ich mach mir n Toast. Ich esse eine Banane. Ich bestell mir n Burger.“
Ich liebe Euch auch.
„Ich habe gekocht, ich will nicht die Küche sauber machen“ ist ein häufiger Spruch. Ich verlasse umgehend die Küche und kehre auch nicht dorthin zurück.

Am nächsten Morgen finde ich dann um sechs Uhr dreißig diverse Küchenutensilien im Spülbecken, die ein Betätigen des Wasserhahns nahezu unmöglich machen und darum erst einmal beseitigt werden müssen.

Und so geht das. Tag für Tag. Woche für Woche. Und ich kriege nicht einmal Geld dafür. Sondern werde mit der Unterstellung konfrontiert, mein Leben wäre ein Ponyhof und von Arbeit habe ich keine Ahnung.
Scheiße. Und scheiße. Und noch einmal scheiße.
Gut. Wer kann schon Mittag um halb eins einen so ausführlichen Blogartikel in die Tasten hauen? Wer? Na ich. Natürlich. Denn ich habe sonst nichts zu tun. Und davor habe ich telefoniert. Bestimmt über eine halbe Stunde. Darum konnte ich auch nur einhändig das Regal abwischen, auf dem die Scheiß-Zuckerdosen stehen.

Es ist irgendwie ernüchternd, dass die Tätigkeiten, die ich ausführe, im Grunde keine Arbeit sind, sondern reines Vergnügen. Ernüchternd, weil ich offensichtlich zu blöd bin, zu merken, wie einfach und vergnüglich mein Leben ist. Rasenmähen, kärchern, Fenster putzen, Steuer machen, für Reifenwechsel, Ölwechsel, Bremsbelagerneuerung, Bremslichterneuerung sorgen, Einkaufen, Wäsche machen, Putzen, Einkaufen, Kochen, Botendienste erledigen, hin und her fahren, Hund versorgen, Spülen, aufräumen, Klo reinigen, wenn ich nicht aufpasse, dann lache ich mich noch tot, bei all den heiteren Tagesaufgaben. Und nicht zu vergessen, ein permanent offenes Ohr für selbst den blödesten Scheiß und die dämlichsten Pubertätsideen („Ich ziehe aus, ist doch keine Kunst. Krieg ich schon mal mein Kindergeld?“ „Hahahahahahahaaa!“). Lustig. Ich bin gern immer für Euch da, Kinder.
Und am späten Abend? In der Nacht? Eheliche Pflichterfüllung? Pssssst. Never talk about this. Wenn man nicht drüber redet, dann gibt es auch kein Problem. Einfach mal alles totschweigen.

Ich wünschte, ich würde Drogen nehmen.