Wann kommt der Punkt, an dem ich aufgebe?
An der roten Ampel in dem Kaff mit dem schlecht laufenden Kreisverkehr? Direkt hier, an der Autobahnauffahrt? Auskuppeln, Handbremse ziehen, abschnallen, auf die Verkehrsinsel legen und anfangen zu weinen. Mich zusammenrollen, ganz klein, so klein wie es nur geht, weinen und aufgeben. Alles loslassen.
Und es anderen überlassen, was zu tun ist.

Nein, noch nicht. Ich fahre auf die Autobahn auf. Zwei Möglichkeiten. Hunderachtzig fahren und riskieren, dass tränennasse Augen etwas übersehen und das durchgequirlte Hirn nicht richtig reagiert. Oder achtzig fahren, schön rechts, hinter einem Laster, langsam und gemächlich, damit die gequirlte Seele keinen Unfug macht.
Entscheide mich für die dritte Möglichkeit. Ich fahre direkt die nächste Abfahrt wieder runter und nehme die Landstraße. Das ist für alle gesünder.

Auf einem Halteplatz bleibe ich stehen und putze mir ausgiebig die Nase. Seit Tagen läuft sie. Und der Kopf dröhnt und die Körpertemperatur ist nicht im grünen Bereich. Aber Helden werden nicht krank und ich möchte ein Held sein. Dumm nur, dass es mit dem Sein an dieser Stelle nicht rund läuft. Empfindliche Gesundheit. Das habe ich wohl, auch wenn ich gern den Eindruck von Pferdenatur zu vermitteln suche.
Und immer einen Scherz im Gepäck, immer ein Lachen dabei. Jede noch so schwere Situation ist es wert, dass gescherzt wird. Humor, überlebenswichtig.

Und gefressen wird der Humor von den dunklen Stürmen. Sie wüten genau zwischen den Schulterblätern und ziehen sich hoch, den Nacken hinauf bis in den Kopf. Dort verrichten die Stürme ihr Werk und der Humor legt sich weinend auf die Verkehrsinsel und weiß nicht, wo die Scherze hin sind. Weggeweht.

Ich möchte ein Held sein und bin doch keiner. Ich möchte sein wie Ironman. Und bin es nicht. Ich möchte Superman sein. Batman. Wondergirl. Ganz sicher Wondergirl. Mein magisches Lasso würde mir helfen.
Wobei, Helden sind oft so allein. Vielleicht habe ich doch hier und da etwas Heldenhaftes an mir.

Gerade fällt mir ein, ich könnte mir auch einen Helden herbeisehnen. Einen Helden, einen echten. Der würde mir etwas zu essen machen, wenn ich selbst kaum aus dem Bett komme, weil ich mich so elend fühle. Der würde mir Nasentropfen besorgen. Der würde mich, wenn er von seinen Heldentaten des Tages kommt, einfach einmal fragen, wie es mir geht. Mich in den Arm nehmen. Mir tröstend über die fieberheiße, wild kribbelende und stellenweise taube Haut streichen und er wüsste die richtigen Worte. Die Worte, die einen an der Verkehrsinsel vorbeitragen. Die einen auf der Autobahn begleiten. Die die Stunden im Bett erträglich machen. Die Worte, die wissen lassen, ich kann loslassen und nichts wird passieren.

Erkenntnis des Tages, schon morgens um neun Uhr:
Es gibt keine Helden. Für heute.
Vielleicht ein anderes Mal.