Meine Güte, sehe ich scheiße aus.
Als ich mich vorhin ins Auto schleppte, weil ich zur Bücherei musste und kurz am Eiswarenladen halten wollte, was der eigentliche Grund meiner kleinen Fahrt war, die Bücherei war mir eigentlich komplett egal, schaute ich in den Rückspiegel und dachte, herrjeh, aus welchem Zoo bin ich denn ausgebrochen?
Die Haare, die ich seit mittlerweile eineinhalb Jahren nicht mehr habe schneiden lassen, in einem grünen Haarband zusammengeknödelt, ganz oben auf dem Kopf, wie eine verunglückte Assipalme. Der Teint des Gesichts changierend zwischen grau, beige und grün, unter den Augen ein zartes Kastanienbraun.
Insgesamt alles recht verquollen, nur die pralle Nase ragt, wie ein roter Hydrant aus dem New Yorker Stadtbild, in die Welt. Drunter bildet sich nur deshalb keine Rotzblase, weil ich vor der Fahrt einen Viertelliter Nasentropfen durchgezogen habe.

Der Blick am Körper weiter runter ergab ein skurilles Gemisch an fehlendem Stil und, ich muss es leider sagen, ebenso fehlender Reinlichkeit. Flecken, Krümmel, oll und drisselisch, wie man hier sagt. Nicht hübsch. Definitv nicht das Outfit, für das man bewundert wird. Eher etwas, wofür berühmte Frauen wochenlang durch die Gazetten gejagt werden, wenn sie so erwischt werden, auf dem Weg zum Eiswarenhändler.

War mir aber egal. Wenn man halbtot ist, dann interessiert einen so eine Nebensächlichkeit wie Schönheit nicht einmal mehr am Rande.
Also streckte ich meinem Spiegelbild die belegte Zunge raus und fuhr einfach los.

Die Konzentration war eher mau, was sicher an dem Druckgefühl im Kopf und in den Ohren lag. Es rauschte so, als hätte mein Auto kein Dach mehr. Das war spannend aber auch beängstigend. Ich überlegte, ob mir vielleicht die Schnulle schon ins Hirn gestiegen sein könnte. Nach ein paar Kilometern bemerkte ich, dass ich ein Fenster hinten offen stehen hatte. Nachdem es zu war, ging es deutlich besser.

In der Bücherei wurden mir auf Grund meines desolaten Zustandes die Nachzahlungskosten erlassen und ich wurde mit den besten Wünschen für baldige Genesung zügig herauskomplimentiert. Ich vermute, die wollten kein Geld aus meiner Hand nehmen. Würde ich auch nicht wollen. Wer möchte schon einen Fünfeuroschein von einem Zombie. Oder fünf Münzen von jemandem, der aussieht, als könnte es auch etwas richtig schlimm Ansteckendes sein. Mit ganz schlechten Heilungsaussichten.

In der Tiefgarage, ich war schon voller Vorfreude auf das Eis, das gleich kommen sollte, passierte der Supergau. Die beschissene Schranke gab drei Autos vor mir den Geist auf. Und dann liefen ein paar Leute aufgeregt hin und her und versuchten dies und das und telefonierten erfolglos, weil der Empfang in Tiefgaragen eher unerfreulich ist und rannten raus und kamen wieder rein und klopften an mein Fenster. Ich ließ das Fenster herunter. Ich röchelte leise: „Wasnlos?“
„Ja, Schranke is kapott, ne?“
„Jojodat, schnodderschniefrötzl…“
„Oha!!“, sprachs und sprang davon.
Ich machte die Scheibe wieder hoch und ergab mich in mein Schicksal. Ich lehnte mich tief in den Sitz, schloss die Augen und machte einfach nix. War mir alles egal.
Und nach fünfzehn Minuten hatte irgendwer die Schranke in Bewegung gebracht und alle rauschten aus der Tiefgarage.
Fast wäre ich kurz vorher eingeschlafen.

Ich hielt noch eben, holte mir das mir selbst versprochene Eis, fuhr an einer Bushaltestelle vorbei und lud Killerdog ein, der recht dankbar dafür war und darum später mit dem Hund in den Wald ging.
Zuhause angekommen, stieg ich aus dem Auto. Und da begegnete mir der Nachbar, Heckenmeister Junior. Heckenmeister Junior ist um die sechzig, Heckenmeister Senior ist sein Schwiegervater, wohnt ein Haus davor und ist sicher weit über achtzig. Zusammen pflegen sie eine Hecke, vom Feinsten. Ich wurde dereinst angemosert, weil ich an der Hecke zu parken wagte. Aber das ist eine andere Geschichte. Nur seitdem rede ich nicht mehr sehr ausführlich mit den Heckenmeistern.
Junior kam also die Straße entlang, sah mich, schaute noch einmal genauer und dann:
„Na, Sie sehen aber gar nicht gut aus…“
„Ja, danke.“
„Sie hat es aber ordentlich erwischt.“
Ja. Hat es. Geh weg. Geh in dein Heckenmeisterhaus und lass mich in Ruhe. Echt. Geh weg.
„Ja.“
„Dann komm ich mal nicht näher.“
Lautmalerisch ging es in meinem Kopf hin und her zwischen HÄ und UÄARGH.
„Neeee, ganz sicher nicht…“
„Man will sich ja nicht anstecken…“, sagte die kleine Grinsebacke.
Ich habe überlegt, ob ich mich ihm an den Hals werfen sollte. Ihn ablecken, abknutschen, ansabbern. Stattdessen habe ich mich dazu hinreißen lassen, ihn anzuniesen. Vermutlich hat er sich anschließend in die Entseuchung begeben. Und ich bin meinem Ruf absolut gerecht geworden. Schmuddeltrulla von nebenan.

Danach rannte ich erst gegen die Tür, dann durch die Tür und warf mich schluchzend ins Bett.
Vor Erschöpfung fiel ich in unruhigen Schlummer. Ich träumte wild von Nasenkathetern und Fieberkrämpfen, Eis mit Sahne und Gurkenmasken.
Und als ich wieder zu mir kam, stand ein Teller mit Spaghetti vor mir. Mit Tomaten. Und Käse. Und Basilikum.
Das fand ich erst einmal bedenklich, weil ich dachte, ich hätte den Verstand verloren. Es zeigte sich jedoch, dass nicht ich den Verstand verloren, sondern jemand anders einen Teilbereich seines Verstandes ausgegraben hatte. Nach diversen Tagen mit ohne Fürsorge war es heute doch soweit, dass der Gutfrisierte sich von meinem Zustand erweichen ließ und sich zumindest kurz auch einmal mit meinem Wohlergehen befasste.

Ich wusste gar nicht, wie sehr ich mich über einen Teller Nudeln freuen kann.
(Hat nach nix geschmeckt. Lag aber an mir.)