Es ist schon länger her, dass ich solche Magenschmerzen hatte. Selbst das Einatmen war unangenehm und ich war zutiefst unentspannt. Nicht nur, weil ich als sturmerprobter Hypochonder, mit Tendenz zu echten Erkrankungen, gleich wieder alle schlimmen Dinge dieser Welt herannahen fühlte, von Krebs bis zum Herzinfarkt war alles dabei. Es war mir natürlich klar, dass ich dieses letzte Stück Fladenbrot mit Hummus nicht hätte essen sollen. Dann hätte ich auch keine Magenschmerzen bekommen. Aber hätte und hätte, Fahrradkette. Ich fand es so lecker und ich habe es mir gegen jeden inneren Widerstand reingeschoben. Darum kann ich mich mit Recht beschimpfen: „Warum hast du das gemacht, du dusselige Kuh? Du warst doch satt! Abgefüllt bis an den Kragen. Es war nicht nötig, sich dieser Völlerei hinzugeben… .“

So beschimpft und von mir selbst gedemütigt, lag ich in meinem Bett, neben mir einen Eimer und wusste nichts anderes mehr mit mir anzufangen als darüber nachzudenken, ob ich mich nun besser erbrechen sollte oder nicht. Um mir dabei ein bisschen die Zeit zu vertreiben, immerhin war es Samstagabend, an dem man früher, ganz damals, vor hunderten von Jahren, loszog, die Welt zu entdecken, dann kamen aber die Kinder und die Weltentdeckung beschränkte sich auf Kieselsteine und Kackhäufchen am Wegesrand, wo man für fünfzig Meter schon einmal fünfzig Minuten brauchte, um all das gebührend zu bewundern und heute sind die Kinder groß genug und entdecken die Welt allein und bitte schön dringend ohne meine Begleitung. Ich könnte nun selbst wieder Entdeckungsreisen unternehmen. Aber ich bin oft sehr, sehr müde. Oder habe, wie gesagt, wegen Überfüllung des Magens, keinerlei Ambitionen, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

Also Bett, nebenan den Brecheimer, eine vertiefte Atmung, reflektorisch wegen der Übelkeit und massive Spannungsgefühle der Bauchdecke.
Und das war kein bisschen lustig.
Aber um zum Anfang meines Gedankengangs zurückzukehren, mit dem ich eigentlich erklären wollte, womit ich mir nun die Zeit vertrieb, nun, ich guckte in den Fernseher. So ein fesches Gerät, flach und groß, geschenkt von einem hochrangigen Familienmitglied, der es einfach nicht länger ertrug, dass die ganze Familie auf einen Bildschirm von dreißig Zentimetern diagonal starren musste.
Und es war Jujuvischn Kontest. Kennt man ja. Einmal im Jahr trällern Stimmbandakrobaten aller Herren Länder entfesselt durch den Abend.
Mir war eh schon schlecht, darum dachte ich mir nichts weiter dabei.

Es war auch soweit alles erträglich. Ich schaute nur mit einem Auge hin, mit dem anderen behielt ich den Eimer im Blick. Akustisch ließ ich es einfach laufen. Ich bemerkte zwischen den einzelnen Songs und Interpreten eh nicht so große Unterschiede. Die einen hatten Brüste, die anderen nicht.

Zwischendurch verlor ich immer wieder kurz das Bewusstsein, was ich als recht angenehm empfand. Durch lautes Gelächter neben mir, aus Killerdogs Kehle, wurde ich regelmäßig aus der Bewusstlosigkeit heraufgespült und durfte mir qualifizierte Anmerkungen zu den einzelnen Künstlern anhören. Diese waren politisch so unkorrekt, dass ich das an dieser Stelle nicht wiedergeben kann, weil ich sonst vermutlich mit rechtlichen Konsequenzen zu rechnen habe. Wer sich nun fragt, warum Killerdog nicht die Welt entdeckt, sondern mit Mutti samstagabends im Bett herumliegt, Fernseher schaut und das auch noch gern tut, dem muss ich sagen: Keine Ahnung. Irgendwas schiefgelaufen in der frühkindlichen Entwicklung? Zu früh mit Mousse au chocolate gefüttert?
Wer weiß sowas schon.

Als in Wien alle fertig waren mit dem Gegröle, kam die wunderbare Kurzdurchlaufung. Es gesellte sich auch noch der Gutfrisierte dazu, der sich vorher ins Musizierstübchen verzogen und seinen eigenen Jujuvischn Kontest gespielt hat mit all seinen Instrumenten. Kurzdurchlauf findet er aber dann doch sehenswert. Weil es so wunderbar kurz ist.

Und dann kam noch ein bisschen Brimborium und endlich auch die Punktevergabe. No Points für Germany, druff jeschissen. Bis dahin wusste ich nicht einmal, wer überhaupt für Germany antreten würde. Ach, doch, ich wusste, wer nicht antreten würde, der kleine, dicke Zwerg, der aussieht, als würde er den ganzen Tag World of Warcraft spielen. Stattdessen sollte eine Frau singen.

Punktevergabe also. Dafür raffte ich mich noch einmal ein klein wenig zusammen und auf. Schnell war klar, die emotionale kleine Russin würde vorn mitspielen. Und die spacken Tenörchen aus Italien. Und der Schwede. Die Punktevergeber waren mal mehr, mal weniger professionell, aber alle wirkten sie sehr filigran und bildschirmaffin.

Und plötzlich, wie ein Kanonenschlag, rummst es und eine blondtoupierte, goldbefrackte Urgewalt detonierte vor meinen Augen. Welcher gottverfluchte Vollidiot hat Barbara Schöneberger engagiert für die Punktevergabe? Und wer hat sie frisiert? Und wer hat sie in diese Klamotte gesteckt? Und was soll die Welt nun von uns denken?
Reicht es nicht, dass wir eine Kanzlerin haben, die Geheimzeichen mit den Fingern impliziert, wobei sie sich doch vor Jahren einfach nur mit Sekundenkleber die Finger zusammengebabbt hat? Müssen wir uns von einer Walküre mit schlechten Manieren representieren lassen?
Andere Länder haben zarte, niedliche, filigrane Elfenwesen, die durch ihr Äußeres bestechen. Oder lustige, apparte, nette, sympathische Menschen, die durch ihren Charme wirken.

Wir haben eine Kuh mit Pudding.
Die auch noch hysterische Tendenzen aufweist.

Ich habe mich so vor ihr erschreckt, dass ich sogar meinen Magenschmerz vorübergehend gegen ein extremes Schamgefühl eingetauscht habe. Also, mein großer Fernseher war eigentlich nicht groß genug für diese blonde Golderscheinung.

Direkt danach, als sie wieder verschwunden war und Arabella Kiesbauer noch nicht wieder aufgetaucht, entschloss ich mich, spontan und umgehend den Löffel abzugeben. Ich fiel in einen tiefen Schlaf und ersparte mir den ganzen Rest des Dramas.
Am nächsten Morgen erfuhr ich dann, während ich gelangweilt einen Zwieback knabberte, ein Tässchen Fencheltee süffelte und mich auf den Chorgesang vorbereitete, dass der Schwede gewonnen hat. An seinen Song kann ich mich nicht erinnern. Macht nichts. Ich kann mich an nicht ein einziges Lied erinnern.
Ob das nur am Bauch lag?

Heute geht es mir wieder gut. Und bis zum nächsten Jujuvischn Kontest ist es ein Jahr hin. Mal sehen, ob ich wieder dabei bin. Auf jeden Fall werde ich dafür sorgen, dass ich einen Barbara Schöneberger Filter einbaue, bis dahin.
Sonst packt das mein Magen nicht. Das ist nämlich genauso zuviel des Guten wie ein halbes Fladenbrot mit Kichererbsencreme.