Freitagabend, dreiundzwanzig Uhr. Im Fernseher kämpft John Rambo zum tausendsten Mal wie ein Berserker durch den amerikanischen Urwald. Er langweilt mich ein bisschen. Und das ist erschütternd, denn früher, da hat man sich den Kopf zerbrochen darüber, ob so ein Film überhaupt gezeigt werden darf, mit all den Toten und der gewalt und Brutalität.
Ganz ehrlich, heutzutage geht es bei den Mainzelmännchen härter zu als bei John Rambo. Wie abgebrüht man wird, im Laufe der Zeit, wenn man berieselt wird mit diesen Filmen, die einem eine Hornhaut auf die Empfindung zaubern.
Nun, das Wolkenköpfchen steht seit ihrem zehnten Lebensjahr auf Schlachtenszenen. Möglichst mit fliegenden Gliedmaßen. Und das in einem Tuttifruttiwaldorfmutti-Haushalt. Da kommen einem die Tränen und man fragt sich, wie kann das sein?
Vor einigen Tagen, als ich durch meine Malaisen bewegungsunfreudig war, schob ich mir den guten alten Jack-Nicholson-Klassiker „Shining“ ins Abspielgerät. Was habe ich mich gegruselt, damals, wie habe ich mich gefürchtet. Und jetzt? Bin ich zu alt für so einen Scheiß. Oder ich habe zuviel so einen Scheiß gesehen. Oder es ist Kunst und ich denke nur, es wäre Scheiß, weil ich es zu oft gesehen habe. Oder es ist mir einfach egal, weil Fernsehen eh dumm macht. Und viereckige Augen.
Ja, als der kleine Junge durch den Schnee im Labyrinth läuft, das ist schon der Stoff, aus dem früher meine Albträume waren. Aber es ist wie mit einem Buch, das ich einmal gelesen hatte, ganz früher, es für sehr toll gehalten habe und (so erschreckend das auch klingt, weil das Ewigkeit impliziert, Ewigkeit) eineinhalb Jahrzehnte später wieder las. Da fand ich es ganz plötzlich blöd. „Das Montglane Spiel“, ich war so begeistert und nichts ist übrig geblieben.
Vielleicht muss man das lassen, die ollen Kamellen noch einmal auszugraben und zu denken, man könnte damit das Früher aufleben lassen.

Und vielleicht ist das ja auch mit Beziehungen so. Wenn man fast drei Jahrzehnte zusammen verbracht hat, kann es doch sein, dass man eine olle Kamelle geworden ist. Und olle Kamellen, die kleben am Boden des Rheinlandes nach einem ordentlichen Umzug mit vielen Appelkörnchen und Alaafs. Die will keiner mehr. Da bückt sich keiner für.
So eine olle Kamelle, die bleibt kleben, bis die Straßenreinigung kommt und sie wegschrubbt.

Abends um dreiundzwanzig Uhr fünfundzwanzig sollte man sich metaphorischen Kram besser sparen. Sowieso ist das abendliche Schreiben immer ein Wagnis. Wo doch abends die Gefühle immer direkt in den Fingerkuppen sitzen und sich direkt ins Geschriebene stehlen. Aber ach, da ist doch schon wieder die Metaphorik am Start. Wie können Gefühle in den Fingerkuppen sitzen? Stimmt doch gar nicht. Weiß doch jeder, das Gefühle im Hals wohnen. Dort machen sie Selbigen wahlweise sehr weit, wodurch eine Menge rein und raus kann, oder aber sehr eng, da bleibt dann alles stecken. Hin und wieder werden die Gefühle auch aufgeschwulkt (endlich kann ich mal wieder das Wort Aufschwulken verwenden, wie lange habe ich mir das jetzt gewünscht! Und es passt so gut.). Dann rülpsen sie sich aus dem Hals. Also mit den Fingern haben die in Wirklichkeit nichts zu tun.
Aber trotzdem ist es abends keine gute Idee, über Beziehungen nachzudenken. Das führt zu solchen Exzessen wie ein Kerzenmeer und Nico hören. Das aber nur, wenn man vorher ordentlich getankt hat. Jetzt habe ich in einem kleinen Selbstversuch mein Computerlämpchen angemacht (seitdem treffe ich die Tasten mit meinen emotional überlasteten Fingern auch besser) und habe kurz in einen Nico-Song reingehört.
Somit konnte ich feststellen, dass ich hier nicht in mütterliche Fußstapfen treten muss. Ich kann das lassen. Es sagt mir nichts. Vermutlich wegen der fehlenden Betankung.

Natürlich denke ich immer mal wieder, also ungefähr einmal alle fünf Jahre darüber nach, ob ich mich betrinken soll. Aber dabei bleibt es auch. Bei dem Gedanken. Dann reicht es bereits. Mehr ist nicht nötig.
Wenn ich mir vorstelle, dass ich dann auf einmal Nico hören wollen würde, wie schrecklich ist das denn?

Oh, aus dem Schlafzimmer höre ich laute Hilfeschreie. Die kommen aber aus dem Fernsehgerät. Ich vermute, John Rambo hat gerade jemandem etwas abgeschnitten. Das klingt nicht gut. Die Schnarchmaschine, die seit dreiundzwanzig Uhr fünfzehn läuft, klingt aber weit schlimmer. Weil, sie klingt so schrecklich real. Bei den Hilfeschreien weiß man ja, das ist Film. Kino. Das Gegrunze ist die Wirklichkeit. Und dann muss ich mich gleich wieder daneben legen und ihr Fusseln in den Mund werfen. Das ist auch kein Spaß. Denn nur so kann ich die Schnarchmaschine zum Schweigen bringen.

Jetzt ist es gleich vierundzwanzig Uhr, in ungefähr zwanzig Minuten. Ich sollte vielleicht langsam einmal zur Kernaussage des heutigen Beitrags kommen.
Aber ich weiß nicht, wo die liegt. Denn eigentlich bin ich unsagbar müde und schreibe hier nur vor mich hin, weil ich ein bisschen Bettflucht praktiziere. Olle Kamellen, ich erwähnte sie bereits.
Und was macht man, wenn man einen klassischen Anfall der Bettflucht hat? Auf der Couch sitzen und Schokolade essen. Auf der Couch sitzen und lesen. Auf der Couch sitzen und bloggen. Das waren die drei zur Auswahl stehenden Möglichkeiten. In letzter Zeit habe ich zu oft die Schokolade gewählt. Darum musste ich mal das andere nehmen. Und gelesen habe ich schon heute Mittag.

Die Schnarchmaschine ist defekt. Alles ist still, ganz plötzlich. Außer dem Werbeblock, der aus Fernseher röhrt. Ob der Schnarchmaschine was passiert ist? Apneu? Kein Atem mehr?
Also bei den Kindern hat mich das immer fertig gemacht, wenn die als Babys sehr ruhig und still geschlafen haben. Da waren die manchmal auch furchtbar blass. Wie ich oft ich dachte, so, das ist es jetzt, vorbei, atmet nicht mehr, ist tot.
Und dann habe ich sie erstmal angeschubbst, damit sie wach wurden. Damit ich überprüfen konnte, ob sie doch noch leben.
Bei der Schnarchmaschine käme mir das nicht in den Sinn. Man entwickelt einen gewissen Fatalismus. Wenn er an den Fusseln erstickt, meine Güte, dann kann man da auch nichts machen. Schicksal. Olle Kamellen eben.

Vielleicht mache ich eine Kategorie auf, eine neue. „Seltsames Nachtblogging“ oder etwas in der Art.
In einer Viertelstunde ist der Tag zu Ende und dann haben wir Samstag. Und ich kaufe Erdbeeren. Und Nudeln. Für das Abendessen.
Ich sollte jetzt in mein Bett gehen. Bevor ich komplett eskaliere.
Vorher führe ich noch überall im Haus allgemeine Vitalzeichenkontrollen durch. Bei der Schnarchmaschine ist das unnötig. Die hat sich selbst repariert und den Betrieb erneut aufgenommen.
Gute Nacht an all die, die heute Nacht auch herumsitzen und sich überflüssige Gedanken machen.
Nicht vergessen, darüber zu grübeln:
– ist die Tür des Gefrierfachs zu? Wenn nicht, ganz blöd. Man muss viel wegwerfen, sauberwischen und weiß nie, ob die Gefrierkombination das beim fünfhundertsten Mal immer noch gut gelaunt überlebt
– war der Hund schon noch einmal draußen?
– sind das Schleimpilze?
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– wer hat sich diesen Namen für den Getränkehandel ausgedacht?
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Der Fako bringts. Total. Vor allem, wenn er mit fünf Stundenkilometern vor mir herumkrabbelt und nicht weiß, wohin. Da ist man geneigt, das Fenster herunterzukurbeln und den Namen weiter zu verhohnepiepeln. Lauthals.

Und noch einmal. Gute Nacht. Morgen sieht die Welt ganz anders aus. Heller, denke ich. Nach dem Sonnenaufgang.

(Ich war nicht allein)