Es gibt Sachen, die möchte man nicht sehen. Und davon jede Menge. Bei einigen hilft das feste Zukneifen der Augen, dann sieht man nichts und niemanden mehr. Dabei noch die Finger in die Ohren zu stecken, kann sehr hilfreich sein.
Und es gibt Sachen, die sieht man und es hilft nichts, man muss hinschauen. Ich meine jetzt nicht die Faszination eines Unfalls, bei dem man denkt, man könnte selbst dort liegen. Und ich versuche immer absichtlich nicht hinzuschauen, wenn ich an einem Unfall vorbeikomme. Es sei denn, es ist noch niemand da, der hilft. Dann springt mein Hinrenn-Gen an und lässt sich nicht bremsen. So habe ich einmal einen gewagten Sprung aus meinem Auto getätigt, als auf der Kreuzung vor mir zwei Autos zusammenstießen. Meine Kinderchen habe ich mit den Worten bedacht: „Gleich wieder da…“ und dann rannte ich zu dem Auto, das von innen völlig verqualmt war, weil ich dachte, da drin brennt es. Im Auto war eine Mutter mit  zwei Kindern. Ich habe ein Kind von der Rückbank gerupft, jemand anderes hat das andere Kind rausgeholt. Die Mutter kam allein raus.
Es hat aber gar nicht gebrannt. Es war nur Pulver von den Airbags. Ich habe dann ein bisschen mit den Kinder auf dem Bürgersteig gesessen, bis ein Rettungswagen kam. Dann bin ich in mein eigenes Auto gestiegen, nach Hause gefahren und dort habe ich mal eine Runde gezittert.
Ich kann solche Sachen. Und mir kommen solche Sachen auch regelmäßig unter. Einmal, als ich noch in der Gastronomie mein Unwesen trieb, rutschte eine ältere Dame Unfug redend beim Frühstück unter den Tisch. Oder bei einer Kommunion schlug es einen Konfirmanden vor den Altar.
Da bin ich total abgebrüht, ruhig und bin firm in Beine hoch oder stabile Seitenlage.

Wo ich aber in Grenzbereichen bin, wo es echt nicht mehr gut geht, wo ich zittere und fast erbrechen muss, kaltschweißig bin und fast schon für mich selbst die Rettung rufen möchte, das ist, wenn ich Lebensmittelreste in Jugendzimmern finde.

Ach, denkt jetzt der ein oder andere, was ist die denn für ein oller Ansteller.
Derjenige war aber noch nicht in den adligen Gefilden. Dort fand ich heute, als ich versuchte, zum ungezählten Male, etwas Struktur in das Chaos zu bringen (ja, aufgeräumt, ja, soll man nicht machen, ja, weiß ich, ja, so lernt er es nie, jajajajajajajajaja, ist ja gut!!!), eine Tüte. Eine kleine gelbe Tüte. Sie lag unter diversen Schalke-Schals, einer Hühnermütze, drei leeren Zigarettenschachteln, einer Zigarettenschachtel mit einigen abgerauchten Kippen darin (aber nein, niemals raucht er aus seinem Fenster raus, weil das doch als noch im Haus befindlich zu betrachten ist, niemals!) und einem Buch über Klimaanlagen.
Und sie war aus Plastik. Gelb und grün. Ich zog daran, aber sie klebte am Regal. Ich zog fester und mit einem schmatzenden Geräusch löste sie sich vom Holz, gab dabei aber eine Wolke der Verwesung frei.
Warum habe ich dann nicht das getan, was vernünftig gewesen wäre? Warum habe ich die Tüte nicht Tüte sein lassen und sie direkt in einer großeren Tüte entsorgt?
Nein, ich fette Beute des Wahnsinns öffnete die Tüte und warf einen Blick hinein. Und ich sage, ich habe nicht sehen wollen, was ich dann sehen musste. Es war tot. Und grün. Und blau. Und schwarz. Und fast schon wieder lebendig. Und bei genauerer Ansicht stellte sich die Tüte als eine Tüte aus dem Tiefkühlfach heraus.
Eine Tüte, in der vor langer, langer, sehr langer Zeit einmal Rösti gewesen sein mussten. Vor der Metamorphose. Jetzt war es eine verwestes Etwas. Ein Gesundheitsrisiko, welches schleimige Fäden auf dem Regal hinterließ.

Wann hört das auf? Wenn die ausgezogen sind? Und warum kann das Wolkenköpfchen ihr Zimmer in Ordnung halten, der Hochadel aber nicht? Warum versucht Killerdog, sich in die Fußstapfen des großen Bruders zu stürzen und lässt seit Neuestem Cheddar unter dem Bett trocknen?

Ich bin manchmal müde, sehr, sehr müde…