Ob ich wohl einmal die Angst ablegen sollte, ein geliebter Mensch könnte an einem verschluckten Bonbon zu Tode kommen?
Es ist in unserer Familie Tradition, im Laufe seines Lebens mindestens einmal etwas im Hals hängen zu haben, was dort nicht hingehört und das Leben in einen bedrohten Zustand bringen kann.

Mein Vater zum Beispiel, hat sich vor vielen Jahren in der Kantine ein Stück Fleisch servieren lassen, welches von der Konsistenz langes und ausgiebiges Kauen erforderte. Ihm stand aber nicht der Sinn danach und darum schluckte er ein großes Stück relativ ungekaut einfach hinunter. Es kam nie unten an.
Die am Tisch befindlichen Kollegen und Geschäftspartner vermuteten einen Herzinfarkt, als er aufsprang und mit feuerrotem Kopf herumhüpfte und röchelte.
Nur Frau F., die Servicemitarbeiterin, verstand sofort, wo der Hase lang lief und dass das Rind dank seiner zähen Beschaffenheit die Abzweigung zum Magen nicht gepackt hatte. Mit einem enormen Schlag ins Kreuz rettete sie meinem Vater das Leben. Zum Dank schenkte er ihr ein paar Flaschen Alkohol. Schampus, möchte man meinen.

Meine Schwester versuchte es mit einem Multivitaminbonbon. Die waren in den Achtzigern schwer in Mode und darum lutschten wir sie sehr gern. So auch an einem vergnüglichen Tag, als das Telefon klingelte. Ich gewann das Wettrennen zum Hörer, damals stand das Telefon ja noch in einem eigens dafür konzipierten Regalfach und war sozusagen unverrückbar. Dran war eine Freundin meiner Schwester, wobei ich den Auftrag hatte, die Anwesenheit selbiger zu verleugnen. Ich sagte also fröhlich: „Du, Jennifer, die ist nicht da.“, als plötzlich meine Schwester vor mir stand, verzweifelt auf ihren Hals zeigte und japste.
„Ähm, Jennifer, tut mir leid, aber meine Schwester erstickt gerade…!“, sagte ich noch, warf den Hörer auf die Gabel und schubbste das Mädchen laut schreiend vor mir her in das Badezimmer, wo meine Mutter in der Wanne lag. Die erkannte das Geschehen auf den ersten Blick, sprang aus der Wanne und brüllte: „Stell sie auf den Kopf!“.
Ich stellte sie auf den Kopf. Was für ein Glück, dass ich einiges älter und stärker war. Und meine Mutter schlug ihr ins Kreuz.
Und mit Schwung kam das Bonbon herausgeschossen und zersplitterte auf den Kacheln.

Einige Zeit später hatte sie eine mit Schokolade überzogene Erdnuss quer stecken, die bekam ich dann auch ohne weitere Hilfe aus ihrem Hals. Ich wusste ja, wie es geht. Etwas unangebracht fand ich die Reaktion unserer Mutter, die auf mein Geschrei aus unseren Zimmern nur zurückblökte, wir sollten nicht so einen Lärm machen.

Ich selbst versuchte es mit einem Stück Apfel. Den aß ich in Rückenlage und dabei trug ich wunderhübsche dänische Holzklotschen. Als ich die Füße gen Zimmerdecke reckte, ich möchte kurz darauf hinweisen, dass ich vielleicht sieben Jahre alt war und man in dem Alter eben ein bisschen blöd sein kann, krachte mir ein Klotschen auf die Stirn, worauf ich erschrocken einatmete und den Apfel inhalierte. Same procedure as every time. Meine Tante stellte mich auf den Kopf, meine Mutter drosch auf meinen Rücken, der Apfel kam heraus. Schneewittchentour wurde diese Performance dann genannte.

Der Staffelstab ging weiter an meine Kinder. Der Fürst versuchte, auf offener Straße an einem Pfefferminzkaubonbon zu ersticken. Sein Vater rettete ihn heldenhaft und ich war glücklich, an dem Tag nicht dabei gewesen zu sein.
Das Wolkenköpfchen trat in die Fußstapfen der Tante und versuchte, sich mit einem Multivitaminbonbon zu entleiben. Sie spuckte das Bonbon aber nicht Sekunden später wieder aus. Nein, bei ihr hatte es sich richtig fein verklemmt. Erst zehn Sekunden vor dem Eintreffen des Notarztes gelang es mir und mehreren Frauen, dem Kind in halblinker Kopfüberlage und Brustkorbpresse und Finger in den Hals (sehr unprofessionell, man könnte es noch weiter reinschieben!!!! Never do this. Aber behalte mal die Nerven und denk an sowas!) das Bonbon zu entlocken.
Die Notärztin maß dann flott den Sauerstoffgehalt im Kind, weil es eine seltsame Farbe hatte. Und animierte zu tiefem und ausgiebigem Atmen.

Was will ich damit sagen?

Ganz einfach, man sollte ein paar Dinge beherzigen:

Keine harten Bonbons!!
Wenn doch harte Bonbons, dann sofort zerbeißen. Scheiß doch auf die Zähne.

Keine Kaubonbons lutschen!!
Die heißen mit Absicht Kaubonbon.

Kein zähes Fleisch!!
Wenn es nicht weich wird, einfach in den Mixer und Püree draus machen. Eklig aber wurscht.

Im Liegen keine Äpfel essen!!
Generell nicht im Liegen essen.

Gut kauen und wenn es doch passiert und etwas im Hals festhängt: Keine Panik!!
Auf den Kopf stellen.
Oder die Sache mit dem Kugelschreiber durchziehen.
Damit man mal gesehen hat, wie das die Profis machen:

Das Stück Stock, das der Hund vorhin im Rachen hatte, hat er höchstselbst wieder hochgewürgt.