Heute las ich während des öden Herumliegens das kleine Büchlein „Das Pubertier“ von Jan Weiler. Wieder einmal kam mir der Gedanke, dass Individualität eine Illusion ist und im Grunde überall die gleiche Scheiße läuft.
Besonders die Auseinandersetzungen, die sich dramaturgisch an rtl2 am Nachmittag anlehnen, scheinen wohlbekannt zu sein.
Meine Lieblingsstelle ist die, wo er seinen Versuch beschreibt, kleine Späße zu machen.

Warum heißt Bruno Mars nicht Bruno Snickers?
Na, wer weiß es? Genau. Er hat keine Nüsse.
Darüber musste ich bedenklich lange Lachen und vermute, dass sich keiner der pubertierenden Familienmitglieder darüber in diesem Maße amüsiert hätte. Ich habe darum versucht, es herauszubekommen, in dem ich kleine digitale Anfragen verschickt habe. Aber der Fürst kann nicht antworten, er arbeitet. Killerdog kann nicht antworten, er schläft noch. Und Wolkenköpfchen wird den Teufel tun zu antworten. Sie sitzt in der Schule. Jetzt muss ich mich gedulden. Aber am Nachmittag werde ich wissen, ob ein als pubertärer Scherz zu betrachtender Scherz gar kein solcher ist. Herr Weilers Pubertier scheint jedenfalls keine Miene verzogen zu haben.

Wo ich jetzt gerade eine Liegephase in meinem Leben habe, oder vielmehr eine Liegen-oder-Laufen-nur-nicht-sitzen-Phase, bleibt auch wieder allerhand auf der Strecke. Vor allem, was Reinlichkeit und Lebensmittel anbelangt.
Es hat ja keiner Zeit. Darum sieht es aus wie Sau und zu essen gibt es nicht mehr viel. Mein ganz privater Vorrat an Schokolade, gut versteckt zwischen meinen T-Shirts ist glücklicherweise noch nicht am Ende. Damit schaffe ich bestimmt das ganze Wochenende. Nur Obst gibt es leider keines mehr. Brot auch nicht. Milch wird langsam knapp. Salat, doch, Salat liegt noch im Kühlschrank. Seit ein paar Tagen. Er wirkt etwas läppsch.
Ich warte nur darauf, dass mich jemand fragt, was es zu essen gibt. Im Grunde bereite ich mich seit Mittwoch darauf vor, dass mir jemand diese Frage stellt. Oder die Frage nach frisch gewaschenen Unterhosen.
Ich bin mir noch nicht ganz sicher, welchen Auftritt ich dann aufführen soll. Die Tragödie? Die Actionkommödie? Familiendrama? Einzelkämpferschicksal?
Ich probe innerlich den ganzen Tag.

Man stelle sich das also so vor:

Ich liege auf dem unordentlichen Bett. Neben mir die zerrupfte Zeitung, schutzige Wäsche vor, unter und neben dem Bett, leere Gläser auf dem Nachtschrank, aufgeschlagene Bücher auf der anderen Bettseite, leere Blisterverpackungen um mich herum. Mein Haar befindet sich am Hinterkopf in Richtung Dreads und mein Haar an den Beinen auch (schon mal mit Hexenschuss die Beine zu rasieren versucht? Nein? Dann lass es auch in Zukunft besser bleiben.).
Die Hitze kommt durch die offenen Fenster und draußen lässt der Wind den Bambus rauschen.
Auf der Treppe stampft ein Elefant und nur Sekunden später steht ein angepekter Bursche (angepekt= leicht angeschmuddelt) neben dem Bett und schaut.
Bursche: Mama???
Mama: Ja???
B: Ich habe Hunger.
M: Mach Dir was.
B: Es ist nichts mehr da…
M: Ich kann das nicht ändern…
B: Was soll ich denn jetzt essen???
M: Woher soll ich das denn jetzt wissen???
B: Aber Mama, es ist nichts mehr da…
M: Ja. Und??
B: Was soll ich denn jetzt essen???

Und dann beginnt der dramatische Teil.
Die Mama legt sanft den Kopf zur Seite, eine Träne rollt über ihre ausgemergelte Wange und sie atmet leise. Haucht: Armer Bursche, es ist so hart für Dich. Dass Du damit zurecht kommen musst, eine behinderte Mutter zu haben. Es tut mir so leid, mein Kleiner. Kannst Du mir noch einmal verzeihen? Ich habe beim Jugendamt angerufen und gefragt, ob sie Dir helfen können. Die meinten aber, Du wärst mit neunzehn zu alt, ich müsste mich an jemand anderes wenden. Mein armes Bürschlein. Was sollen wir nur tun? Hier hat Du tausend Euro, vielleicht schaffst Du es damit, bis Montag zu überleben.
Sie schnieft in ein zartseidenes Taschentüchlein, reicht dem Burschen das Geld und atmet ein letztes Mal.
Oder
Die Mama reißt die Augen auf eine Art und Weise auf, die Roberto Blanko neidisch machen würde, wo er doch der König aller Augenaufreißer sein möchte. Sie holt tief Luft und kreischt wie eine durchgeknallte Banshee „DU ELENDER KLEINER PISSER VON MIR AUS KANNST DU VERHUNGERN DAS IST MIT KACKEGAL ICH HAB RÜCKEN UND DU HÄLTST DIE FRESSE SONST VERKAUFE ICH DICH NACH IRGENDWOHIN MIT WÜSTE UND DA KANNST DU EIN FUßBALLSTADION BAUEN DU IMPERTINENTES KACKKIND!!
Oder
Die Mama liegt wie tot auf dem Bett. Und liegt. Und liegt. Und liegt. Und liegt. Und liegt. Und liegt. Und so weiter. Und in ihren Gedanken ist sie an einem Strand. In einer Hängematte, aus der sie allein und ohne Hilfe nicht mehr herauskommt, weil sie Rücken hat. Das ist aber egal, weil ihr in regelmäßigen Abständen von liebevollen Menschen Getränke und Speisen gereicht werden. Sie hat sich von der Realität verabschiedet und wird auch nie mehr zurückkehren.
Oder
Die Mama sagt: Koch Dir ein paar Nudeln. Und der Burschi sagt: Okay.
Aber das ist irgendwie langweilig.

Ein anderer könnte vorbeikommen und sagen:
Ich habe keine sauberen Unterhosen mehr…
Darauf könnte die Mama sagen:
– Ist mir scheißegal.
– Dann nimmst Du eine Tube Rei. Wäscht nicht nur Schmutz aus Kragenecken, wäscht auch alles im Handwaschbecken.
– Im Keller steht ein Gerät. Das reinigt die Wäsche. Benutze es.
– Kauf Dir neue Unterbüxjen.
– Wie kommt`s? Wechselst Du etwa seit neuestem täglich die Unterwäsche? Verschwender.
– Da oben auf dem Berge, da steht ein Karton, da machen die Zwerge aus Scheiße Bonbon.
– Komm mir nicht mit solchen Banalitäten. Ich stehe kurz davor, die Weltformel zu erstellen. Jetzt. Gleich. Warte. Noch einen Moment. Sekunde. (Schnarchgeräusche folgen lassen).

Irgendjemand hat übrigens beim Einräumen der Spülmaschine mit Schwung den Rest Kakao aus einem Becher an die Wand geflatscht. Und zwar nicht nur dort, wo gekachelt ist, nein, auch an die verputzte Wand. Es ist auf Knöchelhöhe. Da kann ich nichts machen. Ich beobachte das. Vermutlich schaut sich der Fleck irgendwann weg. Im Moment sieht es noch so aus, als habe etwas an die Wand gekackt.
(Bin ich heute irgendwie unfein? Ich glaube schon. Disgusting!)
Aber ich sage nichts.

Ich halluziniere lieber noch eine Runde. Von einem straffen und gesunden Körper. Im Bikini, im Garten. Gebräunte, weiche, glatte Haut, stramme Muskeln, alles fest und gut geformt. So liege ich auf der Liege und lasse die Sonne meinen herrlichen Leib bräunen. Wenn es mir zu langweilig wird, liest mir jemand eine Geschichte vor oder ich mache einen formvollendeten Köpper in den Pool.
Danach lasse ich die Wasserperlen glitzernd auf meinem Körper trocknen.
Und dann kommt ein herrlicher, braungebrannter, großer, kräftiger… Toast?
Mist. Ich habe Hunger. Was soll ich denn nur essen??????
Es ist nichts mehr da!!!!!!