Da sitzt man im Auto und denkt vor sich hin. Mal an nichts Böses und mal an viel Böses. Man fährt die altbekannte Strecke, quer durch diverse Bundesländer, und erstaunt die Mitfahrenden, in dem man ihnen sagt: „Vorsicht, Hubbel!“ und genau eine Sekunde später über einen Hubbel fährt, welcher das Auto einen kleinen Seitwärtshoppser tun lässt.
Man kennt die Strecke exakt so gut, wie die eigene Hosentasche. Keine Überraschungen. Westerwald, Taunus, Flughafen, das große Nirgendwo um Büttelborn und weiter und weiter und später wieder zurück.

Gestern begab es sich, dass durch die recht große Besetzung die Fahrt doch interessanter wurde und ich mich danach in Erinnerungen ergehen konnte. Ich denke nämlich sehr gern beim Autofahren. Und da der Beifahrer mit der guten Frisur nun in diesem Leben kein Plaudertäschchen mehr wird, muss ich mich sowieso mit meinen eigenen Gedanken zufrieden geben. Dann kann ich das auch mögen, das ist besser, als sich über dieses Geschweige zu ärgern.

Hinten saßen zwei Pubertistas, entzückende, glatthäutige, langbeinige, zarte Damen, die zwitscherten, flüsterten, kicherten und dabei ein Getränk aus einem Beutel zu sich nahmen.
Und auf einmal kam die dringend vorgetragene Frage nach einer Tüte.
Ich hatte keine Tüte. Wie kann es sein, dass ich keine Tüte mehr im Auto habe? Ich hatte immer Tüten im Auto. Im Seitenfach eine ganze Rolle mit zehn Liter Tüten. Für alle Fälle. Und jetzt sind keine mehr da.
Hektisch, bei einer Reisegeschwindigkeit von einhundertzwanzig Stundenkilometern, wurde gesucht und gewühlt und improvisiert. Ich leerte eine Bonbontüte, in der Hoffnung, das könnte reichen, obwohl mir klar war, sie ist sehr klein. Wolkenköpfchen bot ihr Schuhwerk an. Das hat aber ein Loch. Meine Handtasche? Wenn es sein müsste, dann vielleicht einfach die Handtasche.
Und dann fand das Wolkenköpfchen aber erfreulicherweise mein Zwischenlager. Im Zwischenlager (rückwärtiger Bereich des Wagens, ganz hinten, letzte Ecke) befand sich eine Sammlung alter und hässlicher, zwar sehr gemütlicher aber mittlerweile unsäglicher Pyjamas auf dem Weg zum Altkleidercontainer. Seit mehreren Wochen. Hatte ich ganz vergessen. Und diese Sammlung war natürlich von einer Tüte gehalten. Schon flog der alte Mauvefarbene durch die Gegend und genau zum richtigen Moment hatte Wolkenköpfchens liebste zweite Hälfte die Tüte vor dem Gesicht.
Das war Caprisonne rein, einmal schütteln, Caprisonne raus.

In Büttelborn hielten wir zur Tütenentsorgung und Mundausspülung, fingen uns dabei eine Rastplatzwespe ein, die ich fachmännisch mit der Parkscheibe in der Fensterritze zerdrückte und dann wurde weitergekichert. Und etwas später eine Portion Pommes ohne mit der Wimper zu zucken verdrückt.

Ich erging mich alleweile in Erinnerungen. Wie lange war es her, dass mir jemand in mein Auto kotzte? Nun, zu Anfang des Jahres hatte ich einmal Wolkenköpfchen nach Hause geholt, weil es sich einen schlimmen Magen geholt und die ganze Nacht gebrochen hatte. Durch Doping schaffte sie es aber ohne Brechen bis nach Hause.
Also muss es schon einige Jahre her sein.

Ich glaube, die letzte Kotzrunde war auf der Fahrt von Dänemark nach Hause. Kurz vor Hamburg, die beiden empfindlichen Kinderchen, Wolkenköpfchen und Killerdog, hatten schon eine hübsche Grünfärbung seit zweihundert Kilometern, da fing das Wolkenköpfchen an, etwas hektischer zu atmen. Kein Problem, wir waren sehr erprobt.
Eine Tüte von der Rolle gerissen, aufgefaltet und den Kopf drüber. Bei der Einfahrt in den Elbtunnel fing sie an zu würgen und entleerte sich. Viel drin war ja nicht, denn vorausschauend wie Eltern sind, haben wir den lieben Kleinen nur wenig zu essen gegeben. Trotzdem und unheimlicherweise vermehrte sich ein Brot zu einer großen Menge Kotze.
Killerdog redete besänftigend auf seine Schwester ein.
„Du machst das ganz toll. Du bist so tapfer, wirklich. Und du hast so gut die Tüte getroffen. Richtig prima. Ja, gut, alles ist gut…“
Und bei der Ausfahrt hatten wir zwei vollgereiherte Tüten. Denn nach seiner liebevollen Ansprache rülpste er und schrie: „Ich brauch ne Tüte!! Sofort. JETZT!!“.
Dann zeigte auch er, was in ihm steckte.

Nach dem Elbtunnel fuhren wir den nächsten Rastplatz an, ich habe keine Erinnerung an seinen Namen, und hinterließen die Tüten in dem dafür vorgesehenen Mülleimer.
Ich war zufrieden mit meiner Fahrerrolle. Wer fährt, hat nicht ganz so viel mit der Kotze am Hut.
Der Gutfrisierte durfte dann immer dafür sorgen, dass die Tüten ordentlich verknotet waren und die Mäulchen abgewischt.

Mir kam auch die Erinnerung an die kleine Kotzparty des Fürsten. Damals war er noch Einzelkind, wirklich ein kleiner Wicht. Wir fuhren durch die Dunkelheit und er brüllte und brüllte. Er war ein Jahr alt und wir hatten ihn den ganzen Tag über mit Butterkeksen ruhiggestellt. Das war das erste Mal in seinem Leben, dass er etwas annährend süßigkeitenähnliches bekam und er war begeistert. Und er hielt vortrefflich die Klappe, was bei einer Beerdigung relativ angebracht ist.
Nur auf der Heimfahrt weinte er und weinte immer weiter. Schließlich nahm ihn der Gutfrisierte, der mit ihm auf der Rückbank hockte, aus seinem Sitz auf den Schoß. Ich fuhr. Es rülpste. Ich lachte. „Na, jetzt ist es wohl besser?“, sagte ich.
„Der hat mir ins Gesicht gekotzt.“, kam die abgeklärte Antwort.

Doch, es gibt viele Kotzgeschichten aus dem Auto. Über die kann man lange und ausführlich nachdenken und schmunzeln. Wie gesagt. Dann merkt man die Stille nicht so sehr.