Was für ein Abend!
Ich war in der großen Stadt und habe mir Kultur verpasst. Japanische Trommler haben ihre Künste gezeigt und ich muss schon sagen, was für Arme und was für Schultern und was für Rücken.

Für jemanden, der zwar ganz erträglich singen kann, aber nicht in der Lage ist, einen Rhythmus kontinuierlich zu klopfen, ist es ein Wunder, wenn Menschen über so ein Gefühl für Takt verfügen.
Es war imponierend. Auch die ganz dicke Trumm, wie man im Rheinland sagt, die dickste Trommel also, hat mich in der Tiefe erreicht. Wortwörtlich. Mir vibrierte die Magenschleimhaut und ich hatte Probleme mit dem Herzschlag, der sich in einem anderen Tempo befand als die dicke Trumm.
Wundervoll. Ich war auch noch mit meinem Vater dort und das ist immer sehr lustig. Er ist ein lustiger Mensch. Er weiß es eigentlich nicht, aber ich finde ihn lustig. Ich meine, er weiß beides nicht. Dass er lustig ist und ich ihn lustig finde.
Diese herrliche Grantigkeit, die er im Alter an den Tag legt. Und das abnehmende Verständnis für die anderen Menschen auf diesem Planeten. Witzig.
Und die große Stadt am Abend hat auch einen ganz besonderen Charme.
Hat mir gefallen, als Ausnahme. Für alle Tage wäre das nichts. Aber so ging das sehr gut.
Der kurze Umweg rund um den Bahnhof war schön. Ein kleiner Spaziergang im Mondlicht, vorbei an vielen schwarzgekleideten Leuten, die von einer Veranstaltung kamen, bei der man vielleicht auch als Vampir gut aufgehoben gewesen wäre. Aber ich war nicht bange, erstens hatte ich ja meinen Vater dabei und der hat behauptet, er wäre bewaffnet und zweitens hat mir noch nie ein schwarzgekleideter Mensch irgendetwas getan. Es gibt auch noch Fotos, auf denen ich relativ schwarzbekleidet war. Daher mögen auch die Sympathien kommen.

Ein perfekter Abend. Fast. Warum nur fast? Nun. Hier kommt ein Frau Lavendel Spezial:

Fast wäre es toll gewesen, wenn mir nicht so übel geworden wäre. Ich setzte mich auf meinen Platz, neben meinen Vater, der wiederum neben einer Kleinfamilie saß, Mutter, Vater und Max, der von seinem Vater einen Rüffel nach dem anderen kassierte, während Vater am Handy fummelte. Also aus dem Mundwinkel. Und Max Mutter verzog das Gesicht und streichelte das Mäxchen in einer Tour und betrachtete ihn mit einer Mischung aus Stolz, Mitgefühl und vielvielviel Liebe.
Neben mir war der Platz noch frei. Zwei Minuten vor dem Start der Trommelei stürzte noch eine Gruppe von vier in den Saal, alle mussten aufstehen und mit eine lauten Ächz und Plumps hockte dann ein großer, großer Mann im karierten, kurzärmeligen Hemd mit dickem Bauch und klitzekleiner, dürrer Freundin neben mir.
Und sofort kroch er mir in die Nase. Ganz fein. Er schlich sich über meine Geruchsnerven in mein Hirn, zu meinem Magen und die Meldung war: Hochwürgen. Sofort.
Großer Gott (und ich rufe den Herrn mehr als selten an!!), großer Gott wie roch denn der? Schlimm!
Die waren vorher…, wartet. Aus dramaturgischen Gründen erfinden wir erst einmal Namen. Er heißt Frank, seine Freundin Jessi, Jessis Schwester heißt Jacky und deren Freund ist der Peter. Sie sind zwischen zwanzig und dreißig. Und haben sich alle heute geduscht und schön gemacht und parfümiert. Sehr ausgedehnt parfümiert. Extrem. Und dann sind sie zusammen essen gegangen. In einem Asia-Imbiss.
Wo es sehr viel Fritiertes gab. Und wo sich die vier verschiedenen Parfümsorten mit einem Flair von Fett umhüllten.
Frank hatte die Einunddreißig, die Siebenundvierzig und eine Hundertzwölf. Fritiert und mit extra Krabbenbrot.
Der Peter hatte das gleiche, aber statt der Hundertzwölf hatte er die Hundertdrei mit extra Soße.
Die Schwestern hatten zusammen eine Sechsundvierzig für zwei Personen. Aber ohne Fisch. Dafür Huhn. Jessi hat nämlich eine Fischallergie.
Und als sie das alles in ungefähr fünfunddreißig Minuten verdrückt hatten, war es Zeit für den Shōchū. Jeder kippte flott zwei Gläschen, aber nicht das harmlose Zeug, nein, das mit den zweiundvierzig Umdrehungen. Zur Fettverdauung.

Wie gesagt, meine Nase schrie, mein Hirn macht klappklippdieklapp und mein Magen hüpfte. Aber ich habe meine Nase einfach ein bisschen in meiner Jacke versenkt, die Zufuhr von Luft reguliert und mich langsam in kleinen Dosen an den Geruch akklimatisiert.
Bis zur Pause war ich soweit, ich hatte mich fast dran gewöhnt.
Und als die vier aus der Pause kamen, war all mein Mühe für den Arsch. Sie waren nämlich schnell eine… na? Genau. Eine rauchen.
Und das war genau das Quentchen an Geruch, das mir gerade noch gefehlt hat.
Asia-Imbiss, Schnäpperken, viererlei Parfüm und dazu kalter Rauch. Mir blieb nichts erspart und ich rutschte immer weiter rüber, bis mein Kopf an der Stelle war, wo eigentlich der Kopf meines Vaters hätte sein müssen, der seinerseits dem Vater von Max auf die Pelle rückte, der wiederum mit seiner Birne zu Max Mutter rüberrutschte, die dann den Dominoeffekt unterbrach, weil Max Kopf auf anderer Höhe war.
Was war das für eine Belästigung.
Und innerlich beschimpfte ich diese Stinker, übelst sogar.
Und habe doch nichts gesagt. Hätte ich sagen müssen, he, Leute, ihr stinkt? Hätte ich?
Nein oder? Davon abgesehen frage ich mich, ob die sie sich selbst nicht gerochen haben. Und ob man, wenn man zu einer Veranstaltung geht, nicht darauf achtet, geruchsmäßig im grünen Bereich zu sein. Sollte es aber gesellschaftlicher Konsens sein, ab sofort Duftmarken bei Kulturveranstaltungen zu setzen, gut, dann benutze ich an solchen Tagen eben kein Alu-Deo.

Insgesamt war es ein wunderschöner Abend mit einer geruchlichen Schwachstelle.
So kann man das wohl nennen.