Der Wald wird dunkelgrün. Und wenn der Wald dunkelgrün wird, dann weiß man bescheid. Dann dauert es nicht mehr lange und er wird knallbunt und dann ist es wieder generell dunkel.
Natürlich dauert es noch. Das ist nichts, was von heute auf morgen geht. Aber es ist der Anfang. Das helle, fröhliche Grün ist ersetzt durch das Jägergrün. Lodengrün.
Und die Vögel sind zurückhaltender mit ihrem Gebrüll.
Ich lasse mich davon jetzt nicht nervös machen. Es dauert noch, bis der Herbst wirklich durch die Tür kommt.
Was ich mich aber frage, jedes Jahr auf ein Neues, wann hören die Kinder auf, im Juli und im August Weihnachtslieder zu singen? Es ist doch befremdlich, wenn Pubertierende im sonnengefluteten Garten herumlungern und eine fängt an, „Alle Jahre wieder“ zu zwitschern.
Vor allem, da es bei mir sofort eine leichte Panikattacke auslöst, weil mir plötzlich wieder die Weihnacht in mein Bewusstsein hineinfährt wie ein Steakmesser in ein Entrecôte.

Nur noch vier Monate, dann sitze ich hier auf dem Sofa, alle Fenster und Türen sind verrammelt, im Kamin lodert ein lustiges Feuerchen, damit ich nicht erfriere und der Hund wird mich mit aufforderndem Blick anschauen, der nichts anderes sagt, als dass ich ein Weichei bin, weil ich nicht bei fünf Grad im Nieselregen durch den Wald laufen will, in dem sich außer braun und grau keine weiteren Farben mehr befinden.
Und ich werde bibbern und schlottern und denken, scheiße, schon wieder Weihnachten morgen, und ich werde wieder kaum ein Geschenk haben und panisch durch das Kaff irren, lauter idiotische Sachen zusammenraffen und bei jedem Schein, den ich über eine Ladentheke reiche, betrübt sein und denken, was für ein Mist, damit hätte man auch schöne Sachen machen können. Schenken, weil schenken Pflicht ist. Ein Graus. Und wenn ich nichts schenken würde, was würden hier alle heulen.
Und dann auch der Geist der vergangenen Weihnacht. Der wäre hellwach und würde mir ständig auf die Schulter tippen und ich würde dauernd vor Schreck hyperventilieren. Er fängt ja schon jetzt an zu zucken, aber nur, weil diese Pubertistas eben im höchsten Sommer „Was soll das bedeuten“ brummeln.

Da atme ich so laut vorwurfsvoll, dass es eigentlich bis hinter Gelsenkirchen zu hören sein müsste. Aber wie das so ist, die Torfköppe direkt nebendran, die hören nichts. Die haben die Frequenz Mütterliches-Atmen-Mit-Vorwurf komplett aus der Wahrnehmung gestrichen und singen unverdrossen weiter, kichern, lachen und überlegen sich schon einmal, was sie sich zu Weihnachten wünschen.

Das sind Momente, da wünsche ich wirklich, der Sommer würde niemals enden.