Das Schicksal einer Mutter beinhaltet das Warten. Viel Warten. Warten hier und Warten da.
Erst wartet man, dass sie rauskommen, die lieben Kinderlein. Spätestens ab dem Tag des errechneten Geburtstermins wird heftig gewartet. Das ist erst der Anfang.
Dann wartet man im Wartezimmer von Kinderärzten, lang, länger, ewig lang. Man wartet vor der Tür des Kindergartens, pardon, der Kindertagesstätte, man wartet vor der Schule, man wartet mit gestrichen voller Hose am Küchenfenster bei Sonnenuntergang und Jahre später mit extrem geschwollenem Hals bei Sonnenaufgang am gleichen Fenster.
Man wartet vor Sportplätzen, vor Ballettschulen, an Elternabenden, auf Schulfesten, man wartet sich dumm und dämlich.
Das ist so, das ist in der Arbeitsplatzbeschreibung „Mutter- ein ganz besonderer Job“ ganz klar formuliert.

Aber irgendwann sollte das aufhören. Finde ich. Nur, das ist nicht ganz so einfach. Zumindest für mich, weil ich ein Weichling bin und mich immer überreden lasse, mal hierhin und mal dorthin zu fahren. Ich fahre aber auch gern Auto, das muss ich schon sagen, sonst würde ich das ja nicht machen. Und wenn jemand ein Vorstellungsgespräch hat, dann kann man durchaus so nett sein, die Tour zu machen, wenn er so lieb fragt: „Mama? Ich muss doch nach Hintertupfing neben dem Eiermarkt und da fährt man mit Bus und Bahn zwei Stunden und eine halbe und mit dem Auto nur eine halbe Stunde und könntest du so wahnsinnig, irrsinnig, unglaublich lieb und nett und freundlich zu deinem dich liebenden Sohn sein und ihn hinfahren?“
„Hä?“
„Brummbrumm für mich?“
„Jojo!“

Und heute ist es heiß! So ein Scheiß. Schon klar. Also gut, ein Hoch auf die Klimaanlage im Auto, schön, erfrischend, herrlich. Frohgemut machten wir uns auf nach Hintertupfing zum Vorstellungsgespräch, gleich neben dem Eiermarkt. Und dort fand ich einen schattigen Parkplatz, denn man darf aus Umweltgründen ja nicht das Auto laufen lassen, um die Klimaanlage am Laufen zu halten. Es empfiehlt sich also, einen schattigen Platz zu finden. Wie gesagt, das Glück war mir hold. Für ungefähr zehn Minuten, dann kam die Sonne um die Ecke und ich war sehr schnell sehr gar gekocht. In Hintertupfing gibt es sonst eher nichts. Darum wusste ich nicht so recht, wohin mit mir, während meiner mütterlichen Wartezeit. Nach Hause fahren lohnte sich nicht. Im Auto bleiben kam nicht in Frage, sonst hätte mein nächster Eintrag gelautet: Sie schmolz in einem Auto. Oder: Sie kollabierte auf dem Fahrersitz.

Ich verließ aus Überlebenswillen den Wagen und suchte nach einem schattigen Platz. Hier und dort und da. Schließlich fand ich an einer Baustelle einen Betonklotz, aus dem ein Schild ragte. Und das Ensemble befand sich unter einem Baum. Also hockte ich mich auf den Klotz und nahm mein mitgeführtes Buch zur Hand, um ein wenig in der Affenhitze unter einem Baum auf einem Betonklotz neben einer Baustelle bequem zu hocken wie auf einem Schleifstein und zu lesen. Ein Traum.
Ein kleines Wasserfläschchen hatte ich neben mich gestellt. Eigentlich dachte ich, vielleicht würde mir jemand ein Zehncentstück neben die Flasche werfen, aber ich sah wohl nicht leidend genug aus.

Irgendwann merkte ich ein leichtes Unwohlsein. So nach ungefähr einer Stunde, würde ich schätzen. Es war nicht der Rücken, der tat schon nach fünf Minuten weh. Nein, eher so ein Knurren im Bauch. Und ein zittern der Finger.
Ich hatte Hunger. Mein Blutzucker sackte. Herrjeh. Und nun?
Ich überlegte, wie ich dem sicheren Tod entgehen sollte. Dem Hungertod. Und da fiel mir ein, ich hatte in meiner Handtasche, in dieser blöden, verkackten Handtasche, die keine Unterteilungen oder Fächer hat sondern nur ein Beutel ist, der unglaublich teuer war und den mir der Gutfrisierte einmal zum Geburtstag schenkte und den ich direkt doof fand aber jetzt aus Gründen trotzdem mit mir herumschleppe, in diesem Büggel hatte ich Essen. Ich freute mich, als mir das einfiel. Prima, dachte ich, dann schnapp ich mir doch aus meiner Tasche… aus meiner Tasche (wühlsuchwühlsuchwühlwühl)… hahaaaaaa. Huah.
Kinderschokolade.

Schlimme Sache war das mit der Kinderschokolade. Bei fünfunddreißig Grad macht sich Kinderschokolade in der Tasche nicht gut. Beziehungsweise wird das Innere der Tasche vom Inneren der Kinderschokolade komplett ausgekleidet.
Und das Portemonnaie. Und die Tragebüggelchen. Und die Autopapiere. Und der Schlüssel. Und alles, alles war voll mit warmer, weicher, klebriger Schokolade.
So eine Sauerei hatte ich noch in keiner Tasche.
Mit Hilfe des Wassers und eines Taschentuchs und mehrer oller Kassenzettel versuchte ich, dieser Katastrophe Herr zu werden.

Letzten Endes muss ich sagen, die Wartezeit verging wie im Flug, während ich mit Süßwaren einen einsamen Kampf ausfocht.
Und gelernt habe ich, Schokolade nur noch im Winter in einer Handtasche mitzuführen.
Außerdem weiß ich jetzt, das bratwarme Schokolade einen Geruch verströmt, der mir Übelkeit verursacht. Wespen stören sich aber nicht daran, im Gegenteil, die fahren ab auf diesen Geruch.
Und bei fünfunddreißig Grad in der prallen Sonne im Auto sitzen ist nur halb so schlimm, wenn man sich sonst nicht sicher sein kann, ob man nicht von gelbschwarz geringelten Flugsauriern gefressen oder gestochen wird.

Wir alle wissen ja, am vierundzwanzigsten Dezember hat das Warten ein Ende, wenn die Sonne untergeht. Spätestens dann.