Wir wohnten direkt gegenüber der Kirche und mein Zimmer war das Zimmer mit dem besten Ausblick auf den Kirchhof. Ich sah sie alle, die Beerdigungen, die Hochzeiten, die Sonntagsmessen, die Kommunionen, die Firmungen. Der Rest der Familie hatte die Fenster zur anderen Seite gelegen, weshalb ich auch diejenige war, die den wunderbaren Klang der Glocken am Samstagabend und am Sonntagmorgen mit aller darin befindlichen Kraft und Ausdrucksstärke genießen durfte.
Aber wenn man noch sehr jung ist, schafft man es, selbst die dickste Glocke nicht zu hören und einfach weiterzuschlafen.
Höchstpersönlich ging ich zur Kirche in der Zeit der Kommunion. Ich wollte auch endlich Oblaten und ich wollte Geschenke und ich wollte einen Tag Schulfrei. Dafür ging ich Sonntagmorgen ohne Zähneputzen einfach nur flott über die Straße, zog mir den Gottesdienst rein und danach gab es Frühstück. Ich ging natürlich allein, denn alle anderen Familienmitglieder waren entweder schon aus der Kirche ausgetreten oder nie dabei gewesen und ich als einziger im Verein der Katholen verblieben.

Nach der Kommunion, bei der ich mir mit einem scharfen Messer beim Brotschneiden in den Finger schnitt, erst einmal besorgt war um die Unversehrtheit meines wunderhübschen weißen Kleidchens und anschließend ohnmächtig herniedersank, weil ich mein eigenes Blut nicht gut sehen konnte, beendete ich meine Kirchenkarriere recht schnell. Ich war unmotiviert, morgens noch weiter so früh aus dem Bett zu krabbeln, nur um mir vollkommen unverständliches Zeug anzuhören, verbunden mit dem Auftrag, das, was ich nicht verstand, auf jeden Fall zu glauben.

Glauben ist etwas, das mir nicht leicht fällt. Warum sollte ich etwas glauben? Vor drei Jahren war ich noch auf der Seite des Lebens, auf der man dies und das glaubt. Ich glaubte an die Möglichkeit vom Sinn des Lebens, an die Möglichkeit der Existenz von Etwas. Etwas, das sich nicht unbedingt beweisen lässt.
Hätte man mich gefragt, ich hätte schon gesagt, in gewisser Weise spirituell zu sein. Das Leben kam, schrubbte mein inneres Gefäß für Spiritualität mit seiner großen Klobürste richtig durch und dann war es das.
Glauben ist perdu, erledigt, vorbei. Kein Gott hat mich gerettet. Kein Kügelchen und keine Gespenster. Habe ich wirklich jemals etwas Übernatürliches erlebt? Etwas Übersinnliches? Unerklärliches? Halt, stopp, Unerklärliches erlebe ich ständig, das liegt in der Natur meiner Mitbewohner, die mir in der Regel unerklärlich sind in ihren Handlungen und Äußerungen.
Davon abgesehen, nein. Keine Geister, keine Gespenster, keine göttliche Zuwendung. Nichts. Nur das Leben. Und das reicht auch schon.

Es gibt aber immer wieder Menschen, die mir erklären wollen, dass mein Gefühl nicht richtig ist. Dass es etwas gibt, das uns schützt und leitet. Das hilft und einen Plan hat. Das uns Schutzengel schickt und behütet.
Das darf jeder glauben, wenn er das braucht. Ich glaube es nicht. Es gibt keinen Raum in mir, in dem das Platz hätte.
Ich schaue in die Welt und sehe, wie klein ich bin. Wie unwichtig. Meine Existenz ist winzig, während das Alles riesig groß ist.
In guten Zeiten erfüllt es mich mit einer gewissen Ehrfurcht, in diesem Alles zu sein, ein winziger Teil davon. Wie vielleicht eine Schuppe meiner Haut. Sie ist da und wenn sie im Garten auf der Wiese landet oder im Bad von einem Silberfisch verspeist wird, egal, es geht weiter, das Alles.
In schlechten Zeiten fühle ich mich einsam und verloren, weil das Alles viel zu groß ist und es nirgendwo einen Rand gibt, an dem ich mich festkrallen kann. Weil es schneller vorbei ist, als man mit der Wimper zuckt und es keinen rettenden Hafen gibt.
Dann denke ich immer, könnte ich doch etwas glauben, das könnte helfen.
Zumal ich in der letzten Zeit auch ununterbrochen Glaubensempfehlungen bekomme.

Bestimmt zehnmal am Tag höre ich „Glaub mir“. Und es nicht der Herrgott, der zu mir spricht. Übrigens habe ich einmal gelesen, dass bei religiösen Eiferern und Menschen, die religiöse Erscheinungen von Maria und anderen haben, bestimmte Hirnareale hyperaktiv sind. Im Schläfenlappen? Ich weiß nicht mehr genau.
Beim kürzlich gelaufenen Check meines Hirns sah nicht alles optimal aber nichts nach Hyperaktivität aus. Vielleicht brauche ich einen Schlag mit dem Hinkelstein auf das Köpfchen, um anschließend eine Menge zu glauben. Dann glaube ich auch wieder an das Christkind.

Heute sollte ich jedenfalls schon eine Menge Glauben. Die Appelle an meinen Glauben beginnen in der Regel so:

„Glaub mir, Mama…..“

und dann folgt mehr oder weniger ausführlich eine glaubenswürdige Wahrheit aus dem Universum der Pubertät.

„Glaub mir, Mama………

– ich werde demnächst den kompletten Arm tätowiert haben. Tätowierung ist Körperkunst!!

– ich werde den Motorradführerschein machen. Und mir passiert schon nichts. Ich bin aus Stahl.

– ich brauche die Brille nur beim Autofahren zu tragen. Nein, mein Hirn muss sich nicht an die Brille gewöhnen. Glaub mir, mein Hirn kann sich in Sekundenschnelle umstellen. Das ist so. Glaub es mir.

– ich kenne mich aus mit Verkehrsregeln.

– ich brauche niemanden, der mich weckt.

– gekaufte Pfannkuchen schmecken gut.

– es gibt hier nie etwas Gescheites zu essen.

– ich werde mir schon ein Auto kaufen können (vor den Autokauf hat der liebe Gott das Geld gestellt- Quatsch, ich kriege das hin, glaub mir.).

– ich brauche Geld. Für Schuhe, Hose, Hemd, Auto, Fahrkarte, Socken, Limonade (warum nie für ein Buch? Geld für ein Buch, ich gäbe es gern!).

Ich soll das alles glauben. Das und noch vieles mehr. Ich soll glauben, dass es normal ist, mit anderen kleinen Asis einen Platzverweis von der Polizei zubekommen, weil man abends auf dem Spielplatz Bier trinkt. Soll ich das glauben? Mir ist das bisher nicht passiert. Und ich kannte auch niemanden, dem das passiert ist. Bis jetzt.
Ich kann auch jetzt schon einmal glauben, dass die neue Arbeitsstelle in fünf Kilometern Entfernung auf keinen Fall mit dem Fahrrad angefahren wird. Ich kann glauben, dass ein Auto von Nöten ist. Und man kann natürlich mit dem Auto die zwei Kilometer zum Bahnhof fahren und dann drei Kilometer mit der Bahn. Das geht auch. Aber ich kann, soll, muss glauben, dass auf überhaupt keinen Fall niemals nie und nimmer nicht ein Fahrrad benutzt wird.
Und ich kann glauben, dass diese eine Liebe die einzig richtige ist und keine andere mehr kommt.
Glauben soll ich auch, dass Fleisch das einzig Wahre ist und Gemüse die Pest.
(Glaub mir, Mama, Gemüselasagne ist eine Erfindung der Hölle.)

Es geht mir aber wie bei dem katholischen Glauben. Oder dem spirituellen Glauben. Ich kann nicht. Es geht nicht.
Und warum? Weil ich mich doch hier nicht für dumm verkaufen lasse.
Ich glaube denen nicht, schon gar nicht, wenn ich es tun soll. Wenn es von mir verlangt wird. Kommen mit irgendwelchen Wischiwaschisachen um die Ecke und wollen mir erklären, dass Glaube Wahrheit ist.

Ich muss nicht alles wissen, wirklich nicht. Ich will nicht wissen, wann ich den Abgang mache, ich will nicht wissen, wie die Zukunft aussieht. Ich will nicht wissen, wie nächsten Monat das Konto aussieht und wie es bei Grey`s Anatomy weitergeht, will ich auch nicht wissen.
Ich will nicht wissen, wann Pauli von nebenan nicht mehr in die Hose pinkelt und ich will nicht wissen, wie teuer die neuen Autoreifen sind.
Ich werde es schon irgendwann erleben. Vermutlich. Oder auch nicht.

Und wenn mir hier und heute noch eine einzige Person sagt: Glaub mir!,
dann fange ich an zu schreien und werde damit nicht aufhören, bis zum Sankt Nimmerleinstag. Und das kann man mir getrost glauben.