Erst wollte ich einen zutiefst philosophischen Beitrag verfassen. Über das Leben, über das Sterben, über Gesundheit und über Krankheit.
Es bot sich an, alleweil ich auf dem Sofa liegend, melancholisch dem leichten Pfeifen meiner oberen Atemwege lauschend, meine Gedanken schweifen ließ in weite Fernen.
Sinn und Unsinn von Handlungen und unterlassenen Handlungen, über viele Dinge dachte ich und wollte meine Gedanken schriftlich festhalten, weil ich sie so sortieren kann. Und natürlich noch die Hybris, andere Leute würden meine Worte für wichtig und interessant halten.

Aber dann, ja dann war Schluss mit dem Tiefgang. Und das echte, reale Leben ließ mich wie so oft ratlos zurück. Und in meinem Kopf herrschte nur noch der Gedanke vor:
Ich verstehe das nicht!!

Dieser Sommer ist ja bekanntlich ein recht warmer. Die Temperaturen lagen häufig über dreißig Grad. Der Schweiß floss reichlich und gern wurden alkoholfreie Cocktails am Nachmittag gereicht.
Sich anzuziehen war mit wenig Aufwand verbunden. Weit und luftig war die Devise.
Außer bei Killerdog. Der trug selbst bei fast vierzig Grad noch Jeans und langärmelige Shirts. Ich persönlich wäre am Hitzschlag verendet, aber Killerdog hat wohl ein ausgeklügeltes Überlebenssystem, das ihn vor dem Schlag schützt. Wie genau das funktioniert, konnte er nicht beantworten.
Der Bitte, doch wenigstens die Strümpfe auszuziehen, wollte er nicht nachkommen.
Schön warm verpackt lief er durch die heißesten Tage des Jahres und vielleicht sogar des Jahrzehnts, ließ dabei einige Liter Flüssigkeit versickern, schien aber insgesamt gesund und munter, weshalb ich zwar auf typisch mütterliche Art den Kopf schüttelte und missbiligend hinter ihm herschaute, mir aber keine weiteren Gedanken dazu machte, weil auch ich in pubertären Zeiten meinen Körper vor Sonnenlicht verbarg. Und Killerdogs großer Bruder hat in diesem Sommer die Verhüllungen hinter sich gelassen und ist in kurzen Hosen in die Welt getreten.

Ich verstehe das nicht!!

Warum steht plötzlich, nachdem das Termometer unter die zwanzig Grad Marke gefallen ist, Killerdog vor mir, barfuß, kurzärmeliges T-Shirt und Unterhose?
Ich verstehe es nicht. Ich habe eine leichte Strickjacke an, Strümpfe und sogar endlich wieder ein Tuch um den Hals gewickelt. Und da kommt der Bursche, der die Grenzen der Bekleidung bei Hitze austestet, leichtbekleidet um die Ecke. Da kann man doch wirklich ins Grübeln kommen.

Zumal er den sommerlichen Schnupfen, der auch mich plagt und momentan eine Etage tiefer zu rutschen droht, ebenfalls sein eigen nennt. Das Wolkenköpfchen hat das im Haus verteilt und zwei haben zugegriffen.
Nun heißt so ein Infekt ja auch Verkühlung. Und ich habe schon früh gelernt, bei einer Verkühlung soll man sich warm anziehen, damit man nicht völlig verkühlt, was sicher den Tod nach sich ziehen würde.
Da steht also dieser Lackel vor mir, draußen regnet es bei sechzehn Grad, es ist schon um drei Uhr nachmittags recht finster und er sieht aus, als käme er von der Beachparty.
Wobei er die Tage vorher aussah, als hätte er Herbststürme im Zimmer.

Ich verstehe es immer noch nicht.
Möglicherweise werde ich es nie verstehen.
Ich lehne mich einfach zurück in die Kissen, lese ein bisschen und lausche dem Tröpfeln des Regens, der vom grauen Himmel auf den grauen und abgeranzten Balkon fällt, um von dort auf die Hortensienblüten zu trätscheln.

Denke ich heute eben nicht mehr.