Ich will doch nur eine Hose.
Eine neue Hose. Weil die Sommerhosen zu dünn sind und so billig waren, dass sie wegen ihrer Qualität im jetzt zweiten Jahr nur noch als Putzläppchen zu gebrauchen sind. Für den Herbst und Winter brauche ich eine Hose. Gern auch zwei. In meinem Kleiderschrank befinden sich nämlich für diese Jahreszeit nur noch drei Hosen, die gehen. Eine schwarze Stoffhose, die ich immer bei Chor-Konzerten anziehe. Oder wenn ich zur Rechtsanwältin muss, weil dort eine Besprechung stattfindet, wie man weiter vorgehen soll bei den verbummelnden Gutachtern. Da will man ja nicht aussehen, wie die letzte Truschel vom Lande. Reicht, dass man die drittletzte Truschel gibt.
Desweiteren eine Jeans, die passt. Und eine Jeans, die gepasst hat.
Ich habe die Cordhose vergessen. Die raschelt so im Schritt, wenn die Hausfrauenschenkel aneinander geraten. Darum mag ich die nicht. Außerdem umspannt sie meine Waden. Mag ich auch nicht.

Also möchte ich gern eine neue Hose.
Wobei ich gerade denke, ist das denn wirklich nötig?
Meine Mutter, die hat Unmengen von Hosen im Schrank. Ist sie deswegen ein glücklicher Mensch? Nein.
Kann der Mensch mit vier Hosen leben?
Vermutlich. Es gibt Menschen, die kommen ohne Hosen klar. Oder die mussten ihre Hosen weiss der Himmel wo zurücklassen.
Also ist das mit der Hose eine Luxusproblem.

Trotzdem bekomme ich das Fluchen, wenn ich in einem Geschäft stehe und versuche, eine Hose zu finden.
Da sehe ich eine, denke mir, vom Angucken her ist die doch ganz gut. Es beginnt die Überlegung, in welcher Größe ich sie in die Umkleide mitnehme.
28/28, 28/30 slim oder regular oder low dingens oder high bumens.
Meine Güte.
Ich habe zweiundvierzig! Ich bin keine Elfe.
Dann nehme ich eine, die so aussieht, als könnte sie passen, verschwinde hinter dem Vorhang des Grauens, kneife die Augen zu Schlitzen zusammen, um mich nicht im Umkleidekabinenhorrorzerrspiegel ansehen zu müssen, schlüpfe aus meiner alten Hose, gebe mich Sekunden dem Gedanken hin, dass neue Unterbuxen dringend angeraten wären, Beine rasieren nicht nur im Sommer geht und die Farbe bleich ganz genau meine Hautfarbe ist. Die Dellen und Adern und Flecken guck ich weg.
Ich schiebe sodann mein Bein ins erste dafür vorgesehene Loch und bin auch schon wieder draußen aus der Hose. Wenn sich der Stoff besitzergreifen um meine Waden schlingt und ich sofort Platzangst bekomme, weiß ich, aus dieser Hose und mir wird kein Paar.
Dann bin ich auch schon wieder in meiner Hose, verlasse die Umkleide und suche weiter. Und siehe da, ein weiteres Beinkleid kreutzt meinen Weg. In dunkelblau und nicht so eng, weich und schmiegsam.
Wieder gehe ich zurück zum Spiegel hinter dem Vorhang, wo man allein mit sich und seinen körperlichen Desastern klarkommen muss.
Ich wiederhole die Prozedur, ziehe die Hose sogar richtig über, es fühlt sich ganz okay an und dann wage ich den Blick in den Spiegel. Drei Sekunden später bin ich raus aus der Hose, weil ich mich vor meinen Spiegelbild erschreckt habe.
Ein Nilpferd. Wie kann das sein, dass eine Hose aus einem zweiundvierziger Körper ein Nilpferd macht?
So wanke ich kurze Zeit später weiter durch das Hosenangebot, versuche sogar, einfach nur spaßeshalber und weil ich meine Schwester nachmachen will, eine Umstandshose (die darf das, die ist ja noch nicht so lange nicht mehr umständig). Aber auch das Experiment endet mit einem Schlag ins … auf die Schenkel. Hässlichkeit kennt kein Pardon, auch bei einer Hose nicht.
Ich erklärte das Projekt: Ich kaufe mir eine Hose! für gescheitert und zog mich zurück in meine Trutzburg, um dort in Ruhe und Frieden auf dem Sofa nach einer Hose Ausschau zu halten. Das geht ja in den heutigen Internetzeiten so einfach wie nix.

Jedoch, jedoch, die Wespen stachen immer noch
(Zitat aus einem meiner Lieblingsbücher, ach du liebe Güte, soviel ist das jetzt Wert?????? Und ich habe das im Regal!! Wertzuwachs!! Ich habe zweihundert potenzielle Wertzuwächse aussortiert!)

Zuhause wurde auch nichts besser.
Bootcut, Slim fit, Straight leg, Skinny, Regular fit, Comfort fit, Loose fit, Low waist, High waist, Flare, Marlene, ja da leck mich doch am Hosenbein.
Ich kann es einfach nicht.
Ich bin zu doof für mir eine Hose zum kaufen.
Ich schaue mir die Exemplare an und frage mich, in was für einer Welt leben wir eigentlich? In einer Welt, in der man seine Jeans nicht einmal mehr selber runterranzen muss. Da bekommt man abgeranzte Hosen für teuer Geld verkauft. Löchrig, ausgefranst, verwaschen, man muss sie nicht einmal tragen, damit sie aussehen, als wären sie getragen.
Ich bin doch erst sechsundvierzig noch gar nicht so alt. Gut, früher, vor ein paar hundert Jahren, da wäre ich jetzt schon Uromma gewesen. Aber heute ist das doch kein Alter. Aber diese Hosensache führt dazu, dass ich mich extrem alt fühle. Seniorig. Ich möchte das nicht.
Das ist toal unangenehm. Ich wollte nur eine Hose. Und bekomme stattdessen eine Depression.

Kauf ich mir halt eine Jogginghose und ziehe nach Berlin. Da kann man sowas tragen.