Jetzt ist Herbst.

(Hier nun eine andächtige Stille einfügen und einfach ein wenig vor sich hin atmen)

Ich habe eine Strickjacke an. Weil Herbst ist. Nicht, dass mir unsagbar kalt wäre. Aber wenn der Herbst ums Eck kommt, dann verfalle ich wieder in meine Strickjackensucht und bedecke auch sofort meinen Hals wieder mit heiteren Tüchern.
Spätestens in zwei Monaten werde ich vermutlich auch wieder gefragt, warum man nie meinen Hals sehen darf. Mein Hals ist eben gern bedeckt. Das ist nichts Religiöses. Es ist einfach schön und sicher. Vermutlich ist das ein Überbleibsel aus meinen jungen Jahren.
In meinen jungen Jahren las ich nämlich nichts lieber als gruselige Geschichten. Gespenster, Hexen, Vampire, Werwölfe, ich liebte sie alle und gruselte mich fast um den Verstand. Ein Tuch hübsch drapiert unter dem Kinn könnte den ein oder anderen Vampir davon abhalten, mir in den Hals zu beißen. Im Herbst. Im Sommer gab es Momente, wo ich lieber einen Vampirbiss als einen Schal am Hals gehabt hätte. Die Temperaturen ließen eine Halsbedeckung nicht zu. Aber jetzt.

An eine gruselige Geschichte erinnere ich mich noch besonders gut. Sie hat mich dermaßen viele Nerven und Nächte gekostet, dass ich mich einige Zeit sehr unausgeschlafen durch mein junges Leben schleppte. Ich war elf oder zwölf Jahre alt und las „Der Horla“ von de Maupassant. In dieser Geschichte wird ein junger Mann wie aus dem Nichts von nächtlichen Albträumen gequält, fühlt sich ängstlich und getrieben und glaubt, dass er den Verstand verliert. Immer mehr verdichten sich die Anzeichen, dass er von einem Wesen verfolgt wird, das nicht menschlich ist und sich von seiner Lebenskraft, Wasser und Milch ernährt.
Danach hatte ich eine schwere paranoide Phase. Ich fragte mich unablässig, ob mir ein Horla über die Schulter schauen würde, ob er mir das Leben aussaugen würde, in der Nacht und empfand immer, wenn ich mich in mein Bett legte, sofort ein schweres Gewicht auf meiner Brust. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich davon überzeugen konnte, keinen Horla hinter mir auf der Lauer liegen zu haben.
Als ich dann anfing, diese kleinen Vampirheftchen zu lesen, wollte ich nicht mehr ohne Kreuz und Knoblauch schlafen gehen. Ich verdächtigte sogar engste Familienmitglieder, Vampire zu sein. In der dunklene Jahreszeit saß ich einmal neben meinem Vater im Auto und sah aus dem Augenwinkel einen hellen Reißzahn aufblitzen.
Ich möchte jetzt nicht behaupten, seitdem diese Vorliebe für Halsbedeckungen mit mir herumzutragen. Denn damals war es eher eine Kette mit einem kleinen Kreuz, die an meinem Hals herumbaumelte.
Diese Kette nahm ich über Wochen nicht ab. Und jede Nacht fuhr ich mitunter laut aufschreiend aus dem Schlaf. Bis meine Mutter mir verbat, weiter solche Hefte zu lesen und mir stattdessen den Herrn der Ringe und Artus-Sagen an die Hand gab.
Dann legte sich mein Problem mit dem Übernatürlichen. Ein bisschen.

Meine damals beste Freundin, die fürchtete sich vor Räubern, vor Mördern, vor Einbrechern und Vergewaltigern. Mir dagegen waren all diese Leute vollkommen wurscht. Wenn ich abends durch den Ort nach Hause lief und die Sonne war schon untergegangen, da wäre mir jeder Mörder egal gewesen. War ich doch überzeugt, hinter jedem Busch lauere ein Monster, eine Hexe, ein Geschöpf der Nacht.
Und wenn ich im Bett lag, dann hatte ich die Augen weit aufgerissen in der Dunkelheit, damit ich all die grauenhaften Gestalten, die unter meinem Bett und in meinem Schrank hausten, rechtzeitig hätte sehen können um sogleich in rasender Geschwindigkeit davon zu rennen. Empfehlungen, die Decke über den Kopf zu ziehen, nach dem Motto, wenn ich es nicht sehe ist es nicht da, empfand ich als lächerlich. Guck-guck-da-Spiele mit Monstern? Da verlierst du dein Leben. Unter Garantie.

Nun war ich ein recht unordentliches Kind. In meinem Zimmer sah es regelmäßig aus wie in einem Schweinestall. Und immer lagen Kleider und Stofftiere und sonstiges Gedöns quer im Zimmer verteilt. Und vor dem Zimmerfenster war eine Straßenlaterne, welche alles durch die Jalousinen in ein orangefarbenes Zwielicht tauchte. Dadurch mutierten die Ansammlungen all des Krempels zu schrecklichen Gestalten.
Licht und Schatten machten aus meinem eigenen Zimmer eine schreckliche Geisterbahn.
Um all den schlimmen Geschöpfen ein Schnippchen zu schlagen, spannte ich kreuz und quer durch mein Zimmer Wollfäden. Von der Tür zum Fenster, vom Bett zum Schrank, vom Schrank zum Schreibtisch, hinüber zum Regal und wieder zurück, bis ein fast unentwirrbares Netz aus Wolle entstanden war, was mich beinahe daran hinderte, selbst in mein Bett zu kommen. Zwar konnten sich die Monster nun nicht mehr an mich heranschleichen, aber ich konnte auch, falls denn eines an mein Bett herangekommen wäre, nicht mehr gerettet werden, was mir mitten in der Nacht einfiel und weshalb ich sofort mit dem Abbau der Konstruktion beginnen  musste.
Hätten meine Eltern sich je weiterführende Gedanken über ihre Kinder gemacht, sie hätten das schon für merkwürdig halten können, dass ihre ältere Tochter nachts um drei mit einer Schere Wollfäden in ein Meter lange Stücke schnitt (wäre ich mein Kind gewesen, vermutlich wäre ich in einer heilpädagogischen Therapie gelandet, oder bei einem Kinder- und Jugendpsychiater, oder ich hätte Heileurythmie bekommen).
Vielleicht hätte es damals nicht viel gebraucht, meinen Ängsten den Garaus zu machen. Hätten die Erzeihungsberechtigten es nicht so überaus lustig gefunden, mir mitunter schlimmste Angst zu machen, wäre es unter Umständen gar nicht erst dazu gekommen, dass ich so eine Ansammlung von Angst hatte.

Kürzlich erzählte ich dem Wolkenköpfchen, dass mich meine Eltern bei einem Versteckspiel (ich mag vier oder fünf Jahre alt gewesen sein) einfach nicht finden wollten. Sie liefen herum und fragten sich gegenseitig immer wieder: Ja, wo ist sie denn? Wir können sie nicht finden!
Und das taten sie solange, bis ich verzeifelt anfing zu weinen. Erst da hörten sie auf.
So etwas tut man doch nicht. Da muss man sich nicht wundern, wenn das Kind sonderlich wird. Sagte das Wolkenköpfchen.
Beliebt war auch das Absondern von gruseligen Geräuschen. Besonders im Hausflur. Im Hausflur gab es ein Licht, dass sich von selbst ausschaltete. Und als ich einmal zwei Stockwerke tiefer in den Keller laufen musste, um Wasserflaschen hochzuholen (das Sprichwort „Das Kind im Haus erspart den Sklaven“ äußerte ich im Alter von fünfzehn und machte mir damit keine Freunde- wobei ich heute sagen muss, mit fünfzehn übertreibt man auch manchmal), schaffte ich das nicht in einem Lichtrutsch. Es wurde dunkel, als ich die Tür zum Kellerraum schloss. Und von oben kam ein gar schauriges Geräusch, röchelnd und grollend. Die Akustik im Hausflur war beeindruckend und ich vermutete, Godzilla oder ein Riesenvampir oder beide könnten im Erdgeschoss auf mich warten. Ich kreischte ein bisschen lauter und schon ging das Licht an. Was für ein Spaß.
Auch das Spazieren in Hexenwäldern war immer eine große Freude für die Erwachsenen der Familie. Da wurden Käutzchen immitiert, Hexengelächter nachgestellt und Steine in den dichten, finsteren Wald geworfen, auf dass es raschelte und krachte.
Kein Wunder, dass ich ein Psycho bin.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass auch ich meine Kinder schon erschreckt habe. Aber ich war sehr überrascht, als sie sich mörderisch erschraken.
Das eine Mal war es im Wald, als wir zu fünft eine kleine Wanderung machten und uns über Wildschweine unterhielten. Wie sollte man reagieren, wenn man einem Wildschwein begegnen würde? Auf einen Baum klettern? Weglaufen? Es wurde heiß diskutiert. Als kurze Zeit später jeder in Gedanken vor sich hinwanderte, beugte ich mich vor, kniff den kleinen Killerdog sanft in den Hintern und sagte leise: „Oinkoink.“
Herrjeh, ich musste mich tausendmal entschuldigen. Und mich beherrschen, mich nicht vor lachen auf dem weichen Waldboden zu wälzen. Erst war er nämlich ohne Anlauf fast einen Meter hochgehüpft und gleich darauf hat er ein Tempo aufgenommen, da würde Usain Bolt vor Neid erblassen.
Der arme Bengel. Das wirft er mir heute noch manchmal vor, wenn es gerade nichts anderes gibt, worüber er sich beschweren kann.
Das andere Mal habe ich nur Buh gesagt. In dem Moment, als der Fürst die Badezimmertür öffnete. ich saß auf der Treppe, hatte schon dreimal geklopft, weil ich ins Bad wollte und er war aber sehr beschäftigt darin. Als er dann endlich herauskam, habe ich, wie gesagt, nur einmal gebuht. Woraufhin er sprang, hüpfte und mit den Tränen kämpfte.
Das tat mir schon sehr leid. Weil ich doch aus eigener leidvoller Erfahrung wusste, wie schrecklich es ist, wenn der Schreck kommt und in die Glieder fährt.

Strickjacke also. Und Schal. Wo die Tage kürzer, die Nächte länger werden, die Dunkelheit zu herrschen beginnt und garantiert wieder einiger Monster aus ihren Löchern kriechen.
Das gute am Sommer ist eben auch, dass er alle Winkel und Nischen so sehr mit Licht füllt, dass es kaum etwas zu fürchten gibt.
Man kann im Hellen in sein Bett gehen und im Hellen wieder aufstehen.
Und? Wer kramt jetzt noch alles sein Nachtlicht raus?

(Erste Weckmänner gesehen, mit Pfeife und allem drum und dran, Lebkuchen, Spekulatius, Pfeffernüsse, Printen, bald kommen die Halloweenfratzengummibärchen dazu und all der andere schräge Gruselkram, aber davor fürchte ich mich nicht. An Halloween gehe ich ganz allein und im Dunkeln um den Block und statt mich zu fürchten werde ich wieder entsetzt sein über all die angesoffenen Teenies. Wobei, diese Anblicke sind doch sehr gruselig)