Ich habe versucht, diese Information dem Wolkenköpfchen vorzuenthalten. Killerdog wurde instruiert, auf jeden Fall die Klappe zu halten. Der Gutfrisierte war von vornherein darauf erpicht, sie von nichts wissen zu lassen.
Aber irgendwie ist es mir durchgegangen, den Fürsten und seine Freundin ins Verschweigensboot zu holen. So kam es, wie es kommen musste.
Wir saßen gemeinsam am Tisch, genossen Pommes, Frühlingsrollen, Mayonnaise, Ketchup und Salz eine ausgewogene Abendmahlzeit und quasselten Blödsinn pflegten eine gehaltvolle Konversation, als plötzlich das Thema auf das abendliche Fernsehprogramm kam und dann sofort das Unwort fiel. „Titanic läuft schon wieder…“, sagte der Fürst. Und das Wolkenköpfchen zischte elektrisiert in die Höhe. „Jajajajajajajaaa….“, rief sie atmenlos und „Das guck ich, das guck ich auf jeden Fall, ich guck das…“.

Das hatte ich befürchtet. Einmal auf die Titanicspur gesetzt, läuft das Mädchen in nur eine Richtung. Jack und Rose beim Absaufen zuzusehen. Nachdem ich den Film damals im Kino sah und in den ersten eineinhalb Stunden dachte, wann sinkt das Schiff denn endlich, hatte ich danach noch sehr oft die Gelegenheit, diesen Gedanken zu wiederholen.
Das erste Mal mit dem Fürsten, der in jungen Jahren eine Leidenschaft für die Titanic entwickelte hatte. Nicht nur, dass er sich zum Geburtstag einen Bildband wünschte (und bekam), für die Schule freiwillig ein Referat darüber hielt und dabei die Mitschüler in der Tat fünfundvierzig Minuten mit seinem Wissen beglückte, nein, er kannte auch die Passagier- und Besatzungsliste auswendig. Er wusste, wer an Bord wann geboren war, wer überlebte und wer nicht. Er kannte den Bildband auswendig (was soll ich sagen, er ist schon immer ein wenig anders als alle anderen) und wünschte sich nichts mehr, als den Film zu sehen. Und als er elf Jahre alt war, da durfte er endlich bei einem Schweineabend den Film zum erstenmal ansehen.
Schweineabend heißt Fernsehen und dabei gemischte Süßwaren hemmungslos konsumieren.
Er war der glücklichste Bursche der Welt, als er den Film schaute. Ganz husch und ganz weg.
Sein Bruder durfte mit elf dann ebenfalls, sozusagen als Elfer-Ritual den Film anschauen, obwohl er nicht ganz so versessen darauf war. Ihn interessierten die massenhaften Süßwaren ein bisschen mehr als die Liebe und das kalte Wasser.
Wie beim Fürsten auch, war das Thema „Titanic“ danach vom Tisch und alles war gut.

Das Wolkenköpfchen jedoch, das könnte sich den Film wieder und wieder zu Gemüte führen. Mit elf Jahren zum ersten Mal und seitdem immer wieder.
Und immer wieder mit ausufernder Begeisterung. Als der Film unlängst in einer dreidimensionalen Version ins Kino kam, da hockten wir mit den Brillen vor der Leinwand und das war auch sehr nett, weil man plötzlich in die Teetassen hineinsehen konnte.
Seitdem läuft der Film auch immer wieder gern im Fernsehen. Aufgeblasen auf eine unfassbare Länge von über vier Stunden. Also mit einer gewaltigen Menge an Werbung.
Das ist dem Wolkenköpfchen aber schnurzegal. Wer den Film will, der muss eben die Werbung mitschlucken.

Wo sie es jetzt also wusste, dass der Film laufen würde, gab es kein Halten mehr. Er lief zwar schon seit fast einer Stunde, aber wen kümmern schon solche Kleinigkeiten.
Darum läuft jetzt der Untergang vom unsinkbaren Schiff, ich liege im Bett neben dem Wolkenköpfchen und finde es herzergreifend.
Die Szene, in der Rose in das Korsett geschnürt wird, erweckte eben unser besonderes Interesse. Das Wolkenköpfchen schaute sich das an und sagte: „Die gehen ja damit auch zum Essen, ne? Und dann gibt es viel Essen, verschiedene Gänge. Wie machen die das, wenn die so eingeschnürt sind? Also für mich wäre das nix. Ich brauche Platz inne Bux.“
Genau. Es sollte immer etwas Platz inne Bux sein. Hatte ich ja schon berichtet, das eine schöne Bux, in der auch etwas Platz ist, nicht so leicht zu finden ist.
Und dass Wolkenköpfchen auch gern den Platz inne Bux mit Essen füllt, das füllt mich mit Freude, denn es scheint weit und breit keine Essstörung in Sicht, was in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich ist.

Mittlerweile sind wir beim ersten Wasser im Boot und ich habe schon dreimal gedacht, könnte es nicht ein bisschen schneller gehen? Es zieht sich. Das Wasser läuft die Treppen rauf und runter und Rettungswesten werden angelegt.

Rose bekommt den Weg zu dem angeketteten Jack erklärt und ganz ehrlich, wenn ich einen Weg erklärt bekomme, dann ist das so eine Sache. Wenn ich auf der Suche nach Jack gewesen wäre, hätte er leider Pech gehabt, denn ich hätte ihn nie gefunden.
„Gehen Sie hinunter, dann nach recht, an den Manschaftsunterkünften vorbei, dann nach links, den Gang entlang. An der dritten Kreuzung biegen Sie noch einmal links ab und dann sind sie fast da.“
Nach „Gehen Sie hinunter…“ wäre meine Aufmerksamkeit schon bei der Zubereitung von Piroggen und Baiser gelandet. Links? Rechts? Zwei fallen lassen? Wer weiß das schon so genau. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, eine alte Frau kocht Rüben…
Oder so ähnlich. Und Jack wäre ersoffen und der Film wäre vorbei gewesen.

Als ich, vor vielenvielen sehr vielen Jahren einmal zu Silvester den mir damals noch nicht angetrauten aber schon Gutfrisierten auf seiner Arbeit beim Nachtdienst besuchte, damit er zum Jahreswechsel nicht allein sein musste (es mag so anno neunzehnneunzig gewesen sein), da sagte mir der freundliche Mann an der Pforte auch, wo ich lang musste. Das Ende vom Lied war, dass ich um Punkt zwölf im Aufzug stand und den Weg nicht fand. Irgendwann war ich zumindest wieder beim Pförtner gelandet, der mir den Weg noch ein weiteres Mal erklärte. Der hielt mich sicher für einen Volltrottel. Und das nicht von ungefähr.
Auch bei Behörden ist es für mich schwierig. Straßenverkehrsamt zum Beispiel. Was bin ich herumgeirrt. Trotz der Wegbeschreibung. Oder wegen der Beschreibung. Ich weiß es nicht. Wenn ich durch irgendwelche Gänge laufe und nicht weiß, wie ich hinkomme, wo ich hinmöchte, dann ist es so wie Titanic schauen. Es nimmt kein Ende.
Lustigerweise habe ich das nur in Gebäuden. Draußen kann ich mich besser orientieren.
Aber nicht so perfekt wie Killerdog. Der weiß immer, wo er ist. Und wie er zurückkommt. Ob Catania, Amsterdam oder Lohmar, er kennt den Weg wohin auch immer. So ein Orientierungsgenie.

Jetzt werde ich, während das Wolkenköpfchen weiter fasziniert den Fernseher anglotzt, den Computer zur Seite legen, meinen Kopf in mein Kissen kuscheln und einfach einschlafen. Dann muss ich das nicht weiter aushalten. Dann träume ich einfach einen wunderbaren Traum.
Von passgenauen Buxen, von Urlaub auf dem Eisberg, von Pommes.