Meine Güte, immer so eine Aufregung. Das macht die Pumpe doch auf Dauer nicht mehr mit.
Blinddarm. Wenn ich das schon höre. Wirklich.
Warum machen die Kinder solche Sachen wie Blinddarmentzündung? Oder Appendizitis, um es einmal im Fachterminus zu erwähnen. Acht Prozent der Bevölkerung haben im Laufe ihres Lebens eine Appendizitis. In unserer Familie hatte niemand was mit dem Blinddarm und dann kommen, natürlich, meine Kinder um die Ecke und nehmen es im Doppelpack mit. Diesmal aber in der entschärften Form, also bisher keine Sepsis, kein Organversagen, kein künstlicher Darmausgang. Nein, bisher drei hübsche kleine Öffnungen auf der Bauchdecke und einige Tränen wegen des Tanzverbotes für vier Wochen. Ansonsten ist der Heilungsverlauf erfreulich.

Erstaunlich ist, wie sich der eigene Körper an drei Jahre zurückliegende extreme Stresssituationen erinnern und sofort wieder in den Panikmodus verfallen kann. Dafür braucht es gar nicht viel. Nur ein paar Worte. „…blablablablaa und dann holen wir den Wurmfortsatz gleich einfach heraus.“
Es sind doch nur Worte. Aber Worte haben ein solch große Macht. Diese Worte trieben meinen Blutdruck so in die Höhe, dass ich dachte, mir fliegt das Schädeldach gen Himmel. Sonst ist mein Blutdruck immer tief angesiedelt, diese Worte wirkten besser als jedes Medikament. Der Magen, der Magen war sofort mit im Boot. Dieser Magen kann nicht unterscheiden zwischen „… doch, wir operieren jetzt gleich.“ und einem Brechmittel. Und der Rest des Gedärms denkt: „… ist aber doch eine Routine-Operation, machen Sie sich keine Sorgen.“ wäre ein Abführmittel, das zehn Tage wirkt.
Der ständige Druck auf die Blase ist auch nicht durch Entwässerungstabletten zu erklären, sondern durch: „… aber jeder Hubbel auf der Straße tut mir so dolle weh, rechts im Bauch. Da unten!“.
Worte. Sie können den Körper in einen Aufruhr versetzen, das ist absolut fantastisch. Ich wollte ja gern ein paar Kilo Speck abwerfen. Und wusste gar nicht, dass es dafür nur die Worte: „… hier sieht man deutlich die verdickte Darmwand.“ benötigt. In Verbindung mit: „… eindeutige Entzündungszeichen im Blut, gar keine Frage, um eine Operation kommen wir nicht herum.“ wirkt das besser als jedes Diätmittel.

Also gut. Mein Körper erinnerte sich sofort an alles, was gewesen war, was zu heftigen Tränendrüsenüberfunktionen führte und mich als kleines, heulendes und winselndes Würmchen auf einer Bank vor dem Krankenhaus hocken ließ.
Und mir eindeutig jeder Sinn für Humor augenblicklich abhanden kam. Und so tapfer ich vor drei Jahren war, so untapfer war ich dieses Mal. Was für ein Glück, dass das Wolkenköpfchen dafür um so tapferer war, das alles gut wegsteckte, den Rausch der Narkose offensichtlich sehr genoss und danach erklärte, das wäre sehr schön gewesen.
Vielleicht hätte ich mir auch etwas davon geben lassen sollen.

Letztlich ist ja alles bis hierhin gut gegangen und bleibt auch hoffentlich so, sonst werde ich auch ärgerlich. Wenn ich aber daran denke, dass Killerdog nächstes Jahr zum Schüleraustausch nach Russland reist, möchte ich schon einmal schnell zur Prophylaxe eine Appendektomie durchführen lassen.
Und was kann man sonst noch machen, damit man auf der sicheren Seite ist? Tonsillen raus, Ganzkörper-Scan, Blutuntersuchungen, das ganze Programm. Und dann noch einen ABC-Anzug, damit er sich mit nichts ansteckt.
Kann sein, ich kaufe auch für alle noch einen neuen Satz Fahrradhelme, die ganztägig getragen werden müssen. Motorradfahrer haben doch auch geniale Kleidung. Da sind an den entscheidenden Körperstellen diese Protektoren eingenäht. Ich habe vorgestern noch gelesen, dass ein Fahrer dadurch mit dem Leben davon kam.
Was muss ich noch tun, damit nichts passiert? Am besten dauerhaft Antibiotika. Wobei, da reicht einmal am Tag ein halbes Huhn. Die Sache mit dem Vegetarierdasein vom Wolkenköpfchen muss dann leider an der Stelle enden.

Ja, gut. Ich weiß, ich übertreibe. Ich sollte mich beruhigen. Das mache ich auch. Später. Wenn mein Magen nicht mehr so kalt ist und die motorische Unruhe sich bessert.
Oder am Donnerstag, wenn die Handwerker kommen und mir ein Loch in die Hauswand sägen. Da komme ich bestimmt auf andere Gedanken. Das wird fein.

„Es wird schon alles gut, machen Sie sich keine Sorgen.“
„Der Blitz schlägt nicht zweimal an der selben Stelle ein.“
„Es ist alles gut gelaufen.“
„Es gibt keine Komplikationen.“
„Wir operieren nach einer anderen Methode und sind damit sehr erfolgreich.“
„Haben Sie keine Angst.“
Warum die Macht der Worte bei mir allerdings nur in die eine Richtung wirkte und in die andere nicht, warum ich bei diesen Worten nicht schlagartig in einen Zustand der Entspannung verfallen bin, das weiß das Universum allein. Ich weiß es nicht.

Diesen Anblick wollte ich für den Rest meines Lebens vermeiden, aber man kriegt nicht immer das, was man will.

Diesen Anblick wollte ich für den Rest meines Lebens vermeiden, aber man kriegt nicht immer das, was man will. Und darauf schlafen, auf dieser kleinen Klappliege, ist nicht sehr komfortabel und kostet neun Euro pro Nacht.