Nachdem Frau Lavendel sich in den vergangen zwei Wochen rar gemacht hat, erklärte sie sich nun zu einem Interview bereit.

BE: Frau Lavendel, seit zwei Wochen warten wir gespannt auf ein Lebenszeichen von Ihnen. Wir möchten wissen, wie es dem operierten Kind geht, ob es zu Komplikationen kam und wie sich die Sache mit dem Loch in Ihrem Haus entwickelt hat.

Fr. Lavendel: Nun, dem Kind geht es gut. Von den Einschnitten in der Bauchdecke ist kaum mehr etwas zu sehen. Es sieht aus, als wäre sie einer amoklaufenden Katze untergekommen, zwei fesche Kratzer, nicht mehr. Allein, die Laune ist grenzwertig, weil das Wolkenköpfchen sonst ja an fünf bis sechs Tagen in der Woche mehrere Stunden tanzt. „Wie der Lumbbe am Stegge!“, wie meine Großmutter mütterlicherseits zu sagen pflegte. Und nach einem laparoskopischen Eingriff, bei dem Bauchmuskeln aufgetrennt wurden, muss das Tanzen für insgesamt vier Wochen ruhen. Das Genörgel mag man sich nicht vorstellen und ich kann es nur überhören, weil ich mir mantramäßig selbst ein endloses: Hauptsache lebend, Hauptsache komplikationslos! in mein Gehirn scheiße flüstere.

BE: Wann darf sie denn wieder die Haxen schwingen?

Fr. Lavendel: Es sind nur noch vier Tage zu überbrücken, dann darf sie langsam anfangen, die Bauchmuskulatur zu belasten. Aber nicht zu sehr, denn man möchte Folgeoperationen vermeiden, die bei einem durch zu frühe Belastung entstehenden Muskelbruch unumgänglich wären.

BE: Versteht sie das?

Fr. Lavendel: Nun, unter Berücksichtigung ihres Alters muss man sagen, sie versucht es. Und hält sich an ärztlichen Rat. Das hält sie aber nicht davon ab, zu quengeln, das die Schwarte kracht.

BE: Und die Brüder?

Fr. Lavendel: Die sind natürlich voll des Mitgefühls. Der Fürst hat im Rahmen des Mitgefühls und der Retraumatisierung eine Woche nicht geschlafen, ist aber nun doch wieder zu einem normalen Tagesrhythmus zurückgekehrt und scheint einigermaßen mit der ganzen Angelegenheit zurecht zu kommen.
Killerdog hatte gerade zwei Wochen Herbstferien, in welchen er es ein bisschen hat krachen lassen, was sicher auch zum Abbau unguter Gefühle notwendig war. Wobei krachen lassen relativ ist. Bis nachts um drei mit Kollegen Monopoly zu spielen ist jetzt nicht ganz so krachend. Aber spaßig war es wohl schon sehr. Nach fünf Nächten wechselten sie zu Kartenspielen.

BE: Lassen Sie uns kurz auf die Ehe zu sprechen kommen.

Fr. Lavendel: Nein. Heute nicht.

BE: Lassen Sie und kurz auf das Loch zu sprechen kommen.

Fr. Lavendel: Gern. Ich habe Ihnen auch ein paar Bilder mitgebracht, damit sie eine Vorstellung bekommen.

Der ursprüngliche Zustand der Wand.

Der ursprüngliche Zustand der Wand.

Hier sehen Sie das Wohnzimmerfenster, einfachverglast, mit klassischem Hebelverschluss. Stilvoll, charismatisch, im Winter zu Eisblumen neigend und bei näherem Aufenthalt kühlen Zug verursachend.

BE: Nun, das ist ja heutzutage nicht mehr unbedingt Standard, nicht wahr?

Frau Lavendel: So ist es. Im Januar war doch häufiger das morgendliche Eiskratzen meine erste Tageshandlung. Zwar hat nicht jedes Kind auf der Welt die Möglichkeit, noch Eisblumen kennenzulernen. Meine Kinder aber hatten das Vergnügen. Jetzt sind sie alt genug und hoffentlich auch bald aus dem Haus um zu lernen, dass es auch Fenster ohne Eisblumen gibt.

BE: Also gab es ein neues Fenster?

Frau Lavendel: Ja, auch. Wenn Sie genau hinsehen, dann dürfte Ihnen auffallen, dass dieses Fenster recht klein und zierlich war. Weshalb es im Wohnzimmer immer einen Flair von Hobbithöhle gab. Kuschelig und gemütlich, aber spätestens ab November auch recht trübe, weil ohne elektrische Beleuchtung nicht ein Wort in einem Buch gelesen werden konnte.

BE: Und das bedeutet was?

Frau Lavendel: Das bedeutet, es kamen Leute mit großen Geräten und einem Stromerzeuger und sägten Teile der Hauswand heraus.

BE: Oha, das ist aber ein gefährliches Unternehmen.

Frau Lavendel: Nun, man braucht schon ein gewisses Maß an Vertrauen in die sägenden Personen. Und mir schienen die beiden Kerle, die für diesen Job vorbeikamen, durchaus geeignet. Wobei der eine einen leichten Unterzucker hatte, den ich mit Hilfe eines Schokoladen-Erdnuss-Riegels sogleich in Angriff nahm. Danach fühlte sich der Sägemann deutlich besser und war auch gleich viel konzentrierter.
Bedauerlicherweise wurde nur Minuten später ein entscheidendes Elektrokabel durchgesägt.

Entscheidende Kabel

Entscheidende Kabel

BE: Wie unangenehm.

Frau Lavendel: Allerdings. Zum Glück konnte der ortsansässige Elektriker einen Mitarbeiter aus dem Urlaub beordern, der gutgelaunt dreißig Minuten später vor Ort war und ein Kabel durch das Wohnzimmer legte.

BE: Da hatten Sie aber Glück!

Frau Lavendel: Das können Sie laut sagen. Sodann wurde weiter gesägt und dann gestemmt und schon war es da. Mein Loch in der Wand.

Loch in der Wand

Loch in der Wand

Mit Folie abgeklebt, sehr lobenswert. Ein bisschen bedauerlich war, dass beim Abziehen der Folie der Putz der verbliebenen Wand am Klebestreifen haften blieb. Oder wahlweise der Klebestreifen am Putz und sich durch nichts und niemanden von dem Putz entfernen ließ, so dass die einzige Möglichkeit auch hier in der Entfernung des Putzes lag. Rechts oben, wo der Stahlsturz gesetzt werden sollte, waren leider auch ein paar Mauersteine herausgefallen, die das eigentlich nicht tun sollten. Da wurden kurzerhand ein paar übriggebliebene Mauersteine im Garten zusammengesucht und eingemörtelt.

BE: Warum ein Stahlsturz?

Frau Lavendel: Wegen der Statik. Der Chef der Lochbohrer hatte es dringend angeraten, trotz der höheren Kosten von einem Betonsturz abzusehen und Stahl einzusetzen. Man möchte ja nicht morgens wachwerden und die Wand und der darüberliegende Balkon sind abgestürzt. Da investiert man doch gern in die Sicherheit.

BE: Da haben Sie recht. Und wie ging es dann weiter?

Frau Lavendel: Der Sturz wurde auch eingemörtelt, dann wurde ein Tag gewartet, wobei das Leben ohne Fenster aber mit Plastikplane sich sehr interessant gestaltete. Jedes Rascheln war zu hören und die Temperatur war fröstelig. Lustigerweise fing es auch just in dem Moment, als die Lochsäger anfingen zu arbeiten, an zu regnen. Und zwar so lange, bis dann das Fenster eingesetzt wurde. Da hörte der Regen spontan und umgehend auf.

BE: Wann wurde das Fenster eingesetzt und wie war das für Sie?

Frau Lavendel: Am nächsten Tag kam der Glasfritz und rief als erstes, nachdem er das Loch in Augenschein genommen hatte: „Da künne mer nix einsetzen.“ Mir wuchsen schlagartig achthundert neue graue Haare. „Wie bitte?“, hauchte ich in den letzten Zügen dahin. „Wie sull dat denn jehen?“
„Wo ist das Problem?“, fragte ich ganz kompetent und problemlösungsorientiert.
„Dat is doch jaa nisch fest.“
„Dohoooch, ist es, alles eingemörtelt und festgeklemmt und alles fein. Künne mer einsetzte!“, rief ich inbrünstig.
Und nur vierzig Minuten später war es drin.

 

Drin isset

Drin isset

BE: Das sah nun aber nicht fertig aus.

Frau Lavendel: Nein, das war das Gegenteil von fertig. Komplett unfertig. Man sieht den Stahlträger, man sieht die frisch verlegte Elektrik, die direkt nach dem Fenstereinsatz vom Elektriker angebracht wurde, auf dass auch weiterhin ein Lämpchen im Erdgeschoss leuchten möge. Aber verputzt war nichts. Und auch sonst sah es nach Rohbau aus. Wer sich davon erschreckend lässt, der darf gar nicht erst mit so etwas anfangen. Immer die Nerven behalten. Solange das Haus nicht zusammenbricht ist alles im Lack, war meine Devise. Und den Gutfrisierten hielten wir von Krisenstellen fern, damit er nicht durch Ausfälligkeiten und übertriebenes Fluchen die Arbeitsleute demoralisieren konnte.

BE: Und wer hat dann verputzt?

Frau Lavendel: Freitagabend wurde ein Baumarkt aufgesucht, alle Utensilien erstanden und Samstagmorgen stand der Fürst mit seinem Schnucki um neun Uhr auf der Leiter und fing an zu verputzen, alleweile ich schon einmal den Rest des Zimmers mit weißer Wandfarbe behandelte. Bis am Abend war der grobe Verputz fast erledigt. Auch das Dämmen des Stahlträgers und die Rostschutzbehandlung. An was man da alles denken muss, das glaubt man nicht.

BE: Und dann?

Frau Lavendel: Am Sonntag war ein bisschen die Luft raus, da wurde viel gemeckert und geflucht, aber was ein wahrer Bauarbeiter ist, der passt sich an und benutzt auch unflätige Worte.

BE: Welche zum Beispiel?

Frau Lavendel: Das möchte ich an dieser Stelle nicht vertiefen, nur soviel, hören Sie sich ein oder zwei Rap-Alben an, dann kennen Sie das Niveau, das zu diesem Zeitpunkt herrschte. Wobei es etwas albern ist, wenn man als Mutter zu seinem Sohn sagt, dass man seine Mutter fickt, oder ähnliches. Nun, wie auch immer, nach einem Besuch an der Pommes-Bude entspannten sich alle und der Tag ging doch recht ruhig zu Ende.

BE: Und der Montag?

Frau Lavendel: Am Montag ruhte die Baustelle. Es gab wirklich wichtigeres zu tun und so hatte der ganze verfluchte Putz Zeit zu trocknen und auszuhärten. Am Dienstag dann wurde von mir feinverputzt, was ich erst als Meisterwerk meinerseits betrachtete, aber als am späten Abend eine Lampe auf die verputzten Stellen leuchtete, musste ich diese Einschätzung revidieren. Es ist saumäßig verputzt, aber ich denke, ich hänge ein Rollo hin, dann guckt sich das weg.
Jedenfalls sah es doch einigermaßen ansprechend aus.

Joah, nett.

Joah, nett.

BE: Wie ging es dann weiter?

Frau Lavendel: Nun, ich strich dann dieses Wand, wobei eine andere Wand noch einen zweiten Anstrich benötigte, was ich aber erst später bemerkte, weil das Licht auf weißer Farbe mitunter ordentliche Flächen vorgaukelt, wo fleckiges Geschisse vorherrscht.
Nach dem Streichen und vor dem Einräumen kam das Wischen, Waschen, Wuschen. Mit Lappen, Feudeln und Lumpen krabbelte ich auf allen vieren durch das Haus und versuchte, diesen feinen Staub in den Griff zu bekommen. Das ist mir bis heute noch nicht gelungen. Aber die meisten Farbspritzer und Putzklumpen habe ich beseitigen können.

BE: Sehr löblich. Hatten Sie denn nicht gut abgeklebt?

Frau Lavendel: Natürlich hatte ich gut abgeklebt. Hervorragend sogar. Aber wenn soviele Leute auf einer Baustelle herumrennen, noch dazu ein durch die Situation völlig überforderter und dadurch maximal verhaltensgestörter Hund immer mitten durch jeden Flatschen durchturnt und alles überall verteilt, dann nützt die beste Abklebung einen Scheiß. Um es mal ganz deutlich zu sagen. Und wenn Burschen mit Rotband unter dem Fuß aufs Klo rennen, dann ist halt auch der dunkel Granitboden im Zwergenbad in Mitleidenschaft gezogen.

BE: Da haben Sie wohl recht. Was haben Sie gemacht, als alles einigermaßen reinlich war?

Frau Lavendel: Schauen Sie hier:

Vollgepackt.

Ich habe einen Möbelverkäufer aufgesucht und dann mit den Kartons im Auto Tetris gespielt. Außerdem habe ich gemeinsam mit Killerdog diesmal die Attraktion des Parkplatzes gegeben.
Als alles im Auto war und Killerdog sich auf dem Sitz zusammengerollte hatte, weil er Angst davor hatte, ein Paket könne ihm den Schädel spalten, wenn ich bremsen müsste, wobei ich ihm versprach, nicht zu bremsen, startete ich den Wagen und der machte ein seltsames Geräusch und dann war er aus und ich dachte schon: So was aber auch. Beim zweiten Versuch sprang er an und wir fuhren zum Haus mit neuem Fenster, luden aus, bauten auf und räumten ein.
Drei Tage später machte der Wagen das gleiche Geräusch und wollte dann aber nicht mehr angehen. Samstagmorgen auf dem Supermarktparkplatz, das Auto voll bis oben hin und bis der Mann vom Reperaturdienst da war, konnte ich dem Eis und den anderen Tiefkühlwaren beim Auftauen zusehen. Was war das für eine Freude, brüllte doch die ganze Zeit mein ehemaliger Arsch-Küchen-Chef in einer Tour in meinem Kopf:
„Unterbrich niemals die KÜHLKETTE!!“
Jaja, halt`s Maul, dachte ich mir.
Wo war ich?

BE: Wo waren Sie denn?

Frau Lavendel: Ach ja, beim Einräumen. Sagen wir mal so, jetzt stehen ganz viele verkackte Schallplatten herum, verschandeln mein Wohnzimmer, aber man muss ja dem Ehedings, dem Dings, dem wo man geheiratet hat, irgendwo auch entgegen kommen. Tendenziell lebe ich länger, dann verkaufe ich die ganzen Platten, den Plattenspieler, die Gitarren, das Schlagzeug, die Verstärker, den ganzen Kram, und dann mache ich mir eine Mädchenbude. Mit Blümchen und rosa.
Bis dahin muss ich mit seinem Kram leben und er mit einer orangefarbenen Couch, einem gelben Sessel und das Rollo setze ich auch noch durch.
Aber nicht, dass einer denkt, all das Gelärschs würde im Wohnzimmer stehen. Nein. Das steht drüben im Stübchen.
Da stehen jetzt auch noch alle Bücher.
Die Bücher. Ach, die Bücher.

BE: Höre ich da Wehmut?

Frau Lavendel: Natürlich. Und zwar sehr laute. Bücher sind so hübsch anzusehen, im Vergleich zu Schallplatten. Ich werde schon noch eine Lösung finden.

BE: Wie geht es jetzt weiter?

Frau Lavendel: Jetzt warten wir darauf, dass der Glasfritz aus dem Urlaub kommt. Der ist nach Ägypten geflogen, kaum dass er das Fenster eingesetzt hatte. Er muss aber noch die Fensterbank einsetzen. Momentan sieht es noch etwas unfertig aus, so ohne Fensterbank.
Danach muss das Haus auch von aussen noch gerichtet werden. Auch da braucht es Dämmung und Verputz. Ich bin gespannt, wann das gemacht werden wird. Wenn man rausguckt, sieht man es ja nicht. Kann also noch dauern.

BE: Aber ist das nicht schlecht für das Haus? So im Hinblick auf Feuchtigkeit und Kälte?

Frau Lavendel: Man wird sehen. Da kann und möchte ich jetzt nicht drüber nachdenken. Ich möchte jetzt auf meiner orangefarbenen Couch sitzen, mich über meine magentafarbene Pantoffeln wundern, die sich sehr mit der Farbe der Couch beißen und dabei immer wieder denken: Das mache ich nie wieder.

BE: Dann wünschen wir Ihnen noch viel Freude in Ihrem hellen, warmen Wohnzimmer und auf dem bequemen Sofa und wissen jetzt, warum Sie so sehr stille waren, in der letzten Zeit. Melden Sie sich bald wieder und in der Zwischenzeit genießen Sie Ihr Leben. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

Frau Lavendel: Ich habe zu danken.