Es war einmal ein Topf, der führte lange Zeit ein geordnetes Leben. Die meiste Zeit des Tages verbrachte er in einer Schublade unter dem Herd, weswegen es mitunter recht gemütlich warm um ihn herum war. Er lebte mit zwei Pfannen und zwei weiteren Töpfen in einer Gemeinschaft. Man kam miteinander zurecht. Manchmal gab es Beschwerden, weil sie falsch ineinander gestapelt warten mussten auf die große, ordnende Hand, insgesamt jedoch gestaltete das Leben sich harmonisch.

Nun begab es sich zu einer Zeit, als die Töpfe ein gewisses Alter erreicht hatten und die Pfannen gebogene Böden bekamen, da kam immer seltener die ordnende Hand, um den kleinen Topf aus der Schublade zu holen, mit Milch und Reis oder Dinkelgries oder Maisgries oder Hafer zu befüllen und zärtlich in ihm herumzurühren.
Der Topf fragte sich immer häufiger, was denn nur los sei mit der ordnenden Hand. Ob sie ihn vielleicht vergessen hatte? Oder ob er etwas falsch gemacht und darum gestraft werden würde?
Die Pfannen stöhnten und ächzten, weil sie, im Laufe der Zeit krumm und schief geworden, immer häufiger von Händen aus der Schublade gezogen wurden, die nicht so zärtlich und mitfühlend waren. Hände, die kalt und schwitzig waren und sie das Fürchten lehrten. So wurde in ihnen Rührei zubereitet, dessen Überreste noch Tage später an ihren Rändern zu finden waren. Und eine besonders ungeschickte Hand kratzte hart an ihnen herum, so sehr, dass sogar ihre Haut ganz rissig und spröde wurde und sich hier und da ablöste.
Sie sagten zum kleinen Topf: „Warte nur, eines Tages werden auch dich die fiesen Hände holen.“
Der kleine Topf fürchtete sich vor diesem Tag. Er hatte schlimme Träume, in denen er schreckliche Dinge durchlebte. Ein Traum handelte von einer Drahtbürste, ein anderer von einem großen, laut dudelnden Gefährt, auf dessen Rücken er geworfen wurde, um nur kurze Zeit später in ein Höllenfeuer geworfen zu werden.

So lebte der Topf von Tag zu Tag und seine Furcht wurde immer größer. Und dann war es so weit, eine andere Hand als die ordnende kam in die Schublade, hob ihn heraus, stellte ihn auf den Herd und gab Milch und Reis oder Dinkelgries oder Maisgries oder Hafer hinein, die Hitze kam von unten und der Topf gab sich alle Mühe, seine Topfarbeit gut zu verrichten.
„So schlimm ist es doch gar nicht, mit diesen anderen Händen!“, dachte er. Und wie er so stand und immer mehr erhitzte, bemerkte er auf einmal, dass das zärtliche Rühren nicht kam. Das sanfte Streichen seines Topfbodens. Das weiche Bewegen seines Inhaltes.
„Oh.“, war das erste, was er dachte.
„Oh weh!“, war das zweite, was er dachte.
„Oh weh, da muss doch jetzt gerührt werden…“, dachte er und merkte, wie er langsam aber sicher immer heißer wurde. Sein Inhalt fing schon an, auf seinem Boden leise zu zischen.
Und dann kam ein Metall und kratzte ihn am Boden. Was war das unangenehm. Ein Schaben und Schrubben, so etwas hatte er noch nie erlebt.
Wie wild wurde in ihm herumgefuhrwerkt, ganz schwindelig und wund fühlte er sich. Und dann, ganz plötzlich, wurde er über Kopf gehalten, ausgeschüttelt und flog mit einem Scheppern in das Becken, in welchem er früher immer ein wohliges Bad nehmen durfte.
Dort wurde er mit eiskaltem Wasser gefüllt und dort stand er nun.
Zum Glück nur kurze Zeit, dann kamen die ordnenden Hände und sie nahmen eine wohlduftende Substanz zur Hilfe und mit einer sanften Massage wurde all das, was er auf seinem Boden fühlte, entfernt.

An dem Tag hatte er den anderen einiges zu erzählen.
Die Pfannen waren voller Mitgefühl und die anderen Töpfe versuchten, sich ganz klein zu machen und in die hinterste Ecke der Schublade zu kommen, auf das sie von keinen Händen dieser Welt mehr erreicht werden könnten.

Am nächsten Tag passierte dem kleinen Topf das gleiche. Und am folgenden. Und von da an fast jeden Tag der Woche. Außer Samstag und Sonntag.
Er wurde herausgeholt, aufgeheizt, er wurde angebrannt und dann von sanften Händen geputzt und beruhigt.
Es war nicht die schönste Zeit seines Lebens, aber er kam zurecht.

Eines Tages, alles geschah wie sonst auch, da stand er im Becken, wartete sehnsüchtig auf die Hände, die ihm seine Würde wiedergeben sollten, aber diese kamen nicht. Er wartete und wartete, aber nichts geschah. Es wurde dunkel, es wurde wieder hell, es wurde dunkel, es wurde wieder hell, andere kamen, andere gingen, nur er stand allein im Becken. Er wartete und wartete, seine Angst wurde größer und größer. Je länger nichts geschah, desto sicherer wurde er, dass sein letztes Stündchen bald geschlagen haben würde.
Nach vier Tagen und vier Nächten hörte er auf zu hoffen.
Er stand nur noch herum und lauschte auf die Geräusche, die ihn umgaben. Und weil er so lange im Becken herumstand und viel Zeit hatte, konnte er irgendwann auch hören und verstehen, was die Handanhangsgebilde sagten.

„Warum lässt du jeden Morgen den verdammten Frühstücksbrei anbrennen? Und dann soll ich das wieder sauber machen? Ich bin jetzt eine berufstätige Frau, ich habe keine Zeit mehr, dir hier ständig deinen Kram hinterher zu räumen. Komm mal klar, echt.“
„Was soll das denn? Wenn du eh spülst, kannst du den Topf doch mitspülen.“
„Ich hab dich doch nicht geheiratet, um dir die Töpfe zu spülen!“
„Ich finde, du stellst dich an.“
„ich spüle den Scheißtopf jedenfalls nicht, mein Lieber.“
„Dann lässt du es halt bleiben.“
„Ja. Genau.“

Und nach fünf Tagen wurde der Topf plötzlich in eine dunkle Kammer gesperrt, mit viel Wasser fast ertränkt, anschließend wieder ins Becken gepackt, noch einmal mit eiskaltem Wasser gefüllt und dann, Stunden später, von diesen fiesen Händen durchgeschrubbt und halbnass und nicht gerade perfekt sauber in die Schublade gestopft.

„Wo warst du denn?“, fragten die anderen. „Wir haben uns schreckliche Sorgen um dich gemacht.“
„Dazu gab es auch allen Grund!“, rief der Topf und erzählte, was geschehen war.
„Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen!“, riefen die Pfannen. „Nein! Das muss ein Ende haben!“, brüllten die Töpfe.
Sie berieten und überlegten und tüftelten einen Plan aus.

Als am nächsten Morgen die schlimmen Hände die Schublade öffnen wollten, um ein weiteres Mal den Frühstücksbrei in einem Topf anbrennen zu lassen, klemmte die Schublade. Trotz allem Geruckel und Gerüttel ließ sie sich keinen Zentimeter bewegen.
So sehr die Hände auch zogen, Füße dagegen traten und lautes Fluchen zu hören war. Die Schublade war zu und blieb zu.
Pfannen und Töpfe hatten ihre Griffe und Stiele einfach in der Schublade verklemmt und somit konnte diese nicht mehr geöffnet werden.

„Dann iss halt ein Brot. Oder eine Banane!“, hörten die Töpfe und Pfannen zwischen all den „Boah, Scheiße, Kacke, Verdammt, verfdickter Mist!“- Ausrufen.
Und sie freuten sich.

Seitdem ist die Schublade zu und der Brei brennt nicht mehr an.

 

(Ähnlichkeiten mit im Haushalt lebenden Personen oder Töpfen sind zufällig und können passieren. Weiß ja keiner.)