Ich hatte gerade die Zeitung hereingeholt. Draußen waren es laue vierzehn Grad um kurz vor sieben in der Frühe. 
Das muss man erst einmal verarbeiten. Darum blieb ich an der Haustür stehen und schaute dümmlich in das Grau und überlegte, ob ich die Strickjacke nun anlassen oder ausziehen sollte. Ich entschied mich für anlassen, ich lasse mich doch nicht von der Temperaturverwirrung des Novembers terrorisieren. In sieben Wochen ist Weihnachten und ich richte mich seelisch, moralisch und bekleidungstechnisch schon einmal darauf ein. 
Außerdem vermute ich, das warme Wette steht in direktem Zusammenhang mit dem nun nicht mehr einfach verglasten Wohnzimmerfenster in diesem Haus. Was war das früher kalt, wenn der Wind durch die Ritzen pfiff. Erster Schnee im November war keine Seltenheit. Und jetzt? Keine Kälte weit und breit. 

Nachdem ich meine Gedanken hin und her geschoben hatte und der Hund in den Vorgarten der Nachbarn gepinkelt hatte, schloss ich die Tür und ging in die Küche. Dort stand ein hübscher kleiner Topf auf dem Herd und in ihm zischelte leise ein viertel Liter Milch. 
Der Gutfrisierte werkelte an seinem Pausenbrot herum und achtete nicht weiter auf das Zischeln. 

„Muss man bei der Zubereitung dieses gar herrlichen Frühstücksbreis nicht einfach nur heiße Milch über das Gebrösel gießen und selbiges dann ziehen lassen?“, fragte ich ganz unbedarft. „Man muss doch den Brei gar nicht aufkochen lassen.“
„Hast du vielleicht ne Ahnung…“, moserte es aus der Brotschmierabteilung. „Dieses Gebrösel enthält Körner, die sind knüppelhart, die müssen gekocht werden. Sonst kann man den Brei gar nicht essen.“
„Aber wenn man es kocht, dann sollte man besser stetig im Topf rühren.“, sagte ich, im Topf rührend.
„Ich muss mir meine Brote schmieren.“, bekam ich zurück.
„Ja, schon, aber wenn man kontinuierlich rührt, dann brennt es nicht an im Topf.“, erklärte ich.
„Meine Güte!“, ranzte es mich an, das wutliche Wesen mit dem Messer in der Hand.
„Dann brennt`s halt an.“
„Dann muss man aber so schrecklich schrubben um den Topf wieder sauber zu bekommen.“, erwiderte ich mit einem mittlerweile etwas gereizten Unterton.
„Das ist doch jetzt echt kein Drama!“, sprach der Mensch, der bisher selten angebrannte Töpfe reinigte aber um so häufiger welche verursachte. 

Ich hörte spontan auf zu rühren und entschwand in den Flur. Dort stand ich und vermisste etwas, auf das ich ungemäßigt hätte eindreschen können. Gerade kam Killerdog die Treppe herunter, bot aber kein gutes Ziel. Das wäre unfair gewesen, weil er gar nicht gewusst hätte, warum er ein paar hinter Löffel bekommen hätte. Dem Gutfrisierten, den ich sehr klar als Verursacher meines plötzlichen Aggressionspotentials ausmachen konnte, eine zu langen, erschien mir auch keine Option. 
Und so spielte ich weiter in Sekundenschnelle alle Optionen durch, die sich mir durch die entstandene Situation boten. 
Ignorieren bis zu Sankt Nimmerlein, kein Wort mehr wechseln, Paartherapie, Scheidung, ich konnte mich nicht recht entscheiden, welcher Weg denn nun der rechte sein sollte. 
Gewalt ist bekanntlich auch keine Lösung und der Topf kann am wenigsten dafür, darum war es keine Alternative, den armen Topf in die Mülltonne zu werfen. 
Manchmal bedauere ich, vor über zwanzig Jahren mit dem Rauchen aufgehört zu haben. Ein Zigarettchen im Mundwinkel an den Türrahmen gelehnt, hätte ich, auch dank meiner lila Gummistiefeln mit grauen Punkten, sicher sehr cool gewirkt. Ganz französischer Ehe- Probleme- Film. Und die Zigarettenlänge hätte mir Zeit verschafft für anschließendes sinnvolles Handeln. 
Aber ich rauche eben nicht mehr. Und ich sehe nicht cool aus. Und ich wirke auch nicht cool. Meine Ohrläppchen sehen denen meiner Ur-Großmutter immer ähnlicher (aber das ist eine ganz andere Geschichte), ich bin kein zartes französisches Persönchen und meine Probleme, ach, druff jeschissen. 

Und so ging ich einfach zurück in die Küche, schaute den Gutfrisierten an, zwang ihn zur Kontaktaufnahme und sagte: „Achso? Kein Drama, ja?“
„Ja, genau.“
„Prima. Wenn das kein Drama ist, dann ist das auch kein Drama, wenn du in Zukunft den Topf immer selber spülst. Ich lasse dir den dann immer stehen und du kümmerst dich abends um ihn. So. Ich muss los. Tschö.“

Sprachs und entschwand.
Mit einem Lachen im Gesicht und recht beschwingt.