Es sind über zehn Tage vergangen, seit ich das letzte Mal schrieb. Zeiten der Aufregung, Zeiten der Unruhe, Zeiten des Chaos.

Zur aktuellen Situation der Welt, des Landes und des Kaffs, in denen ich lebe, kann ich nur fragen: Was ist da los? Und alle weiteren Gedanken behalte ich für mich, denn wenn ich erst einmal anfange zu erzählen, wie mir der Schornsteinfeger des Kaffs die Flüchtlingsfrage erklärt und ich dabei Erfrierungen am Rücken bekomme, wie ich Killerdog täglich beruhigen und erklären muss, dass er nicht beim nächsten Schulweg am Deutzer Bahnhof in die Luft gesprengt wird und was ich über die gefährlichste Spezies der Welt, junge Männer in hormongefluteten Zuständen und ohne Moral und Ethik, verloren in ihrem ganz privaten Egoshooter denke, dann finde ich wieder kein Ende. Und man soll doch immer auch an das Ende denken, es im Blick behalten, darauf hinarbeiten. So generell, meine ich.
Darum komme ich jetzt zu meinen Lieblingsthemen der Woche:
Die Bahn und das Auto.

Die Bahn hat sich dann doch dazu herabgelassen, auf mein Anschreiben zu reagieren. Ich hatte mich hingesetzt, den ganzen Vorgang beschrieben, Kopien von allen Ausweisen meines kleinen Lieblings Killerdog dazugesetzt, den Emailverkehr ausgedruckt und ebenfalls eingetütet und alles per Einschreiben an DB-Vertrieb in Baden-Baden geschickt. Und promptamente bekam ich genau zwei Tage später, noch bevor meine Rückantwort eintraf, die, wie mir gerade auffällt, überhaupt nicht eintraf, obwohl ich Einschreiben mit Rückantwort gewählt hatte, ein Brieflein, weder in rosa, noch parfümiert und schon gar nicht nett und freundlich.
Es stand drin, das sei ja alles schön und gut, aber er hätte nun einmal nicht den Vorgaben entsprochen und unter Angabe der Fahrpreisnacherhebungsnummer, kurz FN, seinen Schülerausweis vorgezeigt, darum sind die sechzig Euro fällig.
Das hatte bei mir einen Wutanfall erster Klasse zur Folge. Ich hätte gern jemanden aufs Maul gehauen. Aber ich habe meine Aggressionen im Griff. Darum habe ich nur die Familie wegen jeder Kleinigkeit angemosert und mich hingesetzt, um einen weiteren Brief zu schreiben. Noch einmal habe ich alles dezidiert aufgeschrieben, dazu die Bitte, die Sachlage noch einmal genau zu prüfen und die jetzige Entscheidung doch bitte zu überdenken.
Ich bin auf die Antwort gespannt, sehe mich schon diese verdammten sechzig Euro bezahlen. Aber ich werde dann noch ein Schreiben schicken. An den Fahrgastverband oder wie das heißt. Eigentlich habe ich keine Zeit für so einen Quatsch, ich möchte, auch im Hinblick auf das Ende, das allgemeine Ende, wenn ich tot aus den Gummistiefeln kippe, meine Zeit nicht mit solch einem Unfug verplempern. Nur habe ich mich da in etwas verbissen und bin jetzt wie so ein kleiner, kläffender Wadenbeisser. Ich kann nicht aufhören. Außerdem sitzt hier gerade das Geld nicht so fließend. Eher stockend. Und das ist die perfekte Überleitung zum nächsten Thema:

Das Auto hat Warnleuchten. Und was ist, wenn Warnleuchten warnleuchten? Im Handbuch für den unkundigen Autofahrer, durchblättert an der Raststätte Lorsch am Arsch der Welt, kurz vor Büttelborn, steht, im Falle des warnenden Leuchtens einer Warnleuchte ist mit moderater Geschwindigkeit zu fahren und baldmöglichst eine Werkstatt des Vertrauens anzusteuern.
Gesagt, getan. Das Auto fuhr normal wie immer, ich fuhr unnormal verspannt und langsam und überholte nur, wenn ganz langsame LKW vor mir die rechte Spur blockierten, und so kam ich nach einer langen Fahrt immerhin zuhause an. Es war zu spät für die Werkstatt, darum fuhr ich direkt am nächsten Morgen um acht Uhr dort hin. Es war ein Samstag und es war in der Tat Werkstattbetrieb. Was mir nicht wirklich etwas nützte. Denn am späten Mittag bekam ich einige Nachrichten über Rußpartikelfilter, Sensoren, Schläuche und so weiter und das alles würde einige Tage in Anspruch nehmen. Und die Reifen wären abgefahren und das Gummimoppel an der Knubbelrolle neben der Hinterachsenlaufverflanschung sei marode.
Alles in allem sehr viele Euro.
Ich holte mein Auto dann erst noch einmal zu mir, weil fahren ging eigentlich noch. Nicht mehr schneller als sechzig Stundenkilometer und mit einer Warnleuchte, die an Penetranz nicht zu überbieten war und der Bordcomputer lieferte eine Dauereinblendung mit einem Ausrufezeichen in einem roten Dreieck, Bildunterschrift: „Motorstörung“. Das ist wenig dazu angetan, Freude beim Fahren zu empfinden. Aber es gab so viel was ohne Auto in diesem Kaff nicht machbar ist und außerdem wollte ich abends eine Einladung ins Restaurant auf keine Fall sausen lassen. Crème brûlee, da muss man Prioritäten setzen.

Am Sonntag brachte ich das Auto dann wieder zur Werkstatt und lieh mir das Auto meines Vaters, um Montag in der Früh meiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, ein Kind zur Schule zu fahren. Wenn der Schulweg zweihundertvierzig Kilometer lang ist, dann ist das ohne Auto schlecht zu machen. Aber ich hatte ja das geliehene. Und nach dreihundert Kilometern, also schon auf dem Rückweg, hatte ich mich auch endlich mit der Kiste angefreundet.

Am Dienstagnachmittag war mein Auto, mein liebes Auto, mein Augenstern, repariert. Und ich war um hunderte ärmer. Mehrere hundert. Und am Mittwoch fuhr ich zur Arbeit, weil man ja hunderte nicht unter dem Bett druckt sondern verdienen muss. Alles war gut, bis ich wieder nach Hause fuhr. Plötzlich: Warnleuchtenleuchten. Genau die gleiche Leuchte wie in der Woche zuvor. Ich bekam eine körperliche Reaktion auf das Adrenalin, das ausgeschüttet wurde. Mein Kopf machte der Warnleuchte Konkurrenz. Ich leuchtete wie der Leuchtturm auf Amrum. Sofort fuhr ich wieder zur Werkstatt. Schon als ich zur Tür hereinkam, schüttelte der nette Herr den Kopf und schaute mitleidig. Heute hätte er leider keine Zeit mehr, sich damit zu befassen, ich solle doch bitte am nächsten Tag wiederkommen und heute eben nicht mehr viel fahren.
Am nächsten Tag wurde dann noch dies und das gemacht, genaueres weiß man nicht, aber letzten Endes wurde ich auf die Autobahn geschickt, ich solle mal ein bisschen hundertzwanzig fahren. Und wenn die Warnleuchte dann Ruhe gäbe, wäre das doch schön.
Ja, das wäre sehr schön, sagte ich und fuhr Autobahn. Hin und her und rundherum, ein Stündchen kreuzte ich durch das Siebengebirge auf der A drei. Die Leuchte blieb aus, ich fuhr nach Haus und damit ist die Geschichte aus.

Und bleibt hoffentlich auch aus.
(Und die Moral von der Geschichte: Ich will die sechzig Euro nicht.)