(Und weiter geht es im Leben.)

Warum liegen im Scheißflur so dermaßen scheißviele Schuhe? Bei fünf Personen, von denen eine ja nur Samstag und Sonntag anwesend ist, also im Grunde vier Personen, liegen bis zu zehn Paare herum. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, nur ein Paar dort abzustellen. Verteilen sich also neun Paare auf drei Herren. Wobei einer der drei Herren nur ein Paar dort abstellt, weil er nur das eine hat. Meine Weigerung, ihm Schuhe zu kaufen, weil er als Auszubildender für sein Privatleben mehr Geld zur Verfügung hat als alle anderen und er nicht einmal etwas davon abgeben muss, hat er mit einem Achselzucken quitiert und sich jetzt lieber ein Auto gekauft.
Bleiben acht Paar Schuhe für zwei Kerle. Wobei der eine einen Schuhtick hat und erst kürzlich in Russland ein Paar Schuhe käuflich für eine Handvoll Rubel erwarb, nachdem er das mitgebrachte Paar in eine Tonne entsorgen musste. Ein Kumpel hatte ihm die Tequilla-Shots draufgespuckt, nach erfolgloser Magenpassage.
Eigentlich ist das halb so tragisch. Wenn ich nicht hin und wieder in dunkler Nacht durch den Flur tappen müsste. Wäre ich ein Kerl, ich würde mir Gedanken über meine Prostata machen, weil mir nachts die Blase drückt. Aber ich habe keine Prostata. Trotzdem muss ich durch den Scheißflur um auf das Scheißklo zu gehen. Und das tue ich barfuß, weil ich den Sand unter meinen Fußsohlen liebe. Und die herrliche Kälte des Terrazzobodens. Die liebe ich auch. Und vor allem lasse ich das Licht aus, weil ich sonst das Gefühle habe, einen Sprengsatz in meinem Kopf gezündet zu haben, wenn ich eine Glühbirne anschalte. Ich tappe also im Dunkeln mit maximal gefüllter Blase (weil ich den ganzen Tag vergesse zu trinken und mir abends um halb neun einen dreiviertel Liter Wasser reindrücke, damit meine Blase nicht weiter so schmerzhaft um Flüssigkeit bittet) über kalten, sandigen Boden. Und dann trete ich auf ein Paar Vans. Zwei Paar Winterschuhe. Ein Paar andere Vans. Ein Paar Jugendlichenschläppchen. Ein Paar Turnschuhe. Und noch so dies und das. In einem Flur, der einen Meter breit ist. Oder einen Meter und zwanzig. Eng. Und länglich.
Dadurch gerate ich ins Straucheln, halte mich an der Kunst fest, die mit einem wuschigen Geräusch zum tausendsten Male von der Wand rauscht, knicke um, mache mir fast in den Pyjama, der Hund fängt ob des Gerumpels an zu knurren, ich trete auf den nächsten Schuh, pirouettiere, erwische den Lichtschalter und sehe wieder einmal einen Schuhhaufen, der zum Zwecke eines Genickbruchs genau in meinem Laufweg liegt, während hinter meinen Augen eine Schmerzkaskade entfacht wird, weil um diese Uhrzeit Licht pures Gift ist für mein Gehirn.
Verschissene Scheißschuhe.
Ist es angebracht, in diesem Moment durch das Haus zu blöken: KOMMT IHR MAL BITTE JETZT SOFORT EURE SCHUHE WEGRÄUMEN, IHR VERFLUCHTEN MITBEWOHNER?
Nein. Ist es nicht, weil eh keiner wachwerden würde. Man schießt stattdessen die Galoschen durch den Flur, als wäre man ein Nationalspieler von Jogi Löw. Das hilft kurzzeitig.
Wie wünschte ich mir, so absolut gnadenlos zu sein wie manch anderes Familienmitglied, dass aus Wut schon mal Schuhe des Bruders bei strömendem Regen in den Vorgarten geworfen hat.
Oder so unbedarft wie der eigene Vater, der als Kind heftige Schläge einstecken musste, weil nach dem Wegtauen des Schnees seine Schandtat zum Vorschein kam. Hatte er doch geschaut, wie weit er die Sonntagsschuhe des Großvaters aus dem Fenster in den Garten werfen konnte und bei Tauwetter sagte die Großmutter zum Großvater beim Blick aus dem Fenster: Die Schuhe im Garten, die sehen aus wie Deine Sonntagsschuhe.

Weil jetzt der Blutdruck nach dem Nachtsport ordentlich auf Trab ist und die Pumpe gehörig arbeitet, einige Stresshormone angeflutet werden und der Ärger alle Sinne schärft, ist dann mit Schlafen erstmal Essig. Dann liegst du elend blöd wach herum und verfluchst den Tag, an dem du dich nicht beherrschen konntest und bei den zärtlichen Berührungen… aber lassen wir das.

Einmal warf ich einen Haufen Schuhe die Kellertreppe runter, nur um am nächsten Vormittag beim Weg in den Keller mit einem hoch vollen Wäschekorb fast zu Tode zu kommen. War nicht gelungen.
Dann versteckte ich die Schuhe ein anderes Mal im Keller. Einen hier, einen da. das war schon lustiger, ist aber zu viel Arbeit.

Manchmal liegt neben den Schuhen auch noch ein Jackenärmel. Die Jacke liegt halb auf der Treppe, die andere Hälfte baumelt auf dem Boden herum. Tritt man auf einen Knopf oder ein Stück Reißverschluss, wird man zum Monster und möchte töten. Irgendwas. Egal was. Blutdurst.
Es wachsen einem Haare auf den Handrücken, graue und schwarze. Die Zähne werden lang und länger. Man geht auf alle Viere, die Knochen knacken und knirschen und mit einem unheimlichen Geheule aus der Kehle und zurückgelehntem Kopf blickt man mit gelb funkelnden Augen die Treppe hinauf. Dort oben liegen saftige, schlafende Fleischstücke, zarte Stückchen Filet, die nur darauf warten fachmännisch zerlegt zu werden. Auch im Schlafzimmer nebenan liegt ein Fleischbrocken, nicht mehr ganz so frisch, aber egal, Hauptsache blutig. Töten, töten, töten, rauscht es in den Ohren, diesen spitzen Lauschern, die kleine Büschel an den Spitzen haben. Ganz leise, wie aus weiter Ferne, ruft es: Das darfst du nicht. Das ist verboten. Muttis dürfen nicht die Familie abmurksen. Das gehört sich nicht. Was sollen denn die Nachbarn sagen?
Der Kampf ist wild und gewaltig. Töten versus Was sollen die Nachbarn sagen!
Das Monster stellt sich auf die Hinterbeine, riecht hin und her, leckt sich mit langer Zunge die messerscharfen Zähne, schüttelt sich, öffnet mit den grauenhaften Krallen die Haustüre und entflieht vor sich und den Vollidioten in den Betten hinaus in die mondbeschiene Nacht, um ein paar Wildschweine kalt zu machen… .
Denn die tragen wenigstens keine Scheißschuhe. Genau wie die Scheißgänse.

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