Ich möchte nicht in Krankenhäusern sein. Und der Fürst auch nicht. Der meinte, es ist der Geruch. Wenn ihm dieser Geruch in die Nase kommt, dann wird er gleich ganz unruhig. Das verstehe ich sehr gut. Eine olfaktorische Retraumatisierungshilfe würde ich das nennen.
Und überall sind kranke Leute. Sie tun mir so leid, weil sie zum Teil wirklich sehr schlimm krank sind.
Wobei, eine kranke Frau, die tat mir nicht leid. Sie kam in den Aufzug (Die Aufzüge in unserem Stammhospital sind eine Attraktion für sich, vier Stück, von den maximal drei rauf und runter fahren und zwei immer belegt sind mit Notfällen und einer Essenswagen in das Untergeschoss transportiert und dort vielleicht die Tür blockiert wird von einer heruntergefallenen Gabel und man selbst steht im fünften Stock, möchte mit einer schweren Tasche und einem kranken Vater in das hochgelobte Erdgeschoss, um das Etablissement für vielleicht und hoffentlich doch viele Tage wieder zu verlassen. Die fünf Stockwerke über die Treppe zu bewältigen ist in dieser Konstellation nicht möglich, weil der Vater auf Stockwerk drei vermutlich sofort wieder in das fünfte Stockwerk transportiert werden müsste, liegend, und Frau Lavendels Rücken unter der Last des kleinen Reisetäschchens, das auch gut für einen dreiwöchigen Urlaub in den Dolomiten hätte herhalten können, ganz sicher einen Aufenthalt auf Stockwerk sechs erforderlich gemachte hätte. Aber das nur am Rande.).
Sie rollte hinein in ihrem Rollstuhl, ich schaute nicht richtig hin, lächelte unbestimmt in ihre Richtung, wie ich das bei jedem tue, der in den Aufzug steigt, nach dem Motto, na, auch geschafft eine Abwärtsfahrt zu ergattern? Da keift sie mich an, warum ich so blöd grinsen würde, ob ich mich über sie lustig machen würde. Ich zuckte zusammen und dachte: „Watisnhierlos?“
Sie zeterte und schimpfte, ich schaute sie nur an und bemerkte, dass sie einfach keine Füße mehr hatte. Weg waren sie. Ja, das ist bedauerlich. Mein Vater sagte zu ihr, man habe nur freundlich gelächelt. Da konnte er sich gerade noch eine Packung abholen. Im Wortsinn so etwas wie, dass er ein ziemliches Arschloch sei, weil er und auch ich, wir würden uns über sie lustig machen und ihr Leben wäre echt scheiße genug, da bräuchte sie nicht noch solche Deppen wie uns. Sprachs und rollte aus dem Lift.
Eigentlich wollte ich ihr noch hinterherbrülle, dass sie wenigstens auch mit appenen Füßen noch neunzig Jahre alt werden könnte, während der nette Herr hier neben mir bedauerlicherweise nicht mehr ganz so viel Zeit habe und vermutlich gern seine Füße hergeben würde, wenn es dafür Zeit gäbe.

Aber, ach, was soll es denn. Der nette Herr wäre vermutlich kollaptisch zusammengerutscht, weil er das Thema der verbleibenden Zeit meidet wie der Teufel das Weihwasser. So hielt ich die Klappe und mein Vater murmelte, dass er es verstehen würde, dass man schlechte Laune hat, wenn einem die Füße wegkommen.

Und wenn ich mir die Vögel vor dem Krankenhaus anschaue, also nicht die mit Federn, sondern die Qualmvögel, dann kann ich es manchmal nicht fassen. Im Rollstuhl hocken sie in der Kälte, einen Fuß ab oder ein ganzes Bein. Im Schlafanzug, völlig fertig, aber eine Kippe im Mundwinkel.
Ein Qualmvogel wurde auf den Namen „Der Pförtner“ getauft. Der Pförtner stand nahezu zu jeder Tages- und Nachtzeit an der Krankenhaustür. In einen weißen Bademantel und ein OP-Hemdchen gewickelt saß er in seinem Rollstuhl, aus seinem Hals hing der klassische ZVK-Krankenhausschmuck, also Plastikstrippen, durch die Medikamente über die Halsvene direkt in den Körper geblasen werden. Das Haar grotesk fettig, ein Bein komplett weg und das andere in Kompressionsstrumpf und Gummilatsche gewandet, ließ nach Ansicht der Zehen vermuten, dass es nicht mehr lange beim Besitzer zu bleiben gedenkt.
Stets und ständig inhalierte er den Rauch von Zigaretten. Er erweckte den Eindruck, am liebsten zwei gleichzeitig rauchen zu wollen.
An einem Tag stand er nicht mehr als Pförtner an der Tür um alles in einen Edgar-Wallace-Gedächtnisnebel zu tauchen. Ich machte mir schon Sorgen und dachte, der Arme, vielleicht hat ihn der Herzkasper ereilt. Oder der Schlag getroffen. Oder das andere Bein hat schlapp gemacht. Lungenembolie. Kehlkopfkrebs. Darmkrebs. Was man eben alles so spontan vom Rauchen kriegen kann. Aber mitnichten.

Als ich oben im fünften Stock war und dort aus dem Fenster in die trübe Welt schaute, weil die Welt im Krankenzimmer nur wenig farbiger war, da sah ich ihn.

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Der Bursche ist hinter das Krankenhaus gerollt und hat im Parkverbot auf der Auffahrt für die Rettungswagen ein Raucherpäuschen eingelegt.
Also arbeitet er nicht nur als Pförtner am Vordereingang, auch hinten tut er seinen Job. Im Bademantel. In der Kälte.

Da komme ich in den sechsten Stock, weil ich mir beim Kopfschütteln ein Schleudertrauma geholt habe.
Und wenn ich mir das so überlege, ich fühle mich inzwischen hospitalisiert. Morgen fange ich an, mich vor und zurück zu wiegen.