Es braucht einen Ort für Tränen

Wohin sonst mit dem Winter in meinem Kopf?
Wohin mit der Furcht, die in Wellen durch den Körper fließt?
Wohin mit dem falschen Takt des Herzens?
Wohin mit dem Ende des Wegs?

Wie fest kann man am Herzen ziehen, bevor es reißt?

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Vor zwanzig Jahren war ich das erste Mal bei einer Geburt dabei. Es folgten weitere. Die Geburten meiner Kinder, Kinder von fremden Frauen, Kinder von Freundinnen, das Kind meiner Schwester. Der Anfang eines Menschenlebens. Viel Schmerz, Kampf, Kraft, das alles verbunden mit einer Leichtigkeit. Mit Hoffnung. Dem Versprechen auf Zukunft und Zeit.
Jetzt kommen Wege an ihr Ende.

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Und nachdem im vergangenen Jahr Frau Lotti den ihren zu Ende gegangen war, hat eine weitere alte Dame, die ich in den vergangenen Monaten abends betreute, die letzten Schritte gewagt. Am Freitagnachmittag war, nach Tagen des Kämpfens, der letzte Herzschlag getan, der letzte Atemzug genommen, der letzte Blick, der letzte Gedanke, der letzte Moment.
Frau Käthchen, sehr dement und willensstark, hat mich beschimpft, mir auf die Finger gehauen, mir Prügel angedroht und trotzdem mein Herz gewonnen. Denn wir haben auch gelacht, gesungen, Verse gesprochen und Nutellabrote gegessen.
Gelernt habe ich von ihr. Worte auch einmal neben die Goldwaage zu legen. Alles kann vergessen werden. Alt zu werden ist kein leichter Weg.
Für sie hat die Zeit aufgehört zu existieren. Das ist der Gedanke, den ich hatte, als ich ihr ein letztes Mal die Lippen abwusch, ihre Hände übereinander legte und sie mir noch einmal anschaute. Ihre Zeit ist vorbei. Sie ist aus dem System des Zeitvergehens herausgetreten. Es wird deutlicher, die Zeit ist es, die wir verlassen.

Und die Tränen, die fließen, sind Vorschusstränen für das, was kommen wird.