Endlich habe ich einen weiteren Grund, mir sämtliche Katastrophen dieser Welt auszumalen, beziehungsweise die schlimmste, die ich mir vorstellen kann.

Beide Bengel haben den Führerschein. Beide sind nun berechtigt, mit Waffen aus Metall, Glas und Spreng Treibstoff über die Straßen der Republik zu heizen. Und schon sehe ich es vor mir, das Drama. Gewickelt um Bäume, zermanscht in Straßengräben, meiner Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wenn die beiden knackigfrischen Kerlchen in das kleine Auto des Fürsten steigen, das er sich mit Hilfe der Oma zugelegt hat, dann möchte ich mich vor die Karre werfen und schreien: „Nix da, ihr bleibt mal schön zuhause!“
Weil das doch meine Babys sind. Und ein Baby muss immer schön bei Mutti bleiben.

Aber eine Mutti von erwachsenen Leuten, also zumindest Leuten, die die achtzehn Jahre voll haben, darf sich solche Blößen nicht geben. Die muss lässig auf dem Sofa liegen bleiben, mit einem leichten Nicken signalisieren, dass sie von den Plänen der abendlichen Fahrten Kenntnis genommen hat und, sobald sich die Wohnzimmertür geschlossen hat, hysterisch in das Sofakissen hineinkreischen. Wenn dann die Türe aufgeht und einer der Bengel fragt: „Hast du was gesagt?“, setzt die Mutti ein verquarktes Grinsen auf und sagt röchelnd: „Nöööchelöchel, verschluckt…!“

Also Autofahren jetzt. Und damit verbunden gibt es Diskussionen, wer wann mit meinem Auto fahren darf. Mit meinem Auto. Meinem. Ich mag mein Auto. Vielleicht ist es ein bisschen mehr als mögen. Möglicherweise ist schon ein bisschen Liebe dabei. Dieses nähmaschinige Rattern des Dieselmotors, das weiche Einschmiegen in den mittlerweile von meinem Hintern passgenau eingesessenen Sitz. Die wieder einmal gesprungene Windschutzscheibe. Der dunkelblaue, überall verkratzte Lack. Die elende Kofferraumklappe, die sich gegen mich verschworen hat, die klemmt und sich nur von mir öffnen lassen möchte und das hin und wieder nicht weit genug, wodurch ich schon hübsche rote Streifen und blaue Beulen an der Stirn als Dekoration herumtragen konnte. Sollte diese Kofferraumklappe irgendwann genug von mir haben, wird sie mich aller Voraussicht nach umbringen, in dem sie mir auf den Kopf knallt. Ich glaube, sie wiegt sehr viel und dann bin ich hinüber. Jemand anderem wird das nicht passieren, weil eben niemand den Deckel aufbekommt. Dieses Auto war das teuerste Auto, das ich jemals gekauft habe. Und ich werde es fahren, bis es in die Knie geht. Und dann noch zehn Kilometer weiter. Ich. Aber jetzt steht hier immer jemand, der in Endlosschleife folgende Worte absondert: „Kann ich faaaaaahhhhrnnnn?“
„NEIN!“ möchte ich kreischen. Weil, wie gesagt, ich mein Auto liebe und ein beschissener Beifahrer bin. Kontrollverlust, sag ich nur. Damit dürfte alles gesagt sein.
Und dann dachte ich an meine erste Fahrt im väterlichen Auto vor nun fast neunundzwanzig Jahren. Es war ein hübscher, dunkelgrüner Saab. Turbo. So einige PS waren darin verpackt. Ich hatte gerade dreißig Minuten zuvor den Führerschein gemacht, wobei mir der Fahrlehrer den mit Ach und Krach geschafften Schein (ich war über eine durchgezogene Linie gefahren und durfte die komplette Strecke ein zweites Mal absolvieren) mit den Worten: „Den biste bestimmt bald wieder los!“ (Charmeur, der er nun mal war, der alte Choleriker) überreichte.
Ich setzte mich also in den Saab, mein liebstes Schwesterlein, noch Jahre vom eigenen Schein entfernt, nahm todesmutig neben mir Platz und auf ging es zum örtlichen Supermarkt. Der befand sich in ungefähr zwei Kilometern Entfernung. Ich fuhr die gesamte Strecke im ersten Gang, weil ich die Kiste beim Schalten jedesmal abwürgte. Das war relativ laut. Denn ich fuhr schon auch die gewünschten fünfzig Stundenkilometer. Dann touchierte ich mindestens einmal den Bürgersteig, wodurch das Auto zu einem hektischen Seitensprung verleitet wurde. Meine kleine Beifahrerin hielt sich die Augen zu und mit erhöhter Stimmlage gab sie an, bitte dringend nach Hause zu wollen. Aber wir schafften es. Hin zum Laden und zurück. Das Auto hat überlebt. Ich auch und meine Schwester auch und der tapfere Autobesitzer ebenfalls. Wobei ich die inhaltlichen Faktoren der Fahrt erst Jahre später zum Besten gab.
Und wie ich so daran dachte, während mein Auto durch die Gegend gefahren wurde und die Zeit langsam wie Honig aus der Uhr tröpfelte, meine Phantasie mir ungehobelte Bilder aufdrängte, da schrieb ich ein bisschen Nachrichten mit dem Smartphone.

„Mein Bebi ist weg. Er fährt schon dreißig Minuten. Gleich ruf ich die Polizei“
„Erste Alleinfahrt an seinem Geburtstag genießt er. Calm down!“
„Wie hat der Vater es ertragen, mir damals den Saab zu geben?“
„Hab ihn gefragt. Er hat dir vertraut, sagt er.“