„Ja!“, sagt meine Freundin Betty und die muss es wissen, weil sie auch vor einigen Jahren beinahe dem Leben von der Schippe gesprungen wäre. Oder dem Tod drauf, auf die Schippe. Oder umgekehrt.
„Ja. Immer nur den nächsten Atemzug nehmen. Nicht den Berg anschauen. Oder die komplette Gebirgskette. Lohnt nicht. Nur einen Atemzug. Das reicht. Mehr geht nicht.“

Und dann Ostern? Der sterbende Jesus? Am Kreuz? Gut, das ist schon ziemlich beschissen, von anderen Menschen an ein Kreuz genagelt zu werden und vorher noch gedemütigt und geplagt und gequält und misshandelt worden zu sein. Und das tut sicher weh und ist beschwerlich, eine wirklich fiese Sache. Aber an einem Tumor zu sterben, es zu wissen, dass es kommt, das Ende, und zwar mit Macht und Gewalt, wirklicher Gewalt, traumatisiert durch Operationen, Diagnosen und andere Menschen, das ist nun auch kein Spaziergang.

„Ja“, sagt meine Freundin Betty, „wenn man das von dieser Seite aus betrachtet, dann kann man auch beim Ableben von Jesus sagen, es gibt Schlimmeres. Schlimmer geht immer.“
Und sie kann sich da durchaus ein Urteil erlauben, immerhin ist sie katholisch und glaubt auch dran.

Sich einen Gürtel um die Hüfte zu schlingen, damit an einen Ort zu gehen, an dem Menschen sind, dort dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, dem Leben vieler anderer Menschen gleich mit, das ist völlig unverständlich.
Ein idiotischer Tumor, der in einem Körper wächst, ihn besetzt, verzehrt und vernichtet. Wie blöd kann Krebs denn sein? Ist ihm nicht klar, dass er nichts damit bewirkt, außer dass er damit das, was ihn am Leben hält, vernichtet? Und sich selbst gleich mit. Dumm, wirklich sehr dumm.
Ein idiotischer Mensch, der sein Leben vernichtet und das Leben vieler anderer. Das ist unverständlich, unlogisch.

Im Moment finde ich keine Logik in dem, was geschieht. Es ist frei von Sinn.

Ich verstehe nichts. Aber auf Bettys Rat hin atme ich einfach weiter. Wie immer, so lange ich es kann.