Mein Vater hat viele Namen.
Er ist der große LaBibko, Meisterkoch. Nichts scheut er, an jedes Gericht wagt er sich mit Mut. Was hat er schon alles gekocht in seinem Leben. Und nur selten ist er dabei gescheitert. Der Ochsenschwanz in Schokoladensoße war das eine Gericht, Eintopf mit Wurst das andere. Den Eintopf konnte man nicht essen, weil man eine Salzvergiftung bekommen hätte, den Ochsenschwanz konnte man nicht essen, weil er eine ungute Liaison mit der Schokolade einging. Stattdessen aßen wir die dazugehörigen Bandnudeln mit Ketchup.
Seit ich ihn kenne, kocht er was das Zeug hält. Und ist der Überzeugung, auch der einzige zu sein, der es kann. Dass ich eine dreijährige Ausbildung zur staatlich geprüften Kochgesellin absolvierte, wen kümmert das schon? Nur weil ich die Zwiebeln schneller und feiner schneide bin ich noch lange kein LaBibko.
Und wenn er kocht, dann in Mengen. In rauen. „Und wo ist der Rest der Kompanie?“
Eine Frage, die sich immer stellt im Angesicht des sich biegenden Tisches.

Er ist der Calvados-König. Den Titel hat er in jungen Jahren in einem harten Kampf gewonnen. Es war ein wildes, ein rauschendes Fest, ein heftiges Turnier mit einer Dreiviertelliterflasche, er duellierte sich mit ihr und am Ende der Nacht war er als Sieger hervorgegangen, durfte nun den Titel Calvados-König tragen, während die Flasche sich leer am Boden rollte, neben den überquellenden Aschenbechern und den Kombatanten, die schon nach einem halben Liter in die Knie gingen.

Er ist der Doktor Eisenbart. In Jahren des privaten Studiums der Medizin hat er sich mit nahezu jedem Krankheitsbild befasst, das sich auftreiben lässt. Er ist Experte im Bereich der Kinder- Und Jugendmedizin, hat ausgezeichnete Kenntnisse im Bereich der Bakteriologie und Virologie und ist Hygienebeauftragter. Unvergessen seine eindringlichen Warnungen vor Fußbodenbakterien. Letztlich ist er mitverantwortlich für die Entwicklung antibakterieller Spülmittel. Und sorgt immer noch für den Erhalt der Desinfektionsmittel herstellenden Industrie.

Er ist der Baustellen-Pingel. Mit Winkelmaß und Wasserwaage ist er der Schrecken der Handwerker. Wenn er sich mit leichtem Schritt an den Handwerker heranpirscht, ihm über die Schulter schaut und auch ohne Wasserwaage sofort sieht, „Gerade geht anders“, zuckt dieser zusammen und weiß gleich, wen er da hinter sich hat. Den Meister des rechten Winkels. Den Experten der geraden Linie.
Selbst ein ganz Großer im Bereich des Handwerks, begabt in allen Bereichen, aber eben sehr pingelig, konnte eine drei Quadratmeter große Fläche, die mit Kacheln bedeckt werden sollte, schon einmal eine Woche benötigen, bis alles schön rechts gewinkelt war.
„Nur net hudele“ ist der Erkennungsspruch des Baustellen-Pingels.

Er ist der Ingenieur. Und dem ist bekanntlich nichts schwer. Und zu schwer schon gar nicht. Angefangen bei der ausführlichen Erklärung darüber, was es mit Salpeterblüten im Keller auf sich hat, weiter zu der Einführung in die Funktionsweise eines Schallplattenspielers, hin zu dem brachialen Fall einer Glasbausteinewand, der Ingenieur hat keine Angst vor Herausforderungen welcher Art auch immer.

Er ist der Kitschepitter. Der harte Kerl, dem in der Seele eine Leidenschaft für schmalzige Musik brennt. Der „The Rose“ von Bette Midler mag. Und der sich für Orgelmusik begeistern kann. Der Mann, der lebensgroße Figuren aus Kaninchendraht bastelt und sie mit einer Dose Kölsch in der Hand im Garten auf die Bank setzt. Der seinen Hinternabdruck in Beton gießt und seiner Frau zum Geburtstag schenkt.
Der sich und seinen Seelenfreund, der schon lange vorgegangen ist, auf eine Leinwand zeichnet und ihm immer wieder im Traum begegnet, von ihm gesagt bekommt, dass es schön ist, in dem anderen Land.

Er ist so vieles. Er hat so viele Namen und Titel. Und alle trägt er mit Stolz und Freude, manche mit einem Zwinkern der Augen.

Den, den er jetzt trägt, den will er nicht. Er hasst ihn. Und ich auch.
Alter, kranker, schwacher Mann.